“Sind doch nur Worte.”

Trigger-Warnung: Der folgende Artikel thematisiert digitale Gewalt und Hassrede im Internet.
Wurdest du schon einmal beleidigt? Vermutlich. Wie hat sich das angefühlt? Hat es dich wütend gemacht? Wie hast du reagiert? Überleg ruhig einen Moment. Ging von der Person eine Bedrohung aus? In den meisten Fällen vermutlich nicht. Hoffentlich. Aber wurdest du auch schon einmal von einer Person beleidigt, deren Gefährlichkeit du nicht einschätzen konntest? Wie würdest du dich fühlen, wenn du die Identität dieser Person nicht erkennen könntest und die Person Zugang zu Informationen aus deinem Privatleben hat?
Es ist das altbekannte Lied: Soziale Medien sind in unserer vernetzten Welt geradezu allgegenwärtig. Sich ihrer Vorteile zu entziehen, ist gar nicht so leicht, schließlich werden große Teile des Soziallebens darüber organisiert. Wir sind geradezu süchtig nach digitaler Anerkennung und soziale Netzwerke geben uns kontinuierlich Nachschub. Fast jede:r hat wenigstens einen Account auf irgendeiner Internetplattform und viele teilen in mindestens unregelmäßigen Abständen Einblicke in das eigene Leben und die eigenen Aktivitäten.
Mit dem öffentlichen Teilen von Informationen und eigenen Meinungen geht ein reger Austausch mit anderen und deren Meinungen einher. Diese sind in der Regel respektvoll formuliert, doch drücken sie sich in ihrer negativen Extremform in Beleidigungen, Bedrohungen oder sexueller Belästigung aus – kurz Hassrede und Hasskommentare. Die Anonymität des Internets und die Möglichkeit, einer Person schnell und direkt Nachrichten und Kommentare zukommen zu lassen, erleichtert dies massiv. Man muss seine Identität nicht preisgeben, um auf sozialen Medien Hass zu verbreiten. Und diese Verbreitung von Hass geschieht zahlreich und häufig. Eine Studie des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (2019) zeigt, dass jede:r Zwölfte schon einmal persönlich von Hass im Netz betroffen war. Dabei ist laut einer Untersuchung der Landesanstalt für Medien NRW (2020) gerade die Altersgruppe junger Erwachsener zwischen 14 und 24 Jahren betroffen.
Doch was können diese Hassnachrichten bewirken? Das Sprichwort „Sticks and stones may break my bones, but words will never hurt me“ kennen vermutlich die meisten. Schenkt man diesem Glauben, sollte auch Hassrede im Netz wenig einschüchternd wirken und an den Betroffenen abprallen. Es sind doch nur Worte, oder?
Unsinn! Tatsächlich ist Hass im Netz ist nicht nur ein lästiger Aspekt sozialer Netzwerke, sondern kann tiefgreifende Folgen haben und sich auf die psychische Gesundheit und das Sicherheitsempfinden der Betroffenen auswirken. Betroffene berichten von emotionalem Stress, Depressionen, Angst und Unruhe. Die Folgen sind nachvollziehbar, wenn man betrachtet, womit die Betroffenen konfrontiert werden. Wird jemand im Real Life mit Drohungen und Beleidigungen konfrontiert, ist das auch einschüchternd.
Im Internet jedoch kommt außerdem die Ungewissheit über die dahintersteckende Person hinzu sowie die Masse an Menschen, die die Seite der angreifenden Person gegebenenfalls unterstützen. Die reale Gefahr hinter den Nachrichten ist schwierig bis nicht abschätzbar und der Hass kann die Betroffenen geradezu lawinenartig überrollen, wenn sich viele Menschen zusammenschließen. Manchmal scheint es, als kriege man keine Zustimmung, als würden die Hater*innen dominieren. Dass Hassrede extrem subjektiv wahrgenommen wird, zeigt eine Studie von Duggan (2017): Während derselbe Kommentar von einer Person leicht und vielleicht sogar als unterhaltsam abgetan wird, kann er in einer anderen Person Angst und Unsicherheit auslösen und erlittene Traumata triggern. Die potentiellen Folgen von Hasskommentaren sind auf psychischer Ebene fatal.
Was daraus folgt, ist Einschüchterung. Die oben genannten Studien fanden außerdem heraus, dass Hass im Netz zu eingeschränkter Meinungsäußerung auf sozialen Medien führt. Aufgrund der Sorge, mit Hasskommentaren konfrontiert werden zu können, trauen sich viele Nutzer*innen nicht, sich an Diskussionen zu beteiligen und ihre Meinung auf sozialen Netzwerken zu teilen. Das reduziert die Meinungsvielfalt im Internet, sodass die Bedrohung durch Hasskommentare überhandnimmt und respektvolle, teils unterstützende Kommentare nicht genug Raum kriegen.
Hassrede im Netz ist ein ernstzunehmendes Problem und kann gravierende Folgen für die Betroffenen und darüber hinaus für den allgemeinen freien Diskurs haben. Diese Befunde sind zwar beunruhigend, aber nicht aussichtslos. Der Hass im Internet wird nicht länger hingenommen und es wird aktiv dagegen gearbeitet. Es mobilisieren sich Vereinigungen, Gruppen und Stiftungen, um gegen den Hass im Netz anzukämpfen – unter anderem die Amadeu Antonio Stiftung, Campact, das Nettz und das No Hate Speech Movement. Die Beratungsstelle Hate Aid hat sich auf die Hilfe von Opfern digitaler Gewalt spezialisiert und bietet ihnen sogar kostenlose rechtliche Unterstützung. Somit werden Anlaufstellen für Betroffene geschaffen und Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit geleistet. Betroffene werden nicht mehr alleine gelassen.
Milia Geisler
Quellen:
Duggan, M. (2017). Online Harassment 2017. Pew Research Center.
Eckes, C., Fernholz, T., Geschke, D., Klaßen, A., Quent, M. (2019). #HASS IM NETZ: Der schleichende Angriff auf unsere Demokratie. Jena, Deutschland: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft.
Forsa. (2020). Hate Speech. Zentrale Untersuchungsergebnisse der aktuellen forsa-Studie 2020. Landesanstalt für Medien NRW. Zugriff über: https://www.medienanstalt-nrw.de/fileadmin/user_upload/NeueWebsite_0120/Themen/Hass/forsa_LFMNRW_Hassrede2020_Praesentation.pdf (14.01.2021).