Zum Inhalt springen

Unsere Reisegewohnheiten – ein Ausdruck unseres Lebensstils

Blog

Bild der Autorin
Bild der Autorin

Über Fernweh, Alltagsflucht, Nahlust & eine Reise zu uns selbst

Mit rund 55 Millionen Urlaubsreisenden im Jahr 2019 lagen die Zahlen in Deutschland so hoch wie nie zuvor. 55 Millionen Menschen auf der Suche nach Erholung, Luxus, Abenteuer und Erfüllung. Nur ein Jahr später kam jedoch schon Alles anders. Auf das Hoch folgte ein Tief. Am 17. März des letzten Jahres sprach das Auswärtige Amt eine weltweite Reisewarnung für Urlaubsreisen aus. „Wir bleiben zuhause“ hieß das neue Motto nun während der Corona Krise. Für unser Klima eine Bereicherung, für etliche Urlauber und die Tourismusbranche eine absolute Einbuße. Was anfangs aber noch zu verkraften war, wurde nach kurzer Zeit für viele zur Folter. Plötzlich war da diese Leere in einem, die es zu füllen galt. Diese Sehnsucht nach der Ferne – Sehnsucht nach Abstand vom Gewohnten. Spätestens dann, wenn man vor dem Laptop saß und im Internet oder in den Sozialen Medien nach exotischen Reisezielen stöberte, hatte einen das Fernweh früher oder später gepackt. Doch warum reisen wir eigentlich so viel und gerne? Müssen wir wirklich in ein Flugzeug steigen, um Erfüllung zu finden? Oder hat uns die Corona Pandemie nur auf eine längst überfällige Thematik aufmerksam werden lassen?
Unsere heutige Welt wird immer schnelllebiger. Für viele bedeutet der Urlaub daher vor allem eins: Entschleunigung. Abstand vom Alltag gewinnen, weg von Stress und Monotonie. Doch angekommen im Urlaub geht der Alltag dann oftmals grade so weiter, nur eben mit anderen Mitteln. Von Städtetrips mit Rundfahrten und ewigen Shoppingtouren, zum Urlaub am Meer, wo kulinarische Highlights mindestens so abgeklappert werden, wie die Sehenswürdigkeiten beim Urlaub in der Stadt. Ein Foto, ab damit ins Internet und weiter geht’s zum nächsten Hotspot. Hauptsache der Konsum hört nicht auf. Aus der Suche nach friedlicher Natur und alten Kulturen, nach Ruhe und Entschleunigung wird vor allem Eines: Die Suche nach einem stillen Plätzchen, um den Menschenmassen, die gewappnet mit ihren Lonely Planets und Smartphones alle dieselben Örtlichkeiten, Hotels und Restaurants abklappern, zu entkommen. Irgendwann endet der Urlaub, man kehrt wieder zurück nach Hause und geändert hat sich was? Richtig – nichts. Auch die Zeit für eine wirkliche Reflexion bleibt nicht, denn der normale Alltagswahnsinn setzt sich ja fort. Und als wäre es nicht schon genug, fügen wir, während wir über den Wolken Tomatensaft nippen, unserer Umwelt auch noch immensen Schaden zu. Unsere Reisegewohnheiten – ein Ausdruck unseres Lebensstils.
Schon der griechische Fabeldichter Äsop besagte: „Wer unzufrieden ist an einem Ort, wird selten glücklicher an einem anderen Ort.“ Der Grund dafür? Unser Ich, das wir, egal wohin wir gehen, wie weit wir uns auch entfernen, mitnehmen. Ist es daher nicht primär ein anderes Ich, andere Facetten unseres Selbst, die wir auf Reisen suchen und der Ort an sich nur zweitrangig? Braucht es die fremde Umgebung, um das Fremde in uns zu erwecken?
Bei dieser Frage denke ich gerne an meine Kindheit zurück und an eine Geschichte, die mir bis heute in Erinnerung geblieben ist: Oh wie schön ist Panama. Die Freunde kleiner Tiger und kleiner Bär leben in einem Häuschen nahe eines Flusses. Beide träumen von dem Land Panama, wo alles besser, größer und schöner sein soll als zu Hause. Somit beschließen sie sich auf den Weg zu machen, um diesen Ort zu finden. Unterwegs werden sie aber oftmals in die falschen Richtungen geleitet und merken dabei nicht, dass sie eigentlich die ganze Zeit nur im Kreis laufen, weshalb sie irgendwann wieder an ihrem alten Zuhause ankommen. Weil aber einige Zeit vergangen war, erkennen sie ihr von der Witterung angegriffenes Haus gar nichtmehr. Sie glauben tatsächlich an ihrem Ziel angekommen zu sein, reparieren das Häuschen und sind glücklich, endlich in dem Land ihrer Träume leben zu können. Das Häuschen kam ihnen jetzt so schön vor wie kein anderer Ort auf der Welt. “Oh Tiger”, sagte der kleine Bär nun jeden Tag, “wie gut ist es, dass wir Panama gefunden haben, nicht wahr?” Erst aus der Distanz konnten sie erkennen, was sie von nahem nicht gesehen haben: Wie schön und wertvoll die eigene Heimat eigentlich ist. Zu sich selbst kommen, beim Weggehen; Weggehen, um anzukommen. Darin besteht wohl die Dialektik des Reisens.

Bild der Autorin
Bild der Autorin

Was lässt sich für uns daraus mitnehmen? Auf jeden Fall mehr Bewusstsein für unsere eigentlichen Beweggründe des Verreisens zu schaffen. Suche ich nur eine schöne Umgebung? Eine Grenzerfahrung? Etwas Neues? Eine Reise zu mir selbst? Vor allem für Letzteres spielt die Umgebung kaum eine Rolle, weil es vielmehr um die Selbstverwirklichung geht, als fremde Orte zu erkunden. Ob Kurztrip oder Langzeitreisen, Komfort- oder Abenteuerurlaub, es gibt viele verschiedene Arten von Reisen. Für die wenigsten Gründe muss man jedoch jedes Mal eine Fernreise antreten. Schauen wir an der Stelle einmal auf die Worte des bengalischen Dichters Rabindranath Tagore: „Ich stelle mir bisweilen vor, wenn ich durch die Straßen gehe, ich sei ein Fremder, und erst dann entdecke ich, wie viel zu sehen ist, wo ich sonst achtlos vorübergehe.“ Bei der Nahaufnahme der eigenen oder näheren Umgebung soll es nicht um eine Nabelschau eines bequemlichen Balkonienurlaubes gehen. Vielmehr geht es um die Erfahrung, dass das „Heimische“, das uns „Nahe“ oft vom „Fremden“ durchzogen ist. Wer mit mehr Achtsamkeit durch seinen Alltag geht wird feststellen, dass man für Begegnungen mit uns unvertrauten Lebensweisen, für neue Abenteuer und Eindrücke nicht in einen Flieger, selten auch in einen Zug steigen muss. Die „Fremde“ ist so viel näher als wir es oft für möglich halten. Um sie wahrnehmen zu können, müssen wir nur einfach mal ein paar Gänge zurückschalten; unsere Fortbewegung verlangsamen – entschleunigen.

Theresa Achatz