Volunteering im globalen Süden – wer hilft hier wem?

Für ein paar Wochen bis hin zu mehreren Monaten nach Afrika, Asien oder Lateinamerika reisen, um ehrenamtliche Projekte zu unterstützen: Viele junge Menschen werden von den zahlreichen Angeboten dieses sogenannten Volunteering angezogen – und das so sehr, dass daraus mittlerweile ein riesiges Geschäftsmodell erwachsen ist. Doch die Sinnhaftigkeit dahinter wird wenig hinterfragt.
Menschen zu helfen ist wohl der stärkste Gedanke, der junge Leute antreibt, als Volunteers in den globalen Süden zu gehen. Gleichzeitig kann auch noch ein fremdes Land erkundet werden und gut auf dem Lebenslauf lässt es sich auch noch lesen. Besonders attraktiv ist die Arbeit mit Kindern, etwa in Schulen, Kindergärten oder Waisenhäusern. Wagt man einen Blick in die Werbungen der zahlreichen Anbieter für diese Art von Freiwilligendiensten, lesen sich Dinge wie „Bei der Freiwilligenarbeit in Afrika kannst du dem grauen Alltag entfliehen und gleichzeitig Gutes tun.” oder etwa „Lass deinen Traum von Afrika Wirklichkeit werden!”. Dies klingt verlockend und lässt auch leicht vergessen, dass man für diese Trips in der Regel Beträge im vierstelligen Bereich aus eigener Tasche zahlen muss. Doch wenn das alles doch für eine gute Sache ist, worin liegt dann das Problem?
Um dies beantworten zu können, ist es zunächst einmal notwendig, die kolonialen Strukturen hinter solchen Programmen zu erkennen. Der Grund, warum Länder im globalen Süden so viel ärmer sind und gerne als „Dritte Welt” oder „Entwicklungsländer” betitelt werden, liegt nämlich an den Ausbeutungsmechanismen Europas. In der Kolonialzeit, in der auch Deutschland eine enorme Rolle gespielt hat, drangen weiße Mächte vor allem in Afrika ein und versklavten und enteigneten über Jahrhunderte hinweg die dort lebende Bevölkerung. Diese Dynamiken haben sich nach der Unabhängigkeitserklärung nicht etwa aufgelöst, sondern sind bis heute noch wirksam. Wenn nun weiße Europäer*innen solche Volunteering Programme als wirkliche Hilfe ansehen, liegt darin eine gewisse Scheinheiligkeit. Es stellt sich also die Frage: Wird den Menschen durch diese Projekte wirklich geholfen? Oder wird eventuell sogar mehr Schaden angerichtet? Wenn wir uns anschauen, wer in diesen Ländern Kinder in Englisch oder Mathe unterrichtet oder in Waisenhäusern auf sie aufpasst, wird schnell klar, dass die meisten Volunteers überhaupt keine Qualifikation für diese Tätigkeiten aufweisen. Würden wir uns andersherum vorstellen, dass hier in Deutschland eine 18-jährige Person plötzlich Kinder in Schulen unterrichtet, wäre dieses Bild absurd. Warum sollte es also in Afrika, Asien oder Lateinamerika in Ordnung sein?
Es ist also essentiell, dass wir unsere Aufmerksamkeit von den Intentionen der Volunteers wegrichten und uns stattdessen fragen, was es langfristig für die Menschen vor Ort für Auswirkungen hat. Die meisten Volunteers bleiben höchstens für einige Monate, manche tatsächlich sogar nur für wenige Wochen. Für die Kinder ist es normal geworden, ständig ein neues weißes Gesicht zu sehen, das sie dann nach kurzer Zeit wieder verlässt. Sie haben dadurch keine Bezugspersonen und lernen immer wieder, dass weiße Menschen ihre Autoritätsfiguren darstellen. Wir alle kennen aber nur die Bilder der fröhlichen und tanzenden armen Schwarzen Kinder, die den weißen Helfer*innen in Dankbarkeit in die Arme fallen. Es ist das Bild des sogenannten „white saviors”: Weiße Menschen aus dem scheinbar modernen, hochentwickelten Europa gehen in den armen, unkultivierten Süden, um den Menschen zu zeigen, wie man „richtig” lebt. Was richtig und falsch ist, entscheidet sich dabei natürlich aus eurozentrischer Perspektive. Diese Inszenierung eines weißen Retters gründet sich in dem rassistisch geprägten Gedanken, dass weiße Menschen moralische und intellektuelle Überlegenheit besäßen und sich deswegen anderer nicht-weißer Menschen annehmen müssten. Nach ihrer Reise können die white saviors dann davon berichten, wie glücklich die Kinder dort waren, obwohl sie doch so einfach gelebt haben. Sie fühlen sich dadurch geerdeter, wissen nun auch die kleinen Dinge im Leben zu schätzen. Sie glauben, sie hätten etwas Sinnvolles getan, etwas zurückgegeben. Schwarze Kinder aus Armutsverhältnissen werden also ausgenutzt, um das eigene schlechte Gewissen zu reinigen.
Doch dafür sind diese Kinder nicht da. Und wirklich getan ist nach dieser kurzen Zeit des Volunteering wenig. Oft wird dann das Argument genannt, dass ein bisschen Hilfe doch besser sei als gar keine, dass ohne die freiwilligen Helfer*innen vieles nicht funktionieren würde und sie doch eigentlich nur Gutes für die Menschen tun wollten. Doch die vermeintlich guten Intentionen der Freiwilligenarbeiter*innen rechtfertigen in keinster Weise, dass in Wahrheit aus Volunteering eine Industrie geworden ist, die sich nur auf die Interessen der Volunteers konzentriert und dabei die Auswirkungen auf die Einheimischen völlig außer Acht lässt. Dies hat starke Abhängigkeitsverhältnisse der betroffenen Länder von solchen Projekten zu Folge. Dadurch wird die Arbeit von lokalen Organisationen der einheimischen Bevölkerung verdrängt, die sich tatsächlich mit den Problematiken im Ort beschäftigen und Wertvolles leisten. Arbeitsplätze werden außerdem von Volunteers eingenommen, die eigentlich den Menschen vor Ort zukommen sollten. Wenn also die vielen durch Volunteers besetzten Lehr- oder Erziehungsstellen nicht von den Einheimischen übernommen werden, führt dies dazu, dass sich diese Systeme nicht selbständig entwickeln können. Sowohl den Kindern, als auch den Einheimischen, die auf solche Arbeitsplätze angewiesen sind, wird somit langfristig gesehen extrem geschadet. Und oben drauf ist bei vielen Anbietern auch nicht transparent, wohin das Geld aus den Taschen der Volunteers tatsächlich fließt.
Was also auf den ersten Blick als sinnvolle Arbeit erscheint, entlarvt sich als eine überhaupt nicht langfristig gedachte Lösung für Probleme in ehemals kolonialisierten Ländern. Wer wirklich etwas verändern möchte, darf sich also von solchen Aktionen nicht blenden lassen. Das Geld wäre deutlich besser bei lokalen Organisationen aufgehoben und die eigene Energie sollte eher darin investiert werden, Politiker*innen im eigenen Land dazu aufzufordern, endlich mit der Ausbeutung des globalen Südens aufzuhören. Denn darin liegt die eigentliche Wurzel des Problems.
Liora Shahrestani Mayer