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Vom Träumen und Zweifeln

Blog

(Quelle: Pixabay, Pexels)

Mein Handy kündigt durch ein nachhallendes „Bing“ eine neue Nachricht an. Nicht, dass ich nicht ohnehin gerade vor dem Bildschirm hänge und schlechten Gewissens die Zeit auf meinem Instagram-Feed totschlage. Es ist ein weitergeleiteter Post der Unizeitung, in dem das Oberthema der nächsten Ausgabe angekündigt wird: „Zukunftsmusik“ soll es heißen. Meine Freundin steckt hinter der Nachricht, sie möchte mich damit wohl unterschwellig an meinen Vorsatz erinnern, mich auf das Schreiben zu konzentrieren. Ich schwelge kurz in Gedanken, wie es wäre, tatsächlich einmal etwas zu schreiben, das nicht in den Tiefen meiner Festplatte verschwindet. Einmal dem Traum vom Dasein als Schriftsteller ein klein bisschen näher zu rücken. Einmal nicht im „Was-wäre-wenn“ hängenzubleiben.

Da ist es – dieses Kribbeln, das mich aus meinem Social-Media-Couchpotato-Abwärtsstrudel rettet und mich vor ein Blatt Papier zieht, um meine Gedanken zu ordnen und niederzuschreiben. Hektisch schmiere ich das Wort „Zukunftsmusik“ in die Mitte des Blattes, setze einen schiefen Kringel darum und beginne hochmotiviert Ideenstränge zu verbinden. Doch ebendieses Kribbeln, das mich in diesen euphorischen Schreibfluss versetzt hat, kommt in unbeliebter Begleitung – es ist der Selbstzweifel, der mir leise die vernichtenden Worte in mein Ohr flüstert: „Was hast du der Welt schon zu sagen?“. Und so schnell, wie es begonnen hat, kommen sowohl meine Ideen, als auch mein Bleistift in der Hand wieder zum Stillstand.

Was habe ich der Welt denn zu sagen? Haben nicht all die intelligenteren, erfahreneren oder tiefgründigeren Schriftsteller und Schriftstellerinnen vor mir schon alles gesagt, was ich vielleicht zu sagen haben könnte? Habe ich in meinen jungen Jahren überhaupt das Recht, irgendjemandem irgendetwas von der Welt zu erzählen? Und bin ich mir denn überhaupt sicher, dass ich das, was ich der Welt sagen möchte, auch in drei Jahren noch so sagen würde?

Es wirkt beinahe wie ein Déjà-vu. Meine Gedanken machen einen U-Turn, weg von der Zukunft, in der mein Name unter einem selbst verfassten Artikel steht, hin zur Vergangenheit, in der ich dieselbe Situation, nur mit kleinen Variationen, schon etliche Male durchlebt habe. Und plötzlich wird mir klar, dass ich weiß, was ich zu sagen habe.

Jeder, der von etwas träumt, hört sie: seine Zukunftsmusik. Sei es eine Reise in ferne Länder, der Traumjob oder einfach ein sicheres und unbeschwertes Leben, irgendwo im Grünen. Je länger diese Playlist läuft, desto öfter funkt DJ Selbstzweifel mit seinen Lieblingshits dazwischen und vergrault das Publikum – uns.

Und so werden aus abenteuerlustigen Weltentdecker*innen verschnarchte Vorstadthaus- Besitzer*innen und aus kreativen Idealist*innen gestresste Arbeitstiere, deren Zukunftsmusik selbst nach ihren drei abendlichen Gläsern trockenem Rotwein so weit entfernt spielt, dass sie sich und der Welt ausweichend erzählen, sie seien nun mal erwachsen geworden und hätten die „echte Welt“ kennengelernt. Doch die echte Welt ist, wenn auch mit Ausnahmen, die, die wir aus ihr machen.

Es kommt darauf an, ob wir die potentielle Meinung anderer Menschen, die mit ihrer eigenen Welt unzufrieden sind, auf stumm stellen, oder ob wir sie in unserem Zukunftsmusik-Mix spielen lassen. Ob wir unseren eigenen Miesepeter einmal in einen dunklen und schalldichten Keller sperren und aus fernen Träumen eine etwas nähere Wirklichkeit machen. Und selbst wenn das nur ein kurzer Beitrag in einer kleinen Zeitschrift ist – vielleicht wird die Zukunftsmusik schon ein klein wenig mitreißender.

Mathias Thiemel