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Von Arbeitskindern und der Illusion der Berufsfreiheit

Blogvon Sophie Achenbach

Quelle: Sophie Achenbach (BGB)

Für mich war das immer selbstverständlich: Wenn ich groß bin, dann kann ich werden, was ich will. Eine Zeit lang, mit vier oder fünf Jahren, wollte ich später unbedingt mal als Tierpflegerin arbeiten. Dann als berühmte Sängerin. Dann als Lehrerin und dann als Ärztin. Und in den letzten Jahren meiner Schulzeit hat sich mein jetziger Berufswunsch angefangen zu manifestieren: Ich möchte als Journalistin mein Geld verdienen. 
Dementsprechend habe ich meinen Lebenslauf nach dem Abitur gestaltet: Ein freies Jahr nach dem Abi, die obligatorische Selbstfindung im Ausland, un- oder schlecht bezahlte Praktika und jetzt ein Studium, denn ohne einen Hochschulabschluss kommt man im Journalismus nicht weit, habe ich mir sagen lassen. Und auch mit einem Studium bewegt man sich auf ganz dünnem Eis, konnte ich heraushören: Besondere Qualifikationen, Praxis-, am besten Auslandserfahrungen sind gefragt.
Viele, die als Arbeiterkind studieren wollen, müssen erstmal eine ziemlich große Informationslücke schließen – und haben selbst dann oft noch mit Benachteiligung zu kämpfen verkraftbar. Ich gehöre schließlich zu den laut dem Deutschen Studentenwerk (DSW) 86 % der Studierenden, die sich ihr Leben zumindest teilweise aus dem elterlichen Geldbeutel finanzieren. Ein oder zwei Semester länger zu studieren, ist kein Problem. Noch ein mager bezahltes Praktikum zu machen, auch nicht. Ein Volontariat nach dem Studium auch nicht. Geld spielt zwar eine wichtige Rolle, aber nicht die einzige. Ich habe Zeit. Und ich weiß, ich muss mich anstrengen, aber ich werde so lang Unterstützung bekommen, bis ich sicher auf eigenen Beinen stehe.

Für mich war das immer selbstverständlich: Denn das verstehe ich unter Berufsfreiheit. Ich kann werden, was ich will. Alle Menschen bekommen die Chance, den Beruf zu ergreifen, den sie wollen. Doch die Realität ist das nur innerhalb der privilegierten Blase, in der ich als Akademikerkind lebe.
Katja Urbatsch wollte auch Journalistin werden. Auch sie hat dafür ein Studium aufgenommen – zu dem ihr auch damals erfahrene Journalist*innen geraten haben. Der Unterschied: Katja Urbatsch war die Erste aus ihrer Familie, die sich dazu entschlossen hat, zu studieren. Und viele Hürden haben dies ganz schön schwierig für sie gemacht. Und damit ist sie nicht allein. Nur 47 % der Studierenden kommen aus Haushalten, in denen kein Elternteil über einen akademischen Abschluss verfügt. Auch wenn diese Zahl erst einmal nach gar nicht so wenig klingt, lässt sich daraus eine deutliche Unterrepräsentation der Nichtakademikerkinder herauslesen, denn ihr Gesamtanteil in der Altersgruppe liegt bei 72 %. Eine Grundlage, über die die von Urbatsch benannten „Arbeiterkinder“ häufig nicht verfügen, ist ein akademisches Netzwerk. Welcher Studiengang ist überhaupt der richtige? Was sind Creditpoints? Wie schreibt man eine wissenschaftliche Arbeit? Wer kann mir einen guten Praktikumsplatz verschaffen? Ohne erfahrene Verwandte oder Bekannte, die die Zeit und das Wissen haben, einem mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, lassen sich diese Fragen gar nicht so einfach beantworten.
Die zweite Grundlage, die allen Studierenden zur Verfügung stehen muss, ist finanzieller Natur. Der Unterhaltsbedarf von Studierenden liegt im Durchschnitt bei etwa 735 Euro im Monat, schätzt das DSW. Auch mit einem Nebenjob sind die meisten also auf Hilfe bei der Finanzierung angewiesen. 2016 haben Eltern im Schnitt 541 Euro zum Lebensunterhalt beigesteuert – und ein Großteil dieser Gelder stammte aus Haushalten aus den höheren Bildungsschichten. Eine vom Bund bereitgestellte Alternative zur Studienfinanzierung soll das BAföG darstellen. Doch auch hier sind die Ergebnisse des DSW eher ernüchternd: Der Anteil der Geförderten mit niedriger Bildungsherkunft ist seit 2012 um 14 % gesunken; der durchschnittliche Förderungsbetrag hat sich um 54 Euro verringert. In einem alternativen BAföG-Bericht stellen Kritiker*innen dar, wie die BAföG–Bedarfssätze systematisch zu niedrig kalkuliert werden: Während ein durchschnittliches WG-Zimmer laut Bericht 403 Euro Miete kostet, liegt die Bafög-Wohnpauschale bei 325 Euro.
Eine vermeintliche Lösung für beide Probleme, mit denen viele Arbeiterkinder zu kämpfen haben – Mangel an Kontakten und Mangel an finanziellen Ressourcen – könnte ein Stipendium bieten. Katja Urbatsch konnte sogar einen Platz ergattern – in einem Stipendienprogramm der Boston University. Doch damit ist sie leider vergleichsweise allein unter den Arbeiterkindern: Obwohl gerade sie häufig besonders von den Angeboten eines Stipendiums profitieren könnten, machen laut der taz Erstakademiker*innen einen äußerst geringen Anteil an den Stipendiat*innen aus. Bei der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung werden beispielsweise nur zu ca. 24 % Arbeiterkinder gefördert. Insgesamt sind laut taz-Recherchen 33 % der Geförderten Nichtakademikerkinder.

Katja Urbatsch hat erkannt: Viele, die als Arbeiterkind studieren wollen, müssen erstmal eine ziemlich große Informationslücke schließen – und haben selbst dann oft noch mit Benachteiligung zu kämpfen. Deshalb hat sie vor 13 Jahren die Website arbeiterkind.de ins Leben gerufen. Was erst als kleines Informationsportal für Erstakademiker*innen gedacht war, hat sich mit rasantem Tempo zu einer Organisation mit über 6000 ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen in 75 Städten vergrößert. Hier werden jährlich 30.000 Studierende beraten, finanziell gefördert und bei Gesprächen mit Bundes- und Landtagsabgeordneten repräsentiert. Journalistin ist Katja Urbatsch selbstredend also auch nicht mehr geworden, sie ist jetzt die Geschäftsführerin der Organisation. Mittlerweile hat sie sogar das Bundesverdienstkreuz für ihre Initiative erhalten.
Auch, wenn die Berufsfreiheit großteils leider immer noch nur auf dem Papier existiert: Engagierte, bewundernswerte Menschen wie Katja Urbatsch schaffen es, ihr auch in der Realität ein kleines Stück weit näher zu kommen. Und das ist gut so, denn ebendiese Arbeiterkinder bringen oft unverzichtbare Qualitäten mit in ihr Berufsleben – wie Katja Urbatsch es selbst in einem Gastbeitrag für die WirtschaftsWoche formuliert: „Soziale Herkunft ist eine Stärke, die Wettbewerbsvorteile und Innovationskraft birgt. Menschen, die sich gegen viele Widerstände in ihrem Leben durchgesetzt, die Resilienz und Lösungskompetenz bewiesen haben, sind heute und künftig unverzichtbar für Gesellschaft und Demokratie. Es wird Zeit, dass diese Eigenschaften stärkere Wertschätzung erfahren.“

Quelle: Sophie Achenbach (BGB)