Wie relevant ist „klausurrelevant“? – Wie man im Studium (wieder) einen Sinn finden kann

Wenn ich, wie in jeder Klausurphase, in 60-seitigen Vorlesungsskripten voller Terminologie-Tohuwabohu versinke, taucht in kurzen Verschnaufpausen immer wieder die Frage auf: Wozu das Ganze? Spätestens im dritten Semester sollte jedem Bachelor- Anwärter doch klar sein: Studieren, das ist das qualvolle Einprügeln und Auskotzen hochgestochener Theoriekonstrukte, die mit dem Anspruch erschaffen wurden, scheinbare Erkenntnisse möglichst kompliziert auszudrücken. Höchste Zeit, mal von Grund auf zu hinterfragen: Warum studiere ich eigentlich?
Klar, nüchtern betrachtet gibt es da schon einige gute Gründe: Ich möchte später mal einen Beruf ausüben, der mich glücklich macht, sei es, weil er mir viel Geld bringt oder mich erfüllt oder gesellschaftlich sinnvoll ist, und dafür brauche ich einen bestimmten Abschluss. Andererseits studiere ich – im Idealfall – schon auch, weil mich die Inhalte interessieren. Ich finde es spannend zu wissen, was Pierre Bourdieu unter dem „Habitusbegriff“ versteht, auch wenn die Personalerin im Bewerbungsgespräch diese Kenntnis nicht allzu
beeindruckend finden dürfte. Und natürlich möchte ich auch in das studentische Leben eintauchen und in wilden Feiernächten coole Leute kennenlernen (Wir wünschen es uns alle zurück). Aber ganz egal, aus welchen dieser Gründe man sich letztlich für ein Studium entscheidet – der übergeordnete Sinn ist doch immer, ein glücklicheres (und dadurch sinnvolleres) Leben zu führen. Die entscheidende Frage muss also lauten: Wie kann ich studieren, damit das Studium etwas zu diesem Sinn beiträgt?
Der Soziologe Hartmut Rosa von der Universität Jena hat eine Art Konzept entwickelt, die auf diese Frage, wie ich finde, eine gute Antwort geben kann. In seiner Resonanztheorie stellt er zunächst einmal fest, dass in der gegenwärtigen Gesellschaft so gut wie all unsere Handlungen darauf aus sind, unsere „Welt-Reichweite“
zu erhöhen. Über Spotify haben wir Zugriff auf nahezu sämtliche Lieder und wenn wir etwas im Internet posten, hoffen wir auf möglichst viele (positive) Reaktionen. Auch im Studium gilt diese Steigerungslogik: Durch den Uni-Besuch wollen wir mehr Wissen, mehr Geld und/oder mehr soziale Kontakte ansammeln. Hinzu kommen (Berufs-)Wünsche und andere Träume, sodass wir eigentlich nie mit unserem momentanen Stand zufrieden sind, sondern immer von irgendetwas mehr wollen.
Doch wenn wir diesen permanenten Wachstumsgedanken nicht entkommen und ständig unseren Zielen hinterherhetzen, führt das häufig eben nicht zu einem „besseren Leben“, sondern zu Überforderung, Unzufriedenheit oder Frust. Sinnvoller ist es laut Rosa also vielmehr, unsere Lebenseinstellung anstelle von „Welt- Reichweite“ nach „Resonanz“ auszurichten. Was bedeutet das? Wir alle kennen das Gefühl einer inneren Beschwingtheit oder Berührung mit unserer Umgebung. Das kann auftreten, wenn man verliebt ist oder ein besonderes Lied hört oder bei einer ausgelassenen WG-Party ein anregendes Gespräch führt. Oder aber auch im Studium, beispielsweise in einer inspirierenden Seminar-Sitzung oder wenn man von einem
Thema so angefixt ist, dass man sich auch über die Uni hinaus damit beschäftigt. All das meint Rosa mit „Resonanz“. Er nennt es „eine Art und Weise des Verbundenseins mit der Welt, bei der in uns etwas zu schwingen beginnt“ („Entschleunigung ist auch keine Lösung“, Interview mit Deutschlandfunk Kultur, 05.03.2016) . Wichtig dabei ist es allerdings, sich zu vergegenwärtigen, dass man Momente der Resonanz nicht erzwingen kann. Oft ist es sogar so, dass sie genau dann nicht eintritt, wenn man sie eigentlich erwartet hätte. Bei einer Reise entstehen die besten Momente häufig dann, wenn man gar nicht damit rechnet – zum Beispiel, wenn man in einem heruntergekommenen Hostel die nettesten Menschen trifft.
Wie können wir also studieren, um wieder mehr Resonanz zu erfahren? Generell kann es ratsam sein, häufiger in sich hineinzuhorchen und seine Resonanzfelder zu erkunden. Sich also in Bezug auf das Studium zu fragen: Für welche Themen brenne ich? Welche Inhalte lösen etwas in mir aus oder inspirieren mich? Wie kann ich meine persönlichen Leidenschaften oder Hobbies einbringen? Das bedeutet nicht, dass einem das Studium immer Spaß machen oder leichtfallen muss. Oft erfährt man gerade nach harter, „quälender“ Arbeit eine Art von Resonanz (zum Beispiel das beflügelnde Gefühl, etwas Anstrengendes geschafft zu haben). Aber vielleicht hilft es, sich von dem unbewussten Druck zu lösen, ständig mehr „Welt-Reichweite“ anhäufen zu müssen. Ein lebendiger WG-Abend mit seinen Mitbewohner*innen ist für das Studium dann häufig sogar sinnvoller als das Lernen für eine Klausur. Die besten Ideen kommen nämlich meistens nicht beim vertieften Lernen im stillen Kämmerchen, sondern bei wilden Diskussionen mit heiter-angetrunkenen Studierenden.
Die Universität bietet einen fantastischen Rahmen, um zu einem sinnstiftenden, inspirierenden Leben beizutragen – wichtig ist nur die Bereitschaft der Beteiligten, sich wieder mehr berühren und in Schwingung versetzen zu lassen.
Yannik Ambrusits