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Apropos Marmeladenglasmomente

Blogvon Anna-Lisa La Rocca

Januar 2021 

Es ist einer dieser Momente, bei denen man erst merkt wie wertvoll sie sind, nachdem sie schon  lange vorbei sind.  

Sie haben mich schon immer beschäftigt. So sehr, dass mir bis heute die Metapher von Cornelia  Funke im Kopf hängen geblieben ist, die ich mit 9 Jahren in meinem liebsten Kinderbuch gelesen  habe. Die inzwischen über TikTok und Instagram Reels hüpft und ihr damit die Magie genommen  wird:  

Augenblicke, die so schön sind, dass man sie einfangen und für immer behalten will. Man will sie  in ein Marmeladeglas stecken und wenn man unglücklich ist, öffnet man es und kann an diesen  Momenten schnuppern, um sich an sie zurück erinnern.  

Bis heute habe ich aber keine treffendere Metapher gefunden.  

Es ist kalt. So kalt, dass die Luft gegen meine Wange sticht und ich mein Gesicht tiefer im Kragen  meiner Winterjacke vergraben möchte, so dass man es gar nicht mehr sehen würde. Alles an mir ist  so eingefroren, dass ich mich frage, warum wir uns überhaupt hingesetzt haben, anstatt weiter zu  laufen und uns dabei wenigstens ein bisschen zu bewegen. Weiter auf die Suche nach Schnee zu  gehen, die den ganzen Nachmittag so vergeblich war, obwohl es immer noch danach riecht. Außer  zwei Brocken am Wegrand im Wald ist wohl aber schon alles wieder weggeschmolzen. Aber die  Kälte ist geblieben. 

Nur die Tasse Tee in meinen Händen bringt einen wohligen Kontrast zu der eisigen Luft, die sich  langsam durch meine Jacke in meine Jeans frisst. Er dampft, als wäre das Wasser noch am kochen,  weil du mir gerade erst aus der Thermoskanne nachgeschüttet hast. 

Ich sehe zu dir und du sitzt genauso da wie ich. Dick eingepackt in deine grüne Winterjacke, die  Tasse nah an dein Gesicht, als würde sie dir dort etwas Wärme spenden können. Und du erzählst  von deinem neuen Praktikum, das dir so viel Spaß macht, dass du dabei ununterbrochen am Lächeln  bist. Was mich Lächeln lässt.  

Es ist irgendwie unwirklich, denke ich. Wir kennen uns schon so lange und gerade nach diesem  Jahr, indem wir uns kaum persönlich sehen konnten, bin ich so unglaublich froh, dich bei mir zu  haben und sagen zu können, dass wir immer noch befreundet sind.  

Vor uns liegen diese großen Felder und man kann den Garten von unserem Haus sehen, indem wir  früher immer gespielt haben. Die Schaukel auf der wir probiert haben bis zum Himmel zu kommen  und einen Überschlag zu schaffen, ist abgebaut. Aber die beiden Hügel vom Zement kann man noch  erkennen. Wir waren unglaublich glücklich.  

Hätte meinem neun-jährigen Ich jemand gesagt, dass wir auch elf Jahre später noch befreundet sind  und hier zusammen sitzen, hätte ich nur unverständlich geschaut. Ist doch klar, dass wir dann noch  Freunde sind? Wir sind Freunde für immer, hätte ich gesagt.  

Inzwischen weiß ich, dass das alles andere als klar ist und Freunde für immer eine  Wunschvorstellung in Kinderköpfen ist. Aber irgendwo in mir weiß ich (oder vielleicht ist es eine 

kindliche Hoffnung in mir): Wir sind Freunde für immer. Können uns monatelang nicht sehen und  trotzdem genau wissen, was wir sagen müssen, wenn es dem Anderen schlecht geht. Passen  aufeinander auf, beziehen uns ein. Lassen keinen zurück.  

Ich nehme einen Schluck von meinem Tee, der nach Pfefferminz und gute Laune schmeckt, bevor  er mir brühend heiß die Kehle runter rinnt und mich von innen mit Wärme durchzieht. Es ist wie  eine Art Serotoninschub in dieser eisigen Kälte. Als würde man das eine Lied hören, zu dem man  mit zwölf stundenlang wild tanzend, den Text schreiend durch das Zimmer gehüpft ist, weil man es  so unglaublich gut fand.  

Das Lied, das ich vor meinen Abiklausuren gehört habe, um mir ein bisschen Nervosität zu nehmen,  weil ich wusste, dass ich es vorwärts und rückwärts auswendig konnte. 

Das Lied, das ich gespielt habe, als ich ausgezogen bin und nur am heulen war, weil es mir  wenigstens 200 Sekunden Glück schenken würde.  

Ich muss lächeln, während du die Zunge rausstreckst, weil du sie dir trotz des Wetters am Tee  verbrannt hast und weiß es zum ersten Mal in meinem Leben, während ich ihn erlebe.  Das hier ist ein Moment für ein Marmeladeglas, so klein und unbedeutend er auch sein mag. Es  bringt mir so viel Glück, das ich letztes Jahr vermisst habe mit dir in einer Eiseskälte auf dieser  Bank zu sitzen, über alles und nichts zu reden und Tee zu trinken.  

Ich hab ganz schön Glück gehabt.