Berufseinstieg unter kapitalistischen Verhältnissen

Als Studierende müssen wir uns häufig damit auseinandersetzen, wie es nach dem Studium weitergehen soll. In den allermeisten Fällen gestaltet sich der Einstieg in den Arbeitsmarkt für Studierende und Auszubildene als enorm schwierig. Wir müssen Jobs annehmen, die wir nicht wollen, zu Bedingungen, die uns kaputt machen, nur um unsere Existenz zu sichern. Dazu kommt die extreme Konkurrenz- und Leistungsorientierung, die auf unserem Arbeitsmarkt vorherrscht. Du möchtest dich in deinem Job selbst verwirklichen und deine Seele nicht für einen Niedriglohn an irgendeinen Großkonzern verkaufen? Selbst schuld!

Laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamts ist die durchschnittliche Miete in Deutschland von 2015 bis 2021 um 8,4% gestiegen. Diese Statistik lässt außer Acht, dass die Mieten auch 2015 schon enorm hoch waren. Damals zahlte man für eine 30qm²-Wohnung im Durchschnitt 9,41€ pro Quadratmeter. 2021 beläuft sich dieser Wert bereits auf 12,80€. Wohnen ist heute also nicht mehr teuer, sondern sehr teuer. Es sind allerdings nicht nur die Mietkosten, die bis ins scheinbar Unendliche wachsen. Auch der Rest der sog. Lebenshaltungskosten – also etwa Lebensmittel, Kraftstoffe oder auch Kulturangebote – wird immer teurer. Wer im Angesicht solcher Erkenntnisse davon ausgeht, dass die Löhne als Gegenmaßnahme zu diesen Entwicklungen adäquat steigen müssten, wird bitter enttäuscht werden. Denn tatsächlich steigen die Reallöhne laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes seit 2008 deutlich langsamer als die Lebenshaltungskosten, was in der Praxis einem Sinken gleichkommt. Von 2019 auf 2020 sind die Reallöhne sogar um 1,1% gesunken. Es ist dieses Zusammenspiel aus den endlos steigenden Preisen für Wohnen, Lebensmittel, etc. und dem permanenten Drücken der Löhne, das vor allem junge Menschen, die in die Berufswelt einsteigen, unter extremen Druck setzt. Die daraus resultierende Existenzangst ist im Kapitalismus allerdings kein bedauerliches Nebenprodukt. Vielmehr ist sie ein notwendiger Mechanismus zur Aufrechterhaltung der bestehenden kapitalistischen Verhältnisse.
Wir sollen Angst davor haben, in die Arbeitslosigkeit abzurutschen. Denn diese Angst sorgt dafür, dass wir uns mit sinkenden Löhnen und steigenden Arbeitszeiten, eben den erwähnten kapitalistischen Verhältnissen, zufriedengeben. Jede noch so prekäre Beschäftigung, so wird es uns von allen Seiten eingeflößt, ist besser als keine Beschäftigung. Auf diese Weise wird ein bestimmtes Bild von arbeitslosen Menschen gezeichnet, welches die Angst vor der Arbeitslosigkeit noch weiter schürt. Es gibt ein soziales Phänomen, das uns das verachten lässt, wovor wir Angst haben. Es findet auch in unserem Umgang mit arbeitslosen Menschen Anwendung. Ein gutes Beispiel hierfür ist etwa die Dokumentationsreihe „Der Penny-Markt auf der Reeperbahn“ und die fürchterlichen Memes, die daraus entstanden sind. Die Gesellschaft grenzt arbeitslose Menschen sozial aus, macht sich sogar über sie lustig, weil es als Konsens gilt, dass jedes Individuum selbst für seinen Erfolg und sein Versagen im Kapitalismus verantwortlich ist. Dass es sich hierbei allerdings um einen systemischen Zusammenhang handelt, wird ganz bewusst vertuscht und somit leider vom Gros der Gesellschaft nicht erkannt.
Es wurde nun mehrfach erwähnt, dass die Angst vor der Arbeitslosigkeit aktiv geschürt wird und dass es in einer kapitalistischen Gesellschaft Arbeitslosigkeit geben muss, um die Verhältnisse aufrechtzuerhalten. Schon Karl Marx hat diesen Zusammenhang erkannt und beschreibt diesen anhand seines Begriffs der „industriellen Reservearmee“. In einem Wirtschaftssystem, welches allein das Ziel des maximalen Mehrwerts verfolgt, so Marx, ist die Arbeitskraft eine Ware, die die Arbeiter*innen auf dem Markt wie eine solche anbieten. Durch die fortschreitende Rationalisierung der Produktion, etwa durch immer fortschrittlichere Maschinerie, wird die Nachfrage nach der Ware Arbeitskraft geringer, nicht allerdings das Angebot. Durch die Konkurrenzlogik, die dem Markt innewohnt, treibt ein Zurückgehen der Nachfrage die Preise in die Tiefe. Konkret heißt das: Wer nicht arbeitslos sein will, muss mit weniger Lohn klarkommen. Es ist trotzdem vorherbestimmt, dass es Menschen geben wird, die keine Arbeit finden, da es schlicht weniger Arbeitsplätze als Arbeiter*innen gibt. Diese Gruppe bildet die industrielle Reservearmee. Sie bieten den Profiteuren des Kapitalismus einen zweifachen Vorteil: Einerseits werden durch ihre Existenz und der Logik des Marktes die Löhne der Arbeiter*innen immer weiter gedrückt, was bereits erörtert wurde. Andererseits kann die Industrie immer auf sie zurückgreifen, wenn es zu einem überraschenden Anstieg der Nachfrage nach Arbeitskraft kommt.
Wir müssen als (baldige) Berufseinsteiger*innen also feststellen, dass der Druck, den wir verspüren, wenn wir an unsere berufliche Zukunft denken, keine Folge einer sogenannten „Laune des Marktes“ ist, sondern im Gegenteil, eine Notwendigkeit der kapitalistischen Wirtschaftsform.