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Die Gleichzeitigkeit von Freiheit und Gefangenschaft

Blogvon Christina Krause

Quelle: Christina Krause

Unsicherheit von Kafka bis heute

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines morgens verhaftet“. Dieser erste Satz in „Der Process“, einem posthum veröffentlichten Romanfragment von Franz Kafka, bringt die Essenz eines der bekanntesten Werke der Weltliteratur auf den Punkt: Unsicherheit. Trotz der auktorialen Erzählweise des Einleitungssatzes, können sich weder der Protagonist Josef K. noch die Zuschauer*innen im weiteren Verlauf der Handlung in ihrer Sicht auf die Dinge sicher sein. 
In der von Tobias Schmidt für das Würzburger Theater Ensemble erstellten Bühnenfassung wird diese Unsicherheit für die Zusehenden auch auf einer zweiten Ebene deutlich: Neben dem Protagonisten Josef K. (gespielt von Johannes Kern) werden alle weiteren Rollen von den drei Schauspieler*innen Julian Sturz, Johanna Bode und Vivianne Hammermüller umgesetzt. Dies führt dazu, dass in jeder Szene eine Neuorientierung seitens des Publikums stattfinden muss. Dieser Persönlichkeitswechsel wird auch nicht durch verschiedene Kleidung oder sonstige Identifizierungsmerkmale, sondern lediglich nuancenhaft deutlich, indem beispielsweise das Hemd der Darstellenden eingesteckt oder lose über der Hose getragen wird oder Stimmlage und Mimik angepasst werden. Aufgrund der ausdrucksstarken, leidenschaftlichen Umsetzung durch die vier Mitwirkenden war die Einfindung in eine neue Szene jedoch immer wieder aufs Neue problemlos möglich. Auch abseits der darstellenden Personen ist das Bühnenbild sehr minimalistisch gehalten. Es werden im Grunde nur drei Türrahmen aus Metall genutzt, die neben ihrer eigentlichen Verwendung zur Andeutung von Türen vielfältig genutzt werden. Sie symbolisieren unter anderem die Arbeitsplätze der drei Bankangestellten, die dem Prokuristen Josef K. untergeordnet sind, oder auch die Bilderrahmen im Artelier Titorellis, in dem der Protagonist lediglich als Kunstobjekt inszeniert und sein eigentliches Problem verkannt wird. 
Vorangetrieben wird die Handlung vor allem durch lauten, pulsierenden Techno, der den Beobachter an der Hand packt und durch die Szenen trägt. Der Bruch mit der eher sachlichen und nüchternen Erzählweise Kafkas bringt den Inhalt des Process in das 21. Jahrhundert und ist zugleich Ausdruck der Gefühlswelt des Protagonisten, der bis zum Ende nicht erfährt, weshalb er angeklagt ist. Trotz der zahlreichen – mal mehr und mal weniger mit guten Absichten bereitgestellten – Hilfsangebote seitens seiner Vermieterin, dem Untersuchungsleiter oder auch dem eigens von Josef K. für seine Angelegenheit beauftragten Advokaten, kommt er seinem Ziel während des gesamten Verlaufs nicht näher und erlebt immer wieder Momente der Verzweiflung und Resignation, aber auch der Gleichgültigkeit gegenüber der Tatsache, scheinbar ohne Begründung angeklagt zu sein und auf den Beginn seines Prozesses warten zu müssen. Der Weg des Protagonisten mündet in der Vorstellung beim Gefängniskaplan, der ihm mitteilt, dass es um sein Verfahren nicht gutsteht, endgültige Gewissheit erhält er jedoch erst in der letzten Szene. Das Theater Ensemble hat mit dieser Inszenierung wahrlich etwas Besonderes geschaffen: Obwohl die Romanfragmente Kafkas über 100 Jahre alt sind, kann aufgrund der prägnanten, minimalistischen und kontroversen Erzählweise eine Identifikation mit der aktuellen Zeit stattfinden. Die permanente Unsicherheit, in der wir uns angesichts großer globaler Herausforderungen wie der Klimakrise, dem Verlust von Biodiversität und Bodenqualität und zunehmender ökonomischer Ungleichheit befinden, nimmt uns gefangen, obwohl wir gerade noch frei sind. Auch im Hinblick auf unsere eigene Schuld können wir mit der Gefühlswelt Josef K.s sympathisieren, da auch uns verborgen ist, welche Verantwortung auf jedes Individuum zurückfällt. Wir wissen jedoch, dass dieser Prozess noch auf uns wartet und können nur hoffen, dass wir die Möglichkeit auf ein Ende erhalten, das sich zu dem in Kafkas Werk unterscheidet. Ein Abend, der in Erinnerung bleiben wird.

Quelle: Christina Krause

Vorstellungen finden 21.04.2022 bis zum 25.06.2022 statt, nähere Informationen über die Website des Theater Ensemble