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Ein Sandkorn in der Wüste wählen- Das Treffen täglicher Entscheidungen bei einer Vielfalt an Möglichkeiten

Blogvon Sinah Breunig

Quelle: Sinah Breunig

„Sinah, hast du dich jetzt endlich entschieden, was du essen möchtest? Das kann doch nicht so schwer sein“. Schweigend blicke ich auf das Menü vor meiner Nase. Wahrscheinlich hat mein Gegenüber Recht. So schwer sollte mir das nicht fallen. Am Ende soll es ja NUR vegetarisch sein, gut schmecken, mich satt machen und genau das sein, worauf ich gerade am meisten Lust habe. Je länger ich zögere und nachdenke, umso schwerer wird es. In meinem Kopf entstehen verschiedene Pro- und Kontralisten, die mich am Ende auch nicht zum Ziel bringen. „Man Sinah, sonst bestell ich gleich was für dich“. Ich seufze und nicke. „Hab mich entschieden“, murmle ich. „Endlich“, erwidert mein Gegenüber mit verdrehten Augen und leicht genervtem Unterton. Wir bestellen und ich wähle einfach irgendetwas, was mich hoffentlich satt macht.
Entscheidungen gehören zu unserem Alltag wie die Luft zum Atmen. Sie umfassen alle Teile unseres Lebens, sowohl in uns, als auch um uns herum. Jeden Tag muss der Mensch, ob bewusst oder unbewusst, unfassbar viele Entscheidungen treffen. Laut einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung trifft der Mensch hierbei pro Tag bis zu 100.000 Entscheidungen. Das bedeutet, er nimmt sich für die wenigsten viel Zeit. Während dem Individuum ein Großteil an Entscheidungen somit durch Gewohnheiten leicht fällt, quälen es andere über einen längeren Zeitraum oder sogar ein ganzes Leben lang. Jeder Mensch hat hierbei mit anderen Zwiespälten und Sorgen zu kämpfen. Dadurch trifft auch jeder Mensch seine Entscheidungen aus anderen Beweggründen. 
Die Essensbestellung in einem Restaurant will banal klingen, doch wenn es um die Wahl des richtigen Studiums oder der richtigen Ausbildung, des Lebenswegs und der Menschen, die wir in unserem Leben haben wollen geht, so fühlen sich von Zeit zu Zeit wahrscheinlich alle mal innerlich zerrissen. 
Um am Ende eine schwere Entscheidung zu fällen, ist eine große Auswahl meist mehr Fluch als Segen. Vor den Augen der Menschen entsteht eine gigantisches Chaos anstatt einer systematischen, strukturierten Ordnung. In unserer heutigen, sich ständig weiterausdifferenzierenden und sich weiterentwickelnden Gesellschaft und Welt nimmt auch die Vielfalt an Möglichkeiten stetig zu. Daraus soll am Ende unter vielen verschiedenen Alternativen eine gewählt werden, wie ein ganz bestimmtes Sandkorn in einer Wüste voll Sand.
Vielleicht finden sich einige von euch, Leserinnen und Leser, in den folgenden, von mir geschilderten, Situationen wieder.
Die Situation darf vielen bekannt vorkommen: Man möchte entspannen, für den Moment nichts tun. Auf dem Bildschirm erscheint in roten Buchstaben auf schwarzem Hintergrund „Netflix“. Wenn man nicht gerade mitten in einer Serie hängt oder etwas ganz bestimmtes ansehen möchte, beginnt die Qual der Wahl. Vor 40 Jahren gab es nur 3 Programme im Fernsehen. Da fiel die Entscheidung leicht. Heute haben die Menschen eine gefühlt unbegrenzte Auswahl an Möglichkeiten und Optionen. Welches Genre möchte man sehen, welche Schauspieler, in welchem Land soll das Ganze spielen und vieles mehr. Manchmal kann solch eine Entscheidung wirklich lange dauern und mehr Stress als Entspannung erzeugen.
Bei Entscheidungen werden häufig viele verschiedene Kriterien beachtet. So ist zum Beispiel die Wahl zwischen ÖPNV oder Auto nicht nur eine wegen Dauer der Fahrt oder des Umweltschutzes. Es geht genauso um den Kostenfaktor, das Zeitmanagement, die Strecke und so weiter.
Ein wichtiger Bereich des Lebens, in dem die Vielfalt  an Möglichkeiten nicht automatisch glücklich macht, ist das Thema „Liebe, Beziehungen, Partnerwahl“. Statt nur die Option des persönlichen Kennenlernens zu haben, gibt es heutzutage unfassbar viele Apps und Online-Portale, um den oder die „Traumpartner*in“ zu finden. Dadurch gibt es unüberschaubar viele potenzielle Partner*innen. Fast so als seien die Menschen Waren, mehr Objekt als Subjekt, werden sie besonders nach Äußerlichkeiten verglichen und als austauschbar betrachtet.
Jeden Tag trifft die Politik Entscheidungen gegen oder für welche die kleinen Menschen nichts ausrichten können. Auch im Bereich der Medizin oder wenn es um Gesetze und deren Auslegung geht, treffen Menschen für andere Entscheidungen. Diese können sehr belastend sein. Sowohl für die Menschen, die entscheiden, als auch für die, die mit diesen Entscheidungen Leben müssen. Oft kommt dazu noch ein mehrdimensionaler Erwartungsdruck von außen. Das kann unter anderem auf sozialer, zeitlicher oder politischer Ebene auftreten.
Auch in der Wirtschaft werden jeden Tag Entscheidungen getroffen. Das Spektrum reicht hierbei vom großen Geschäftsmann, der über Geld, Ware und Investitionen entscheidet, bis hin zum Individuum, welches sich jeden Tag Nützliches und Unnützliches kauft. Werbung soll die Kaufentscheidungen dabei von außen beeinflussen. Ob das kaufende Wesen am Ende tatsächlich von sich aus völlig frei entscheidet, ist wohl fraglich.

Quelle: Sinah Breunig

Es gibt wichtige Entscheidungen, die jedem Menschen eigentlich frei zustehen sollten, die ihnen jedoch andere aus den Händen reißen wollen. Besonders wenn es um den menschlichen Körper geht, will die ganze Welt eine Meinung haben. „Abtreibung“ ist solch ein Thema. Jeder will sich mit seinen Überzeugungen dazu äußern. Oft wird vergessen, dass niemand diese Entscheidung für eine schwangere Frau treffen kann und treffen sollte als sie selbst. 
Irgendwann im Verlauf des Lebens stehen viele Menschen vor der Entscheidung, ob sie eigene Kinder in diese Welt setzen wollen oder nicht. Heutzutage ist dies keine Entscheidung, die nur vom Wollen an sich abhängt. Die Gesellschaft, die finanzielle Situation, das Lebensumfeld und die Lebensumstände, die Familie und der berufliche Status. Viele Faktoren treffen bei dieser Entscheidung aufeinander. Egal ob Kinder oder nicht, müssen alle Menschen irgendwo und irgendwie wohnen und leben. Irgendwann stehen die Menschen demnach vor der Entscheidung, wo und wie sie leben möchten: Stadt oder Land, Haus oder Wohnung, zentral oder nah an der Natur, nah bei der Verwandtschaft oder dort, wo die besten Karrierechancen winken. Die Optionen erscheinen hier schier endlos groß, denn jeder Ort ist einzigartig und bietet andere Chancen und Schwierigkeiten.
Besonders die Studiums- und Berufswahl sind für Studierende relevante Themen. Jeder hat sich damit bereits auseinandergesetzt. Meist ist es nicht so, dass Menschen von Geburt an nur eine Perspektive haben, die bis zum Lebensende hin verfolgt wird. Sie alle haben immer wieder Ideen, denken darüber nach, zerbrechen sich den Kopf und verwerfen die zu Beginn so berauschenden Gedanken immer wieder. Diese Unmengen an Möglichkeiten werden auf der Suche nach dem richtigen Weg durchforstet. Die Menschen suchen nach Glück, Berufsperspektiven und guten Gehaltschancen. Jeder setzt andere Prioritäten und lässt seine Entscheidung durch diese beeinflussen und steuern. Doch irgendwann trifft das Individuum eine Wahl. Das kann sehr schwer sein, denn solch eine Entscheidung wirkt sich in gewisser Weise auf das gesamte Leben der Menschen aus. Klar werden heutzutage viele Umschulungen und Möglichkeiten für Quereinsteiger*innen geboten. Ausbildungen können abgebrochen, neue Perspektiven gewählt werden. Das bedeutet: Änderungen sind möglich. Einmal entschieden, muss eine Richtung nicht das gesamte Leben bestimmen. Es ist unsere Entscheidung. Wir können wählen. 
Somit wird deutlich: Unser Leben besteht aus einer Vielfalt an Möglichkeiten und Chancen und damit verbunden auch stets an Entscheidungen. Diese Auswahl macht uns das Leben nicht immer leicht, doch machen unsere Entscheidungen unser Leben zu unserem eigenen, individuellen, vielfältigen und ganz und gar einzigartigen Leben.
Entscheidungen sind aus unserem Leben nicht wegzudenken. In einer Reihe an Artikeln werde ich mich in dieser und den folgenden Ausgaben mit dem Thema auseinandersetzen.