Einzug der „Schwestern in der Überzahl“ in die Festung


An einem frühen Samstagabend, es war der 16. Juli, zogen Lena Försch als Paula und Nadine Antler als Annika in die Festung Marienberg ein. An diesem Tag nahmen die Schwestern Lola, gespielt von Heike Mix, als neue Mitbewohnerin in ihre impulsive, chaotische und äußerst liebenswürdige WG auf. Das Format „Schwestern in der Überzahl“ wurde beim Festungsflimmern hoch über der Stadt aufgeführt. Ein sehr lebendiges, teilweise ernstes, teilweise sehr amüsantes, WG-Leben boten die drei Schauspielerinnen dem Publikum an diesem Abend dar. Das improvisierte Theaterstück dauerte knapp eine Stunde. Durch seinen experimentellen und spontanen Charakter, wurden die Zuschauenden flussartig in und durch das Stück gezogen. Alle Möglichkeiten, die sich im Verlauf des Stücks auftaten, wurden ergriffen, jeder Gedanke beim Schopf gepackt. Die Zuschauenden konnten den Mitbewohnerinnen förmlich beim Denken zusehen. Es war faszinierend und mitreißend zugleich, wie die Schauspielerinnen alles einfach so aufnahmen, wie es auf sie zukam. Manchmal wurde direkt auf Geschehnisse reagiert, ein andermal wurden die Worte des Gegenübers wiederholt. Besonders Versprecher wurden humorvoll und geschickt aufgegriffen und zu Wortspielereien umfunktioniert.
Von Twister spielen, über Schafe reden, darüber diskutieren, sich ein Kind in die WG zu holen, bis sich gegenseitig persönlich kritisieren kam in der WG alles vor. Immer wieder wurde deutlich, dass die beiden Schwestern einiges trennte und unterschied, was zu regelmäßigen Auseinandersetzungen und Konflikten führte. Wie verschieden die beiden waren, wurde bereits durch ihr Auftreten erkennbar: Während Annika in Latzhose mit Käppi und kurzen Haaren auftrat, erschien Paula schick gekleidet mit weißem Oberteil und strengem Zopf. Paula forderte immer wieder Regeln, Annika schien das Leben eher so zu nehmen, wie es gerade kam. Annika war von ihren Talenten überzeugt, während Paula ihre Schwester eher als Projekt und damit als hilfsbedürftig ansah. Auch die Sprache der beiden unterschied sich. Paula wurde regelmäßig poetisch, wie bei den Worten, dass ihre Seele „zerbröselt“ sei, während Annika sich direkt ausdrückte. Trotz all der Konflikte, wurde jedoch immer wieder auch deutlich, dass sich die beiden trotz allem liebhatten. Zuletzt als gegen Ende eine große Diskussion um Lola ausbrach. Diese hatte, angeblich ungewollt, die Schwestern belauscht. Dabei hielten diese eisern zusammen. Es erschien den beiden wie ein seltener Moment einer geteilten Meinung. Das Stück endete mit einem Open End durch eine Stimme aus dem Off. Im Anschluss wurde das Publikum gefragt, ob diese WG bestehen könnte, was vorwiegend verneint wurde.
Teilweise hatte das Stück den Anschein einer psychotherapeutischen Behandlung. Es spielte in einem gemütlichen Wohnzimmer, die Darstellerinnen saßen oft auf den Sofas im Zentrum der Einrichtung und regelmäßig suchten die drei beieinander Rat. Häufig waren dabei nur zwei der Personen auf der Bühne, um Dialoge zu führen. Hierbei ging es meist um die abwesende Mitbewohnerin. Die Schwestern versuchten Lola immer wieder auf ihre Seite zu ziehen und für sich zu gewinnen. Lola wurde als „Rolemodell“ und meist sehr vorbildliche Erwachsene dargestellt. Die Schwestern präsentierten sich dagegen eher kindlich voll impulsiver und unberechenbarer Energie.
Das Stück beinhaltete keine Monologe und es wurde insgesamt wenig zum Publikum gesprochen, dafür gab es viele Dialoge, in denen sich die Mitbewohnerinnen zueinander wandten. Dadurch erinnerte das Stück an eine Sitcom. Manchmal setzten die Schauspielerinnen gleichzeitig zum Sprechen an, was durch die Improvisation ganz natürlich bedingt war. In solchen Momenten war kurz nicht alles verständlich, doch verlieh es dem Stück umso mehr Natürlichkeit. Einmal wurde eine Szene durch eine „Halligalli-Glocke“ unterbrochen und neu angesetzt. Das war anscheinend eine Art Notschalter.
Es war wirklich faszinierend zu sehen, wie der Umgang der Schauspielerinnen miteinander floss. Jede hatte ihre eigenen Ideen und Gedanken, kein gemeinsamer Plan lag ihnen bereits vor, doch sie schafften sich ihren eigenen im und durch das Spiel. Insgesamt war das Stück durch seinen unsicheren Verlauf und die immer wieder neuen Impulse sehr bereichernd.
Im anschließenden Gespräch mit Lena Försch erzählte sie, dass Nadine Antler ihre Impro-Lehrerin gewesen sei und die beiden sich bereits seit 17 Jahren kannten. Sie hatten schon viel zusammen gespielt und sich im letzten Jahr als Duo für dieses Format zusammengeschlossen. Als solches traten sie in Würzburg und in Hessen auf, hatten bereits sieben Auftritte gehabt und weitere fünf geplant. Vor dem ersten Auftritt hatten die beiden Schwestern-Darstellerinnen extra ein Coaching absolviert, um zu ihren Rollen zu finden. In sehr überspitzter Form fanden sich die beiden in den Charakteren wohl selbst wieder. Auf Nachfrage, was sie am Improvisationstheater am meisten mögen würde, antwortete die Schauspielerin, dass es sich hierbei um den experimentellen Charakter und die Publikumsnähe handle.
Der nächste Auftritt der „Schwestern in der Überzahl“ in Würzburg findet im Bockshorn am 22. September statt und ein neuer Überraschungsgast wird in die WG miteinziehen. Ob dieser wohl auch wieder ausziehen wird?