Gesellschaft und Performance

oder: vom kaufbaren Glück
Als junge weiße Frau, die in Deutschland lebt, bin ich ziemlich privilegiert. Ich habe zum Beispiel die Wahl, wie ich mein Leben gestalten möchte. Ich kann mich theoretisch dazu entscheiden, glücklich zu sein, wenn ich das will. „Privilegierte“ Gesellschaften wie unsere werden auch „Smiley-Gesellschaften“ genannt. Die Demokratie schaffe gute Rahmenbedingungen, um glücklich zu sein. Der Bevölkerung gehe es grundsätzlich gut und die Chance auf ein „glückliches Leben“ erscheine in Smiley-Gesellschaften leichter zu erreichen als in weniger demokratischen Systemen. „Glück“ wird im Wertesystem der Privilegierten sehr großgeschrieben und man muss schon wirklich gut drauf sein, wenn man akzeptiert sein möchte. Damit geht aber ein gewisser sozialer Druck einher, dass man dann doch bitte auch glücklich zu sein hat.
Wie sieht dieses Glück denn genau aus? Und warum sind so viele Menschen trotzdem nicht glücklich?
Wir alle wissen, dass etwa Geld nicht wirklich glücklich macht und man auch theoretisch alles auf der Welt besitzen könnte, ohne happy zu sein. Trotzdem tun alle so, als wäre Glück ein Ziel. Etwas, was man erreichen kann, was man konsumieren kann. Es heißt ja nicht ohne Grund „kauf dich glücklich“. In den Medien erscheint es immer so, als ende die Suche nach Glück mit dem Besitz bestimmter Güter. Materielle Selbstdarstellung als Voraussetzung (oder zumindest als Trittbrett) zum Glück zu propagieren, beeinflusst viele Menschen dabei nicht nur in ihrem Konsumverhalten, sondern auch in der Wahrnehmung ihrer Welt. Auch der mentalen Gesundheit des Menschen sowie seiner authentischen Handlungsfähigkeit innerhalb der Gesellschaft wird nachhaltig geschadet; gerade junge Menschen leiden unter der medial idealisierten Darstellung des ständigen Glücklichseins. Geht man konstant davon aus, dass man erst mit dem Besitz eines neuen Paars Schuhe, oder mit einem gewissen Körpergewicht oder einer gewissen Hautfarbe wirkliche Zufriedenheit erlangt, dann entfernt man sich zwangsläufig immer mehr von sich selbst und passt sich den Erwartungen der Smiley-Gesellschaft an.
In der Werbung wird man ausschließlich mit strahlenden Gesichtern konfrontiert, in Film und Fernsehen propagieren Hollywood-Drehbücher das ideale Happy End, und auf Instagram zeigen Influencer*innen, wie ein vermeintlich glückliches Leben aussieht. Diese Darstellungen festigen unterschwellig das Bild von Glück als Normalzustand – und wenn immer alle glücklich zu sein scheinen, dann wirkt das eigene Unglück abnormal und untypisch. Die Dauerprojektion guter Laune und Zufriedenheit nehmen wir selbst oft nicht mal mehr bewusst wahr. Denn eigentlich wollen wir alle, was die Influencer*innen behaupten, zu sein, nämlich: glücklich werden. Wir messen unseren Wert innerhalb einer Gesellschaft, und damit auch unser Glück, irgendwann automatisch mit dem, was wir besitzen. Anhand dessen, was wir vorzeigen können, um anderen klarzumachen: Ich bin cool, seid bitte lieb zu mir.
Der Grund dafür ist, dass das Streben nach Idealen in der Natur des vergesellschafteten Menschen liegt, genauso wie der Drang nach Zugehörigkeit. Dass diese Zugehörigkeit in der modernen westlichen Gesellschaft durch das Innehaben einer gewissen Identität anhand (materieller) Güter performt und erreicht werden kann, ermöglicht dem Menschen das vermeintliche Erkaufen von Glück. Wir glauben, wenn wir dieses Kleid, diese Wohnung, dieses Leben hätten, wären wir glücklich. Dieses konsumveränderte Streben reproduziert dabei unechte Erwartungshaltungen und krampfhafte Arten der Selbstdarstellung, welche von Unternehmen und Konzernen aufgegriffen und vermarktet werden können. So entsteht eine Form gegenseitiger Abhängigkeit, die die Befreiung des Glücks von idealisierten Erwartungshaltungen unmöglich erscheinen lassen: Der Markt braucht die Tendenzen der gesellschaftlichen Strömungen, um den Konsum aufrechtzuerhalten, und die Gesellschaft wiederum orientiert sich an den allgemeinen Trends und konsumiert und performt, was das Zeug hält. Wir befinden uns also in einem toxischen Kreislauf auf der Suche nach Glück und können dabei irgendwann nicht mehr entscheiden, welche Interessen unsere eigenen sind und welchen wir nachgehen, um irgendjemandem irgendetwas zu beweisen. Die Darstellung von Glück und der sich immer wieder reproduzierende soziale Druck, dauernd happy zu sein, findet vor allem in den sozialen Medien seine Bühne. Unternehmen haben mit Influencer*innen einen ganz neuen und außerordentlich gewinnbringenden Marketing-Zweig gefunden, der gerade in Puncto Selbstdarstellung unfassbaren Einfluss auf junge Generationen hat. Produkt-, Klamotten- und Musiktrends werden über Instagram, TikTok und Facebook verbreitet und erreichen damit Abermillionen neuer Konsument*innen. Gleichzeitig bieten ebendiese Plattformen den Schauplatz für wieder neue Trends, neue Strömungen, neue Zahlen für die Konzerne. Selbstdarstellung, Glück, Konsumverhalten – eigentlich haben diese Begriffe absolut nichts miteinander zu tun. Es sind der Kapitalismus und die daraus entstandene Leistungs- und Bewertungsgesellschaft, die diese Begriffe semantisch miteinander verbinden. Wir kennen es zu einem gewissen Grad gar nicht mehr anders, als unsere Identität um (materielle) Güter herum aufzubauen. Diese systematischen Tendenzen sind in unserem Alltag verwoben und tief internalisiert. Und es braucht schon viel Kraft, sich selbst so richtig zu finden. Es braucht Kraft, sich nicht beeinflussen zu lassen. Es braucht Kraft, sich aktiv gegen das Ideal zu stellen und sich zu distanzieren. Wenn wir aber dem fiktiven Zustand des vollkommenen, dauerhaften Glücks, das so normiert wird, hinterherhecheln, werden wir nicht erkennen, dass Glücklichsein bedeutet, zu akzeptieren, dass man auch unglücklich sein wird. Solange wir weiter glauben, niemals genug zu sein und denken, unser Wert sei messbar an Besitz, reproduzieren wir die Glücks-Norm und den Druck, dass unser Sein anhand bestimmter Kriterien performt werden müsse, um zu gelten. Wir geben damit freiwillig unsere Authentizität auf, nur um einem gewissen Bild zu entsprechen. Und wofür genau?
In einer Gesellschaft wie unserer, in der Unglücklichsein noch allzu oft ein Tabu-Thema ist, in der soziale Medien ihr Unwesen treiben und täglich Ungleichheit reproduzieren, in der der Markt unsere Entscheidungen beeinflussen kann und Lobbyismus die Umwelt zerstört, werden wir niemals wirklich glücklich sein können. Und das darf auch niemand von uns erwarten.
