Hitzewelle, Klimawandel und Big Data für Unterfranken
Die Gleichzeitigkeit von Freiheit und Gefangenschaft – Unsicherheit von Kafka bis heute

Lange Sommernächte, mit Freunden im Main baden und bei einem Bierchen und guter Musik den anstehenden Klausurenstress vergessen. Genau das war wohl die Lebensrealität vieler Studierender in den letzten Wochen, auch meine. Manchmal aber, wenn ich inmitten der feiernden oder chillenden Menschen sitze, merke ich, wie ich das alles gar nicht so richtig genießen kann. Doch sollte ich das nicht, angesichts der Tatsache, dass es nach so langer Zeit der Online-Lehre und Lockdowns überhaupt wieder möglich ist, solch unkomplizierte und doch eigentlich schöne Dinge zu tun? Ich spüre Unzufriedenheit mit mir selbst und meiner Unfähigkeit, Dinge einfach mal zu genießen. Gleichzeitig aber auch Enttäuschung darüber, dass viele andere das irgendwie nicht so sehr zu stören scheint. Ich rede von der Hitze. Und dem unübersehbaren Zustand der Trockenheit. In den vergangenen Tagen gab es zwei Tage mit neuen Hitzerekorden in Würzburg, den 19. und 20. Juli mit 36,7 °C bzw. 37,8 °C Tageshöchsttemperatur. Außerdem hat es hier innerhalb der letzten 30 Tage mit 16 mm/qm unterdurchschnittlich wenig geregnet.
Zum Vergleich: Im Referenzzeitraum 1961-1990 hat es in dieser Zeitspanne durchschnittlich 19 mm/qm mehr geregnet. Der Referenzzeitraum wurde nach internationalen wissenschaftlichen Standards auf 1961-1990 (manchmal auch 1970 – 1999) festgelegt, da davon ausgegangen werden kann, dass hier die Auswirkungen des anthropogenen, also menschgemachten Klimawandels auf Temperaturen und Niederschlag noch deutlich geringer waren als heute. Um überhaupt eine Aussage über extreme Temperatur- und Niederschlagsereignisse treffen zu können, wird – vereinfacht gesagt – das aktuelle Wetter mit einer Referenzperiode von mindestens 30 Jahren verglichen, da das tägliche Wetter häufig unterschiedlichsten Schwankungen unterliegt und erst mithilfe eines Mittels über 30 Jahre hinweg von Klima gesprochen werden kann, woraus sich Extremwerte und Trends bestimmen lassen. Obwohl Hitzewellen und Trockenheit ein globales Phänomen des Klimawandels sind, ist die Region um Würzburg im deutschlandweiten Vergleich besonders gefährdet. Eine interdisziplinäre Forschungsgruppe unter Beteiligung des Geographischen Instituts sowie des Instituts für Informatik der Universität Würzburg stellte 2020 den Klimabericht für Unterfranken im Rahmen des Projekts BigData@Geo vor. IPCC für hier sozusagen. Dieser Bericht enthält ähnlich zu dem des IPCC Modellierungen zu meteorologischen Kenngrößen wie Temperatur und Niederschlag, die auf der Erfassung und Auswertung regionaler Daten beruhen und an bestimmte soziökonomische Entwicklungen geknüpft sind. So steht das „günstigere“ Szenario (rcp45) für eine ökologisch nachhaltigere Entwicklung inklusive Einhaltung des Pariser Klimaschutzabkommens. Dieses besagt, dass eine globale Erwärmung von 1,5 °C im Vergleich zum vorindustriellen Niveau nicht überschritten werden darf. Wird jedoch weiterhin „business as usual“ betrieben, wird dieses Szenario nicht wahrscheinlich und es muss von einer deutlich höheren globalen Erwärmung ausgegangen werden. Dieses Szenario wird als rcp85 bezeichnet. Für die Region Unterfranken bedeutet dies: Deutlich weniger Niederschlag, vor allem in den bereits eher trockenen Gebieten wie dem fränkischen Weinland, höhere Durchschnittstemperaturen, länger anhaltende und intensivere Hitzewellen und weniger Frosttage und Schneefall. Besonders in den Städten wie Würzburg hat dies noch eine zusätzliche Komponente: Die Zunahme der Anzahl an Tropennächten. Hierunter versteht man Nächte, in denen die Lufttemperatur nicht unter 20 °C absinkt. Aufgrund der Bodenversieglung durch Wohnflächen, Straßen, Parkplätze und Geschäfte und den meist geringen Anteilen an Grün- und Wasserflächen erhitzen sich Städte im Vergleich zum Umland deutlich stärker und kühlen abends auch weniger und langsamer ab. Dies ist in Unterfranken ein relativ neues Phänomen, für die Referenzperiode 1970 – 1999 werden Werte von 0-1 Tropennächten pro Jahr geschätzt. Häufige Tropennächte stellen neben der allgemeinen Belastung durch Hitze besonders für ältere Menschen, Schwangere und Kleinkinder eine nicht zu unterschätzende gesundheitliche Gefahr dar. Je nach Emissionsszenario werden 2-3 Tropennächte pro Jahr für das Szenario rcp45 und über 12 für das rcp85 projiziert. Darüber hinaus werden aber auch Extremereignisse deutlich wahrscheinlicher. Nicht nur hinsichtlich der Tropennächte, deren Anzahl in Rekordjahren unter rcp85 auf über 60 pro Jahr ansteigen kann, sondern auch hinsichtlich der Temperaturen, des Niederschlags und anderer meteorologischer Kenngrößen insgesamt.
Die Hitzewelle der vergangenen Tage ist vermutlich lediglich ein kleiner Vorgeschmack darauf, was uns noch erwarten wird und wird uns wahrscheinlich in einigen Jahrzehnten rückblickend als relativ normal erscheinen. Vor allem in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts werden wir die Unterschiede unserer Handlungen, also ob wir uns ab sofort klimafreundlicher verhalten oder nicht, deutlich spüren. Ich weiß nicht, ob diese Zukunftsvorstellung jetzt wirklich hilft, optimistischer zu sein, aber immerhin zeigt sie, dass wir überhaupt noch die Möglichkeit haben, besonders belastende klimatische Bedingungen zu vermeiden. Vielleicht sollte ich mich bis dahin nochmal mit den anderen an den Main setzen und anstoßen. Und dankbar dafür sein, dass heute noch nicht 2100 ist.
Den ganzen Bericht findet ihr hier: https://bigdata-at-geo.eu/webklimabericht/Klimabericht.pdf
Und einen interaktiven Klimaatlas gibt’s auch noch: https://bigdata-at-geo.eu/klimaatlas/