Murakamis Bücher

Als ich letzten Herbst eine Zeitung mit der Nachricht über den diesjährigen Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah in der Hand hielt, fand ich auf der Rückseite ebendieser Zeitung auch einen kurzen Artikel über den Autor und Nobelpreis-Dauerkandidat Haruki Murakami. Die Überschrift dieses Artikels war so etwas wie „Murakami und das ewige Warten auf den Literaturnobelpreis“. Seitdem frage auch ich mich: Warum hat der mittlerweile 73-jährige Murakami noch immer keinen Literaturnobelpreis gewonnen und was macht seine Bücher eigentlich so gut?

Haruki Murakami schreibt Bücher, seit er Ende 20 war. Er studierte Theaterwissenschaften und führte seine eigene Jazzbar in Tokio. Ich habe den Eindruck, sobald man etwas von Murakami liest, hat man das Gefühl, gerade eine ganz besondere Situation beobachtet zu haben. Mit „besonderer Situation“ meine ich etwas ganz Alltägliches, was einem aber in diesem Moment irgendwie absolut magisch erscheint. Zum Beispiel, wenn das Sonnenlicht in verschiedenen Winkeln durch mein Fenster scheint und über die Wände tanzt.
Die Bücher von Murakami werden in Deutschland vom DuMont Verlag publiziert. Seit einer Weile werden sie von dem Verlag in einem anderen Design neu aufgelegt. Die Bücher sind in der Regel weiß mit einer blassen, schwarz-weißen Fotografie als Einband. Darüber befindet sich ein durchsichtiger Buchumschlag, auf dem dieselbe, oder eine ähnliche Fotografie, in einem bestimmtem Farbverlauf abgebildet ist. Die schwarz-weiße Fotografie schimmert jedoch noch durch, wodurch ein interessanter Effekt entsteht, an dem ich mich oft nicht sattsehen kann. Auch wenn dieses Design von Buch zu Buch seine Farben ändert, mal dunkler, mal heller umgesetzt wird, geht es doch meistens um diesen bestimmten Effekt. Die Tatsache, dass hinter dem Einband noch etwas anderes verborgen liegt, etwas, wodurch das Plakative erst an Tiefe gewinnt und vollkommen erscheint, ist gut gewählt als Design für Murakamis Bücher. Denn so ähnlich könnte man auch seinen Schreibstil beschreiben: etwas Offensichtliches, was durch seine verborgenen Schichten an Schönheit gewinnt.
Murakami beschreibt das Leben von Menschen, wie uns auch, manchmal von Studierenden, manchmal von Künstler*innen und manchmal von Geschäftsleuten. Dabei lässt er meistens auch die aktuelle Popkultur miteinfließen. Mit Popkultur ist bei ihm oft die Anspielung auf bekannte Lieder gemeint, welche sich sicherlich durch seine Zeit als Inhaber der Jazzbar „Peter Cat“ erklären lassen. In dem Großteil seiner Bücher taucht nach und nach eine Art Surrealismus auf. Surrealismus bedeutet so viel wie „über dem Realismus“, etwas das unwirklich oder traumhaft erscheint. Die Kunst an Murakamis Schreibstil ist das Verweben dieser surrealistischen Elemente mit den beschreibenden Erzählungen ganz normaler Situationen und Sorgen von Menschen. Kein Buch von ihm wirkt wie eine Fantasiegeschichte, sondern es erscheint im Kontext der jeweiligen Geschichte oft ganz logisch und wie der nächstfolgende Schritt im Erleben der Figuren. Eine realistische Geschichte durch die einzeln betrachteten, häufig unrealistischen Elemente nicht innehalten zu lassen, ist das Außergewöhnlichste an seinen Büchern. So wie keine Geschichte der anderen gleicht, variiert auch der Anteil von Surrealismus von Buch zu Buch. Manchmal ist er gefühlt gar nicht vorhanden und gleichzeitig schwebt doch etwas Unerklärliches zwischen den Buchseiten. So fragt man sich beispielsweise zeitweise, was an der Kurzgeschichte über einen Studenten, welcher einen Artikel über eine Schallplatte geschrieben hat, die es in seiner Welt nie gegeben hat, jetzt so faszinierend war.
Murakamis Geschichten sind für mich wie richtig leckere selbstgebackene Süßigkeiten, welche man extra langsam isst, um sie auch zu genießen. Ich habe das Gefühl, dass die Geschichten in der Tat nicht weniger spannend werden, nachdem man sie einmal gelesen hat. Die Art wie sie aufgebaut sind, lädt einen eher dazu ein, sie mehrmals zu lesen, oder zumindest immer wieder zu bestimmten Stellen zurückzukommen. Die „Ermordung des Commendatore“ ist zum Beispiel eines der ersten Bücher von Murakami, die ich bisher gelesen habe, in denen alle Charaktere ähnlich komplexe Hintergrundgeschichten und Motive besitzen. Dadurch erinnert mich die in insgesamt zwei Bänden aufgeteilte Geschichte an eine Art Wimmelbild, durch welches man zwar geführt wird, wo es aber mittels Alleingängen noch viel mehr zu entdecken gibt. Die Art von Buch, bei dem ich mich schon gefreut habe, es nochmal zu lesen, als ich den zweiten Band am Ende zugeklappt habe. Diese Art von Erzählungen gibt es oft bei Murakami. Daher sind die Bücher von Haruki Murakami auch perfekt, wenn man gar nicht weiß, auf welche Art von Buch oder Genre man gerade Lust hat oder sich schlichtweg überraschen lassen möchte. Durch die verschiedenen Protagonist*innen und deren Beweggründe hat jedes Buch natürlich auch einen anderen Unterton oder eine andere Farbe, sodass jede:r Leser*in seinen persönlichen Favoriten unter Murakamis Büchern finden oder immer wieder neu finden kann. Bücher von Murakami, die als Inspiration dieses Artikels gedient haben: Sputnik Sweetheart, Gefährliche Geliebte, 1Q84, Die Ermordung des Commendatore, Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki und Erste Person Singular.