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Perfektionismus und das Streben nach dem vollkommenen Glück

Blogvon Sinah Breunig

Die Quelle eines weiteren Artikels wird kopiert und zu „mögliche Quellen“ hinzugefügt. Inzwischen habe ich dort fünf Internetseiten, zwei YouTube-Videos und drei Bücher mit teils über 150 Seiten vermerkt. Während ich zum Thema Perfektionismus recherchiere, bekomme ich das Problem am eigenen Körper zu spüren. Ich sollte mich auf das Wesentliche konzentrieren, aber will bloß keine wichtige Quelle unbeachtet lassen. Und vielleicht ist die nächste Quelle ja auch die, die den Artikel erst komplett macht? Er soll doch perfekt werden. Nicht zu kurz, damit genügend Information und Gedanken enthalten sind. Nicht zu lang, damit die Lesenden ihn nicht vorzeitig zur Seite legen. Und er muss gut sein. Gut genug. Der Text soll meinen Ansprüchen gerecht werden. Doch kann er das überhaupt? Ein einziger Text. Worte eines völlig unperfekten Menschen? 
Ich beiße mir auf die Lippe und denke an das Bild eines perfektionistischen Menschen, welches mir vorschwebt. Dieses Bild, welches meilenweit von meinem eigenen entfernt zu sein scheint: Das Wesen steht vor einem gläsernen Spiegel. Es betrachtet sich selbst. Kritisch. Da sind so viele unperfekte Teile, so viele Baustellen. Sowohl körperlich als auch seelisch. Weit entfernt von Perfektion. Das Wesen holt einmal tief Luft, übermalt die offensichtlichen Individualteile und setzt sein gewohntes Pokerface auf. Die Schatten unter seinen Augen werden einfach überdeckt, die Sorgen in seinem Herzen einfach verdrängt. Schließlich richtet es sich auf und legt ein scheinbar glückliches Lächeln auf. Dann verlässt es das Haus. Auf der Arbeit erfolgreich, beliebt, begabt. Es gibt immer sein Bestes. Abends zu Hause wird es von einem makellosen Wesen geküsst. Materiell versorgt wird dieses Wesen von anderen mit bewundernden wie auch neidvollen Blicken betrachtet. „Das Wesen ist perfekt“, erzählen sich diese und zweifeln an sich selbst. Ein Teufelskreis, der auf Masken, Fassaden und Erscheinungen aufbaut. Doch am Ende ist dieses Wesen dort, wo es scheinbar alles im Leben erreicht hat, extrem unglücklich. Es fühlt sich einsam, ist unperfekt, setzt sich unmögliche Ansprüche und hat sich von sich selbst und seiner wahren Identität viel zu weit entfernt. Statt sich selbst zu zeigen, zeigt es nur eine Maske. Es will perfekt sein, strebt nach allgemeingültiger Perfektion, welche auf Erden niemals wirklich existieren kann und wird.
Dies waren meine ersten Gedanken zu Perfektionismus. Ich habe ein negatives Bild einer zutiefst unglücklichen, fremden Person betrachtet. Was mir bei dieser Betrachtung jedoch entfallen ist, ist die Tatsache, dass auch ich von Perfektionismus betroffen bin. Anders, das ist gewiss. Doch verschont mich das unstillbare Verlangen nach Perfektion nicht. Wahrscheinlich verschont es niemanden. Egal ob die Menschen es sehen wollen oder nicht. Wahrscheinlich träumt jeder irgendwo in seinem Herzen vom perfekten Leben. Wie auch immer das aussehen mag.

Sinah Breunig
Sinah Breunig

Der Duden definiert Perfektionismus als „übertriebenes Streben nach Perfektion“ und beschreibt den Gebrauch des Wortes als leicht abwertend.  Synonyme für „perfekt“ sind „fehlerfrei“, „frei von Mängeln“, „vollendet“ und „vollkommen“. Ein Perfektionist ist laut dem Duden eine „Person, die übertrieben nach Perfektion strebt“.
Im Buch „Perfektionismus überwinden – Müßiggang statt Selbstoptimierung“ von Niels Spitzer wird Perfektionismus als das Streben nach hohen Ansprüchen, nach Vollkommenheit und Makellosigkeit beschrieben. Perfektionisten sind Menschen, die hohe Maßstäbe anlegen. Sie wollen das Bestmögliche erreichen. Der Ausgangspunkt von Perfektionismus ist die Überzeugung, dass es eine vollkommene Lösung gibt, die erreicht werden kann, wodurch Perfektion prinzipiell möglich ist. Perfektionistische Ansprüche können sich auf das gesamte Leben von Personen beziehen oder nur auf einzelne Aspekte. Dabei gibt es auch verschiedene Formen von Perfektionismus, die sich entweder auf das Individuum, auf das soziale Umfeld oder, von der Person ausgehend, auf andere Personen beziehen können. Perfektionisten denken immer leistungsorientiert. Grundsätzlich kann Perfektionismus gut und schlecht sein und wird zunächst als relativ neutral betrachtet. Im Buch wird auch von „zu viel des Guten“ gesprochen. 
In einem Videobeitrag von ARTE wird zwischen gesundem und ungesundem Perfektionismus unterschieden. Gesunder Perfektionismus ist mit hoher Anstrengung, großem Bestreben und viel Ehrgeiz verbunden. Ein Nicht-Erreichen des Ziels wird akzeptiert. Ungesunder Perfektionismus dagegen belastet und überfordert die betroffenen Personen stark. Diese setzen sich unerreichbare Ansprüche und Ideale. Außerdem haben Betroffene Angst, sich und anderen nicht gut genug zu sein und können Fehlbarkeit daher nicht akzeptieren. Aus den Menschen heraus spricht ein ständiger, innerer, kämpfender Kritiker. 
„Die Welt“ schreibt in einem Artikel zu krankhaftem Perfektionismus von unstillbarer Unzufriedenheit. Ob Perfektionismus letztlich krankhaft ist oder nicht, hängt besonders mit dem Umgang von Misserfolg zusammen.
Spitzer erläutert im oben genannten Buch, wann Perfektionismus krankhaft wird. Dies ist der Fall, wenn ein Zusammenhang zwischen Selbstabwertung und seinen Ansprüchen nicht genügen zu können besteht. Dieser klinische Perfektionismus hängt mit körperlicher und psychischer Belastung und Überlastung zusammen. Körperlich können das Erscheinungen wie Schlafprobleme und Erschöpfung sein. Der Mensch überanstrengt sich, prokrastiniert und verliert seine Spontaneität. Viele Betroffene haben starre Rituale. Psychisch geht es um starke negative Emotionen wie Scham, Angst und Niedergeschlagenheit. Positive Emotionen bleiben teilweise ganz aus oder sind sehr selten. Außerdem kommt der klinische Perfektionismus mit einem hohen Stresslevel daher, welches auch die Gefahr eines möglichen Burnouts erhöht. Des Weiteren gibt es einen Zusammenhang zwischen klinischem Perfektionismus und anderen psychischen Krankheiten wie Depressionen, Zwangs-, Angst- und Essstörungen. Betroffene können ihren Perfektionismus nicht mehr kontrollieren und sich nie zufriedengeben. Ein zentraler Punkt ist auch, dass der Selbstwert des Individuums vom eigenen Erfolg abhängig gemacht wird. Das bedeutet, der Mensch kann entweder Held oder kompletter Versager sein, dazwischen gibt es nichts. Selbst wenn einmal ein Ziel erreicht wurde, geben sich Betroffene damit nicht zufrieden und fordern nur noch mehr von sich selbst. 
Selbstinstrumentalisierung ist in diesem Zusammenhang problematisch, da der Mensch sich selbst als Maschine betrachtet und dadurch seine Individualität verliert. 
Im oben erwähnten Artikel von „Die Welt“ heißt es, man findet die Wurzeln für Perfektionismus häufig in der Erziehung. Dort kann er durch Leistungsorientierung, emotionale Kälte und geringe Wertschätzung entstehen.
Auch Oberkliniken schreibt davon, dass unklare Strukturen oder zu starke Kontrolle in der Erziehung für Perfektionismus auslösend sein können. Eltern als Vorbilder und weitere Faktoren wie Umwelt, Temperament und Veranlagung können ihn ebenfalls fördern. Des Weiteren gibt es auch soziale und kulturelle Einflüsse wie die Schule und den gesamtgesellschaftlichen Wert, die hierbei eine Rolle spielen. 
Spitzer schreibt davon, dass die Gesellschaft das Streben nach Perfektion und Selbstverbesserung beinhaltet, wodurch Perfektionismus in unserer heutigen Leistungsgesellschaft ständig präsent ist.
TRU DOKU behandelt in einem Video das Thema des zwanghaften Perfektionismus. Die Frau darin leidet daran, dass in ihrem Leben immer alles nach Plan laufen und ihren Ansprüchen entsprechen muss. Sie verlässt sich nie auf ihr Gefühl, sondern auf Strukturen. Andere dürfen Fehler machen, sie selbst nicht. Alles muss perfekt sein. Trotzdem weiß sie, dass sie sich nie gut genug sein kann. 
„Sind wir denn nie schön genug?“, singt die Sängerin Lina Maly. Macht uns dieses Streben nach vollkommener Perfektion jemals wirklich glücklich? Und wäre vollkommene Perfektion nicht unfassbar langweilig und konturenlos?
Während ich diese Zeilen verfasse, drohe ich mehrfach, mich im Detail zu verlieren. Es ist schwer, sich mit Imperfektion zufrieden zu geben, wo ich doch nach Perfektion gestrebt habe. Doch am Ende ist alles unperfekt. Und ist die Welt nicht genau dadurch vollkommen? Durch ihre uns umgebende vollkommene Imperfektion.

Luna Breunig
Luna Breunig