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Rezension: Das Tagebuch der Anne Frank (Mainfrankentheater)

Blogvon Paul Wassermann

Quelle: Nik Schölzel (Mainfranken Theater Würzburg)]

Unter dem Titel „Das Tagebuch der Anne Frank – ein Projekt im städtischen Raum“ veranstaltet das Mainfrankentheater seit dem 9. April 2022 eine Vorstellung, die neben dem Schicksal der berühmten Schriftstellerin auch die Würzburger Deportationen zwischen 1941 und 1944 thematisiert. Gewählt wurde dafür ein hybrides Format: Der erste Teil der Aufführung umfasst einen von einer Audio-Dokumentation begleiteter Gang vom Vorplatz des Mainfrankentheaters über die Spiegel-, Textor- und Bahnhofstraße hin zur Gedenkstätte „DenkOrt Deportationen 1941—1944“ am Hauptbahnhof. Ebendort brilliert Anouk Elias als Anne Frank im zweiten Teil in einer Monologfassung des Tagebuchs von Regisseur Toomas Täht.
Der „Audiowalk“ als Einstieg in den Abend soll inmitten des heutigen Würzburger Alltags an die Schrecken der NS-Zeit erinnern. Während man gemeinsam entlang der Route von Station zu Station geht, erfährt man über die Kopfhörer – passend zur jeweiligen Umgebung – Informationen zu einzelnen deportierten Bürgern, ihren ehemaligen Häusern und den Deportationsrouten in Würzburg. Konsultiert wurden für die Recherche der historischen Hintergründe der Arbeitskreis Stolpersteine Würzburg und das Johanna-Stahl-Zentrum für jüdische Geschichte in Unterfranken. Mögen die Informationen auch ebenso interessant wie erschütternd sein, so fällt es doch schwer, die Atmosphäre der Tonaufzeichnungen im fröhlichen Trubel der Spiegelstraße auf sich wirken zu lassen. Man fühlt sich geradezu schuldig, unbeschwert an einem sonnigen Abend durch die Stadt zu schlendern und von Opfern zu hören, die nachts heimlich in Kolonnen aus der Stadt getrieben wurden. 
Kaum hat man es sich schließlich auf einem der Stühle am Bahnhofsvorplatz bequem gemacht, kommt auch schon eine vor Lebensfreude sprühende Anouk Elias auf die „Bühne“ gerannt, als hätte sie unsere Ankunft wie ein ungeduldiges Kind am Vorweihnachtsabend kaum erwarten können. Sofort steckt sie einen mit ihrer guten Laune an und erzählt mit leuchtenden Augen von ihrem 13. Geburtstag, von den Geschenken ihrer Familie, von ihrer Purzelbäume schlagenden Katze Moortje und von ihren Klassenkameraden. Erfreut stellt man fest, dass das sich das Stück direkt an den wesentlichen Stellen des Tagebuchs entlanghangelt. Abgesehen von unwürdigen Störungen durch den Verkehr und grölende, um den Kiliansbrunnen versammelte Gestalten, ist auch die Kulisse am DenkOrt Deportationen toll gewählt. 
Der Schauspielerin gelingt es von Beginn an, genau jene Figur zu verkörpern, die der Verstand des Lesers unwillkürlich erschaffen hat: Anne wirkt tiefgründig, intelligent, empathisch, emotional, wissbegierig, quirlig, redselig, stur, selbstbewusst, direkt und nachdenklich zugleich. In erster Linie ist sie aber eines: quietschlebendig. Aus jedem ihrer Worte sprudelt jener unbedingte Lebenswille hervor, der es dem wissenden Zuschauer erschwert, sich an sie zu binden, mit ihr zu lachen, zu träumen und zu hoffen. Wann immer sie uns ein neues Datum auf eine Weise mitteilt, die ihre Verzweiflung offenbart, fürchtet man den Tag des ersten Einbruchs im Versteck, der sich nur knapp vier Monate vor der Festnahme ereignete. Generell erwächst die Tragik des Stücks weniger aus Annes Worten als daraus, dass man dem drohenden Ende mit jeder verstreichenden Minute – selbst mit jedem weiteren glücklichen Tag – ein Stück näherkommt. Während Anne noch überschwänglich von ihrem ersten Kuss mit Peter berichtet, vergisst man für einen kurzen Moment, dass ihr baldiger Tod unausweichlich ist. In solchen Momenten vermag es Anouk Elias, den unwilligen Zuschauer in die bunte Gedankenwelt einer Dreizehnjährigen zu ziehen, um ihn schließlich wieder auf den harten Boden der Tatsachen fallen zu lassen. Die mitreißende Vorstellung endet schließlich mit Informationen zum Schicksal der acht Untergetauchten.
Insgesamt ist die Aufführung, die den gesamten Sommer über noch zu besuchen ist, zumindest jedem, der das Buch gelesen hat (alle anderen sollten es nachholen), ausdrücklich zu empfehlen. Die Tickets sind online oder an der Kasse des Mainfrankentheaters zu erwerben.