Zum Inhalt springen

„Und jetzt: Die Welt“ (Mainfrankentheater)

Blogvon Paul Wassermann

Sibylle Berg versah ihr u. a. zum besten deutschsprachigen Stück des Jahres 2014 erkorenes Werk „Und jetzt: Die Welt“ (oder: „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“) mit folgender Regieanweisung: „Ein Text von Frau Berg für eine Person und mehrere Stimmen. Oder anders.“ Die Regisseurin der Version des Würzburger Mainfrankentheaters, Catja Baumann, nahm sich diese Empfehlung offensichtlich zu Herzen: Auf der Bühne stehen zwar drei Schauspielerinnen (Anouk Elias, Klara Pfeiffer und Jojo Rösler) – gewissermaßen drei Stimmen –, sie alle verkörpern allerdings ein- und dieselbe Person.

Das letztmalig am 12. Juli im Keller Z87 aufgeführte Schauspiel handelt vom Leben dreier junger Frauen in ihren Zwanzigern: Die namenlose Protagonistin lebt mit ihren beiden Freundinnen Gemma und Minna in einer WG. Verschafften sie sich früher noch als gewalttätige Mädchengang Respekt auf der Straße, hat sie mittlerweile der ganz normale Alltag eingeholt. Wobei: So ganz normal sind sie dann auch wieder nicht, verdienen sie ihren Unterhalt durch den Online-Handel mit selbstgekochten Viagrapillen. 

Die Identität der Hauptfigur ist gleichsam dreigeteilt: Die Schauspielerinnen sind identisch gekleidet, sprechen einige Passagen im Chor, weisen in ihren Monologen aber dennoch Eigentümlichkeiten auf. Von ihnen (bzw. ihr) erfahren wir, dass Gemma und Minna dem Mainstream junger Frauen auf der Suche nach Glück oder zumindest Anerkennung aus ihrem Umfeld folgen: Während sie selbst zu Hause über ihre persönliche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sinniert, gehen ihre Freundinnen shoppen oder tanzen Zumba. Jedenfalls lehnen sie sich nicht genügend auf gegen die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen, die sie eigentlich doch verachten.

Genau das ist der gemeinsame Nenner der kunterbunten Gedankenwelt der Protagonistin: der Kampf um die eigene Subjektivität in einer Welt, in der man allzu oft Objekt zu sein scheint. Und diesen Kampf muss sie auch noch inmitten der Wirren ihres eigenen Gefühlschaos‘ austragen, ist sie doch in Lina verliebt, die ihr andauernd von neuen Eroberungen berichtet. Auch das Verhältnis zu ihrer Mutter, der sie vorwirft, kein emanzipatorisches Vorbild gewesen zu sein, ist kompliziert. Ihr verhasster Stiefvater Paul wiederum tritt als Adressat der Bestandsaufnahme in Erscheinung.

Die Kommunikation der Figuren findet übrigens – wie sollte es 2022 auch anders sein – ausschließlich digital statt: Ständig werden immer neue WhatsApp-Nachrichten vorgelesen, Skype-Calls oder Telefonate zusammengefasst. Die daraus resultierende Hektik spiegelt das Innenleben der Namenlosen wider. Aufgelockert werden die Inhalte durch eine gehörige Portion Humor. Die Vitalität der Schauspielerinnen ist mitreißend und besonders das Finale des Stücks hinterlässt einen tiefen Eindruck. Zu empfehlen ist es jedem, der für Gesellschaftskritik ein offenes Ohr hat und sich von ungehemmten Gefühlsausbrüchen nicht abschrecken lässt.