Verlorene Vielfalt im Wandel der Zeit
Jede Reise ist eine Flucht; eine Flucht vor dem Gewohnten. Wir reisen, um etwas Neues zu erleben. Eben eine Flucht aus der Routine, welche allerdings immer schwieriger wird. Nicht nur, weil wir heutzutage unser gewohntes Umfeld immer in unserer Hosentasche dabei haben, sondern auch weil das Bekannte schon vor uns angekommen ist.
Ich rede von den großen, optimierten Supermarktketten, den weltweit bekannten Fast-Food Franchises, den standardisierten und wohl-klimatisierten Hotels, die uns allen so vertraut sind. Gemein haben sie, dass sie Vielfalt töten. Sobald ich mich in meiner lokalen Lidl-Filiale in zurechtfinde, werde ich kein Problem haben, meine Einkaufsliste im Urlaub im Lidl in 28 Ländern möglichst schnell und effizient abzuarbeiten. “Praktisch!”, möchte der eine behaupten, “langweilig!”, sage ich. Wozu soll man noch reisen, wenn man es einfach und zeitsparend mag – dann ist es daheim praktischer. Verreisen erwartet ein Mindestmaß an Neugier und Abenteuerlust. Ein fremder Ort sollte fremd, und nicht bekannt und logisch aufgebaut sein.
Wenn ich meine Heimat verlasse, möchte ich kein austauschbares Heißgetränke im Pappbecher einer großen Kette, ich möchte ein kleines einzigartiges, schnuckeliges Café finden, dass ich nicht zu Hause vorfinden kann. Urlaube sind immer kulinarische Verschnaufpausen. Wir verreisen mit allen Sinnen, und alle sieben Sinne brauchen von Zeit zu Zeit eine Abwechslung, sonst schlafen sie ein. Es ist immer die Rede davon, dass man seine Komfortzone verlassen müsse. Leichter gesagt als getan, wenn die regionalen Unterschiede schrumpfen und alles ähnlicher wird.
Die Globalisierung macht das Reisen leichter, allerdings schleift sie dabei auch jedwede Ecken und Kanten ab. Noch im 19. Jahrhundert war es teilweise schwierig, sich über regionale Grenzen hinweg zu verständigen. Zweifelsfrei haben wir es heute einfacher, jedoch geht viel Vielfalt verloren. Heutzutage sind so viele Dialekte vom Aussterben bedroht, wie noch nie zuvor. Diversität lässt sich überall finden: sprachlich, kulturell, kulinarisch, architektonisch, etc. die Liste geht unendlich weiter.
Allerdings opfern wir momentan eine große Menge Vielfalt auf der Suche nach Einfachheit und Optimierung. Ich für meinen Teil möchte Vielfalt mit allen meinen Sinnen erleben und das wird immer schwieriger. Wahre Reisende sind Verfolgte der Globalisierung und keine Nutznießer.
Pascal Pill