Zerbrich meine Scham – Arabs Do It Better
Arabs Do It Better; Kellerperle, 13.05.23
Nicht viele Interpreten berühren mich an so wunden Stellen. Das kenne ich fast nur aus der Literatur; Worte, die in ihrem Wirklichkeitsbezug, deren Verwobenheit und dem Zusammenhang Emergenz schaffen und mich dann an mir zuvor unbekannten Stellen aufwühlen, verunsichern, bereichern. Der Boden bebt dann und genau diese Dimension des bisher Unbewussten wird angestoßen, unumgänglich in Bewegung gesetzt, es schreiben sich dann Fragezeichen und Antworten in mich. Auch der Boden in der Kellerperle, er bebt vom Bass, genauso wie die Menschen, die sich in Einheit mit Bewegung; Glanz, Funkeln in Kleidung, Augen, Gesichtszügen in das ganze Tanzende miteinbeziehen. Nicht viele Menschen sich auf den Abend der Abschlussfeier der Würzburger Woche gegen Rassismus eingefunden, aber das Set von Marwan und David hat für mich so viel Schwere in Bewegung gesetzt.
Der Bruch
Arabische Hochzeitsmusik in Verflechtung zu meinem Normal: Das zu hören; Teile dieser Musik, die ich sonst nur von türkischen Hochzeiten aus der Kindheit kenne, bei der so viel Scham mit dabei ist, so viel Verwundbarkeit im Sinne von als fremd entlarvt zu werden. Aber an diesem Abend lasse ich mich fallen, meine Ohren öffnen sich, meine Augen schließe ich und springe in Synchronität zu dem, vor dem ich mich Jahre fürchtete. Der Anschluss an etwas, das ich als westlich klassifiziere, nimmt mir die Angst. Der Kontext, mein Uni-Freund, mit dem ich da bin; die akademische Wertigkeit (hybride Identitäten, die Rolle des Beobachtens eines kulturellen Phänomens) machen es mir möglich auf einmal.
Um vier geht es nach Hause, so nass geschwitzt wie noch nie, dann ein Spaziergang mit dem Hund am Main, Reflexionen von Jahren an Abgrenzung, beobachtet fühlen, schlecht reden. Es ist für die Stadt so still, dass ich die Vögel zwitschern höre und wie mein Stein der Scham aus mir auf den Boden plumpst. Er trifft meinen Fuß, es zieht für einen Atemzug, der Hund schleckt über die wunde Stelle am Spalt des Birkenstocks. Wir laufen weiter und der Schmerz zieht mit der Luft in die Ferne. Eine Amsel tönt vor sich hin und ich, ich fühle mich ganz leicht. Da ist irgendwas in mir, das sich mit der Musik, den Dabke-Elementen, dem mit der Musik im Fluss befindenden Halay-Tuch in irgendwas Unbestimmbares aufhebt.
Es ist kein Zurückkehren zu meinen Wurzeln, kein Rückbesinnen auf das, was ich eigentlich bin. Es nimmt mir die Anormalität. Und gleichzeitig aber auch die Normalität dessen, als nicht-deutsch entdeckt zu werden, keinen Geltungsanspruch zu haben oder nur einen minderen. Meine Deutschheit zu beweisen, bedeutet aus Erinnerungen und Wahrnehmungen Hass zu machen. Es ist die Angst davor, so gewertet zu werden, wie ich in meinem Kopf meinesgleichen verurteile, zu denen ich unberechtigterweise hinabschaue.
Das Neue – Der Raum Dazwischen
Es ist kein „Heimatgefühl“, das in mir geweckt wurde. Diese Zuschreibung trifft nicht ansatzweise das, was da in mir passiert ist. Ich hatte nie einen Bezug zu dem Nicht-Deutschen aus meinem Umfeld, den ich zuließ. Ich wusste, wenn ich es zuließe, dann bedeutet das Vergeltung, Unverständnis. Als Kind hasste ich diese Art von Musik aus dem ‚Arabischen‘ (damit gemeint: Nicht-Europäischen) so sehr, dass ich auf einer Hochzeit saß und mir die Ohren zuhielt. Später brachte mir jemand Kopfhörer und ich hörte Violinensonaten von Bach. An diesem Abend Marwan und David zuzuhören, das schafft Akzeptanz für die mir bekannten unanerkannten Dinge, der Musik gegenüber, die mir mit den lauten Trommeln und verschnörkelten Flöten ein Gefühl der Zugehörigkeit gibt.
Marwan und David machen ‚arabisch‘ klassische Musik für eine neue globale Raum-Zeit zugänglich, reimaginieren Gemeinschaft, konstruieren einen Ort, an der Zugehörigkeit nichts singulares sein muss, in dem es nicht um Zugehörigkeit per se geht, sondern um eine ausgestreckte Hand, sich mit Menschen für ein paar Stunden verbunden zu fühlen. Und genau diese Art von Zusammenhang haben Arabs Do It Better schon in Tel Aviv hergestellt, sie haben Araber und Juden zusammengebracht und durch die Musik einen Raum geschaffen, der Verbindung konstituiert, der etwas anderes gar nicht zugelassen hat, weil sie die Musikgeschichte des dortigen Raums reflektieren und sie mit Elementen des Globalen und Populären verbinden. Die Existenz der Musik allein stellt sich gegen Kulturessentialismen, Schwarz und Weiß, das eine oder das andere und Inakzeptanz mir selbst gegenüber, genauso aber gegenüber eindimensional gedachten Kulturen.
Und deswegen, danke an euch, Marwan und David, für das tolle Set, das mein Herz am tiefsten Punkt berührt, packt und zaghaft an euch reißt und für eure Musik öffnet. Ihr habt eine Schlucht in mir gefunden und dort echot es noch immer. Das Tal der Schlucht ist das ich, vor dem ich mich schäme. Ihr berührt es in tiefster Tiefe und die Resonanz der Musik lässt ein paar Steine den steilen Hang hinunterbrettern. So macht ihr mir das Leben ein Stück leichter.
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