Schubladen im Kopf
eine Kurzgeschichte von Lisa Meier
Sie war die freundliche, pflichtbewusste Ehefrau von nebenan. Er war der taffe Unternehmer und autoritäre Geschäftsführer. Sie beide hatten kaum miteinander zu tun und nichts gemeinsam. Außer den unzähligen Barrieren in ihren Köpfen.
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Louise hatte früher immer davon geträumt, Pilotin zu werden. Ihr Vater war einer der besten des Landes gewesen und ihr größtes Vorbild. Die Faszination für das Fliegen hatte sie vereint, auch wenn er oftmals wochenlang nicht zuhause und dementsprechend keine besonders präsente Bezugsperson für sie gewesen war. Obwohl er seine Tochter inständig liebte und ihr die Welt zu Füßen gelegt hätte, wäre das möglich. Manch einen hätte das Nomadentum des Flugpiloten abgeschreckt. Nicht aber Louise. Sie liebte nichts mehr, als die Vorstellung, eine dieser monströsen Maschinen mit ihren eigenen Händen zu steuern, sich den Gesetzen der Schwerkraft zu widersetzen und den Sonnenaufgang von ihrem Arbeitsplatz über den Wolken aus zu erleben.
Aber Louise wurde älter und mit den Jahren verlor sie den Traum vom Fliegen aus den Augen. Er schien schlicht nicht mehr greifbar. Nicht für sie.
Denn Louise war nun mal, wer sie war. Tochter ihrer konservativen Mutter, die sich nichts als einen netten Schwiegersohn und hübsche Enkelkinder von ihr wünschte. Junge Frau in einer Welt der Söhne und Väter.
Louise wollte ihre Eltern stolz machen. Kein Zweifel, dass ihr Vater begeistert gewesen wäre, hätte sie ihm ihre Bewerbung an der Flugschule präsentiert. Ihre Mutter jedoch starb schon tausend Tode, wann immer er sich zu seinem nächsten Transatlantikflug verabschiedete. Es hätte Louise das Herz gebrochen, auch noch selbst ein Grund für die schlaflosen Nächte ihrer Mutter zu sein. Sie hätte es dennoch getan. Ihren Traum weiter verfolgt. Bis sie Emil traf.
Emil war alles, was den Traummann ausmachte. Er war aufmerksam und liebevoll, unterstützte Louise wo er nur konnte und brachte sie zum Lachen. Er arbeitete genug, aber nicht zu viel, kaufte ihr einmal im Monat Blumen und lud sie auch im vierten Jahr noch zu Überraschungsdates ein.
Und Emil war der geborene Familienvater. Er wünschte sich mindestens drei Kinder von ihr.
Louises Mutter war begeistert. Louise war verliebt.
Also beschloss sie, zunächst als Servicekraft in ihrem Lieblingscafé anzufangen. Ausgerechnet jetzt, wo sie die Liebe ihres Lebens gefunden hatte, für die Pilotinnenausbildung ans andere Ende des Landes zu gehen…das wäre doch eine Dummheit gewesen. Die Jahre zogen ins Land und Louise wurde nicht jünger. Emil wäre am liebsten gestern schon das erste
Mal Vater geworden. Ihr eigener ging in Rente, freute sich gemeinsam mit seiner Ehefrau auf Familienfeiern im Kreise der Enkelkinder.
Louise war mehr als einmal von ihrem Umfeld für verrückt erklärt worden, wenn sie manchmal noch von ihrem Traum schwärmte. Wie könnte sie Emil das antun? Und was war mit ihrer Mutter, die nun endlich wieder ohne Sorge um ihre Familie leben konnte? Und überhaupt – sie als Frau? Das war doch lächerlich. Passagiere vertrauten erfahrenen und kompetenten Autoritätspersonen ihr Leben an. Und sie glaubte wirklich, dass ausgerechnet sie, mit ihrer zierlichen Gestalt und ihrer verträumten, sensiblen Art diese Last tragen könnte?
Also hängte Louise den Traumberuf an den Nagel. Vielleicht war es wirklich ein Hirngespinst gewesen. Ein lächerlicher kindlicher Leichtglaube. Manche Dinge sollten einfach nicht sein. Außerdem hatte sie doch alles, was sie zum Glücklichsein brauchte.
Der Liebe ihres Lebens Kinder zu schenken, das stolze väterliche Leuchten in Emils Augen zu sehen, wenn er die Miniaturausgabe seiner Selbst in den Händen hielt, Louise redete sich ein, dass das alles war, was sie erreichen wollte. Sollte. Konnte.
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Die Tage wurden bereits kürzer und kälter und Louise fröstelte in ihrem dünnen Sommerkleid, als sie an diesem Nachmittag mit schwer beladenen Einkaufskörben vom Markt zurückkehrte.
Sie wusste gar nicht, warum sie immer noch so ungern Hosen trug. Früher hatte sie das vermieden, um nicht zu burschikos zu wirken, wo sie doch ohnehin schon lieber mit ihrem Vater an Flugzeugmodellen schraubte, statt mit den Freundinnen einen Tag im Einkaufszentrum zu verbringen. Die Kleider waren eine Art Protest gegen die Schublade des „Mannsweibs“ gewesen. Ein verzweifeltes Klammern an Louises Weiblichkeit. Denn obwohl sie kein Shopping und kein Makeup mochte, war sie dennoch gerne eine Frau und wollte auch so wahrgenommen werden. Vielleicht hätte sie das ganze Fashionthema irgendwann sogar liebgewonnen, hätte es sich nicht immer so zwanghaft angefühlt.
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Der Motor des nagelneuen, dunkelblauen Audis röhrte unbeeindruckt vor sich hin und übertönte die dumpfen Schläge auf das lederne Lenkrad. Johns Fäuste schlugen wieder und wieder verzweifelt darauf ein, doch der Wagen zeigte keinerlei Reaktion. Eine wütende Mischung aus Knurren und Schluchzen entfuhr John. Dann ließ er die Stirn resigniert auf das Lenkrad sinken, schloss die Augen und atmete tief durch. Nicht durchdrehen. Jetzt bloß nicht schwach werden. Das Bild seines älteren Bruders zuckte vor seinem inneren Auge vorbei. Ein hämisches Grinsen. Du Schwächling. Wie ein kleines Mädchen. Du wirst es nie zu was bringen, wenn du dich so gehen lässt.
John biss die Zähne zusammen. Seine Fingernägel bohrten sich in die Handflächen. Der Schmerz tat gut. Er hielt ihn aus, genoss geradezu, wie sich all seine Sinne auf das stechende Brennen richteten und für einen Moment alles andere an Bedeutung verlor.
Doch die tonnenschwere Last auf seinen Schultern kehrte mit ihrer ganzen Wucht zurück in dem Moment, als sein Smartphone unheilvoll den Eingang einer neuen E-Mail meldete. John kniff die Augen zusammen. Lasst mich alle in Ruhe.
Entgegen der Prophezeiung seines Bruders hatte John es durchaus zu etwas gebracht.
Er hatte sich von unten bis in die oberste Chefetage hochgearbeitet und mit 23 Jahren seine eigene Immobilienfirma gegründet. Seit dem schob er Millionenbeträge wie Teetassen auf seinem Schreibtisch hin und her und hatte zwei Tochterfirmen unter sich.
Damit einher ging allerdings nicht nur ein recht akzeptables Gehalt und die Möglichkeit, hier in der Vorstadt in einem luxuriösen Zweitwohnsitz dem Trubel der Großstadt zu entfliehen. John hatte seit Jahren mit den Anzeichen einer ernsthaften Burnout Erkrankung zu kämpfen. Sein Arzt hatte ihm bereits mehr als einmal einen Klinikaufenthalt empfohlen. Aber John konnte sich das nicht leisten. Nicht aus finanzieller Sicht, keineswegs. Er konnte sich schlicht keine Schwäche leisten.
John Perez brach nicht wegen ein bisschen Stress und Verantwortung zusammen. Er war der Kopf des Ganzen. Er hatte sich den Respekt und seine Autorität nicht jahrelang erarbeitet, um dann von seinen eigenen Angestellten bemitleidet zu werden. Er war ein Kämpfer, ein echter Mann. Keiner von diesen Waschlappen, die die heutige Müttergeneration aufzog.
Und deswegen würde ihn weder der Stress in der Firma, noch der plötzliche Scheidungsantrag seiner Frau jetzt kleinkriegen. Wäre ja lächerlich, wenn er, CEO eines der größten Immobilienunternehmen des Landes, deshalb feuchte Augen bekäme.
Vor drei Monaten war Sofia mit einer Tasche Kleidung und dem Mund voller Vorwürfe zum wöchentlichen Mädelsabend bei ihrer besten Freundin aufgebrochen und seitdem nicht wiedergekommen. John konnte förmlich vor sich sehen, wie die beiden Frauen auf dem Sofa saßen und seine Ehe in all ihren Einzelheiten auseinandernahmen. Fast beneidenswert, wie ungeniert die zwei schon immer mit diesen Dingen umgegangen waren. John hingegen hatte von seinem besten Kumpel lediglich einen viel zu festen Schulterschlag und den Link zur Website eines Stripclubs bekommen. Was du jetzt brauchst ist Ablenkung, Junge. Ey, du bist jetzt ein freier Mann! Zeit, dass du dir mal wieder ein bisschen Spaß gönnst.
Recht hatte er gehabt. Der Abend war durchaus eindrucksvoll verlaufen.
Emotionalität war ein Fremdwort für John. Er hatte früh gelernt, es besser aus seinem Wortschatz zu streichen. Ersatzlos.
Also fuhr er sich mit der linken Hand übers Gesicht, schnallte sich ab und stieg aus seinem Wagen. Knallte kraftvoll wie eh und je die Fahrertür zu und strich seine Krawatte glatt. Genug für heute. Da warteten noch eine Menge Mails auf seine ungeteilte Aufmerksamkeit.
„Hallo Herr Perez, nett Sie mal wieder zu sehen.“ John verdrehte die Augen und hätte beinah genervt gestöhnt. Er wandte sich langsam um, bis auf der anderen Seite der Thuja-Hecke das Hausfrauchen seines Nachbarn in sein Blickfeld geriet.
Er nickte ihr zu ohne die Mundwinkel anzuheben. Einfach keine Reaktion zeigen. Das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war ein Smalltalk über Putzmittel oder den Obst- und Gemüsemarkt. Oder gar eine Frage zu seinen garantiert geröteten Augen. Die sollte jetzt bloß nicht glauben, er hätte ein einfühlsames Gespräch nötig.
Louises Mundwinkel brannten schon fast, von dem gezwungenen Lächeln, dass sie sich ins Gesicht gekleistert hatte. Freundlich lächeln, ihn nicht in eine unangenehme Lage bringen, in der er denken könnte, sie wäre seinetwegen schlecht gelaunt. Oder gar, indem sie nachfragte, wieso er wie ein Irrer auf sein Lenkrad einschlug. Das käme einem Angriff auf seinen Stolz gleich. Es ging sie nichts an. Ohnehin hätte sie diese Art von Problemen wohl nie verstanden. Herr Perez war schließlich ein erfolgreicher Geschäftsmann. In diesen Dingen konnte sie sowieso nicht mitreden. Gib ihm einfach kein schlechtes Gefühl. Lächeln und Winken.
Demonstrativ drehte John ihr den Rücken zu, um sich zu vergewissern, dass er den Wagen abgeschlossen hatte.
Obwohl Louise selbst überhaupt keine Lust gehabt hätte, sich weiter mit ihm zu unterhalten, ihn nicht mal besonders gut leiden konnte, versetzte ihr seine abweisende Haltung einen Stich. Wie früher, wenn ihre Mutter enttäuscht gewesen war, dass sie lieber zum Flughafen und beim Take Off zusehen wollte, als ihr beim Backen zu helfen. Als hätte sie versagt.
„Schönen Abend noch“, presste John hervor, bevor er schnellen Schrittes auf seine Haustür zusteuerte. Jetzt half nur noch Hochprozentiges. Louise hob die Hand zum Gruß im selben Moment, in dem ihre Mundwinkel nach unten fielen.
Gefühlskalter Macho. Dann würde sie sich jetzt eben ans Abendessen machen. Und dieses dumme Kleid gegen eine kuschelige Jogginghose austauschen. Und auf Emil warten. Wie jeden Abend.
Sie seufzte. Die Tür des Nachbarhauses fiel krachend ins Schloss. Sie bückte sich, um den Einkaufskorb hochzuheben, den sie auf dem Boden hatte absetzen müssen.
Nachdem Emil und sie – erfolglos bis jetzt – versucht hatten, schwanger zu werden, hütete sie nun das Haus, putzte vor lauter Rastlosigkeit täglich das Badezimmer und kochte einmal wöchentlich Emils Lieblingsgericht. Sie wollte ihm nicht das Gefühl geben, es läge an ihm, dass es bis jetzt nicht geklappt hatte. Sie wusste ja, wie sehr er sich eigene Kinder wünschte.
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Als es draußen schon dunkel war, fuhr Emil gerade auf die Autobahn auf. Er hatte eigentlich schon zuhause sein wollen, bei Louise, die ihn sicher sehnsüchtig erwartete.
Die tanzte zu dieser Zeit zu aufgedrehten Musikboxen durch das Wohnzimmer. Von der dunklen Straße aus hätte man sie in dem hellerleuchteten Raum hervorragend beobachten können. Im Backofen verbrannte die Lasagne, die sie irgendwie versucht hatte, warm zu halten.
Emil hasste es, wenn der Käse verkohlt war. Louise tanzte um das Sofa.
Wie hatte sie diesen Raum für sich selbst vermisst. Ihre eigene Musik, auf Anschlag, ohne dass jemand nach einem langen Arbeitstag um Ruhe bat. Hoffentlich stand Emil auf der Autobahn in der Vollsperre.
Im Nachbarhaus saß John mit einem Kristallglas teurem Whiskey vor den Scheidungspapieren und konzentrierte sich auf das scharfe Brennen in seinem Rachen, um das Salz nicht zu schmecken, das tonlos über seine Oberlippe bis in den Mundwinkel rann.