Zu jung für den Feed?
Australien setzt ein Zeichen gegen Cybermobbing, Gewalt und schädliche Inhalte. Mit einem radikalen Social-Media-Verbot für unter 16-jährige geht das Land einen Schritt, den so noch kein anderes Land gewagt hat. Doch das Gesetz stößt nicht nur auf Zustimmung. Wie weit darf Sicherheit gehen?
Social Media ist für mich ein fester Bestandteil des Alltags, die damit verbundene Teilnahme an Jugend und Internetkultur ist nicht mehr wegzudenken. Doch nicht nur mir geht es so, immer mehr Kinder und Jugendliche sind passive, aber auch aktive Nutzer*innen auf Apps wie Instagram, TikTok und Snapchat. Ab wann ist aber jung zu jung? Vor zwei Wochen hat Australien als erstes Land beschlossen, dass diese Grenze bei 16 liegt und ein neues Gesetz verabschiedet.
Gesetz für sicheres Internet?
Der „Online Safety Act 2021“, welcher, wie der Name schon sagt, ursprünglich seit 2021 besteht, verfolgt das Ziel, die Sicherheit im Netz zu erhöhen und die Verantwortung für diese Sicherheit vermehrt zur Aufgabe von Internetunternehmen und Social-Media-Plattformen zu machen. Er soll vor schädlichen Inhalten schützen, wie zum Beispiel Cybermobbing, sexueller Belästigung oder Gewaltaufrufen. Doch die wahrscheinlich größte Reform, die der „Online Safety Act 2021” 2024 durchläuft, ist die erzwungene Altersverifikation und damit zusammenhängend das strikte Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren in Australien.
Die eben genannten Altersverifikationssysteme sollen innerhalb eines Jahres, also bis Ende 2025, getestet und eingeführt werden. Diese sollen nicht nur sicherstellen, dass niemand unter 16 ein neues Konto eröffnen kann, sondern auch aktive Nutzer*innen, die zu dem Zeitpunkt noch unter 16 Jahre alt sind, sind betroffen. Dafür verantwortlich sind die Plattformen selbst und falls nicht gehandelt wird, drohen Bußgelder in Höhe von bis zu 50 Millionen australischen Dollar.
Guter Ansatz, schlechte Umsetzung?
Erwarteter Weise kritisieren Unternehmen wie Meta oder TikTok das Gesetz, nicht nur weil sie für die Umsetzung verantwortlich sind, sondern auch weil Bedenken über den Datenschutz entstehen. Die Verifikation des Alters fordert die Eingabe sensibler und persönlicher Daten und/oder von Bildern. Die dadurch nötige gesammelte Datenbank wäre ein beliebtes Angriffsziel für Hacker.
Zweifel am Gesetz entstehen auch bezüglich der Meinungsfreiheit, denn Social Media sei nicht nur ein Ort der Unterhaltung, sondern auch des Meinungsaustausches und der Meinungsbildung, so Amnesty International. Der Ausschluss von jungen Menschen aus digitalen Räumen könnte schlichtweg bedeuten, dass deren Stimmen nun auch hier nicht mehr gehört werden können.
Laut einer internen Analyse von Google bevorzugen etwa 40% der Gen Z TikTok und Instagram, um an Informationen über beispielsweise Reisepläne oder Ähnliches zu kommen. Das Verbot würde demnach auch diese Informationsfreiheit einschränken. Und das nicht nur für Reisepläne, sondern insbesondere im politischen und sozialen Bereich wäre dies ein Problem.
Zwei weitere Punkte, die insbesondere von Jugendlichen selbst kritisiert werden, sind die Einschränkung der kreativen Selbstentfaltung und die Auswirkung des geplanten Gesetzes auf marginalisierte Gruppen. Social-Media-Plattformen wie Instagram oder TikTok bieten zahlreiche Möglichkeiten, kreativ zu werden und sich so online durch Videos, Fotos, Bilder oder Texte selbst auszudrücken. Dadurch ist Social Media ein Ort, an dem Jugendliche sich selbst treu bleiben können. Beispielsweise für LGBTQ+-Zugehörige ist online teilweise einer der wenigen Safe Spaces, den es gibt. Ein Verbot könnte nun diese wichtigen Netzwerke aufbrechen und Kinder und Jugendliche isolieren.
Ein Verbot schützt also, könnte aber auch unabsichtlich einschränken und selbst gefährden. Kritiker fordern eine Balance zwischen den Rechten von Jugendlichen und deren Sicherheit. Australien ist so nicht nur weltweiter Vorreiter, sondern auch Versuchskaninchen. Ob und wann sich weitere Länder anschließen, steht zunächst wohl noch in den Sternen.