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Brauner Kaffeesatz

Blogvon Antonia Duscheleit

Ich mache die Balkontür auf, ein sanfter Hauch kalter Februarwind streift mein Gesicht
und durchlüftet mein Zimmer. Ich stelle mich raus und recke meinen Kopf in die Sonne.
Ein zartes, warmes Gefühl regt sich in meinem Gesicht und ich nehme einen Schluck
Kaffee. Ich setze mich auf die Palettenbank auf dem Balkon und erinnere mich, dass
es ziemlich genau ein Jahr her ist.
Ein Jahr, seit die Correctiv-Recherche veröffentlicht wurde und hunderttausende von
Menschen demonstrieren gingen. Ich würde noch nicht einmal behaupten, dass alle
links davon waren, sie hatten nur einen Funken Menschenverständnis im Kopf, was
man zur Zeit von wenigen Menschen behaupten kann. Vor einem Jahr, es wurde von
den größten Demonstrationen Deutschlands seit dem Mauerfall gesprochen. Das
muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. So eine unfassbar große Masse
und es ist politisch nichts passiert. Nichts.
Gleich bin ich wieder zum Demonstrieren verabredet. Wieder gehen hunderttausende
Menschen raus und wieder, da bin ich mir sicher, wird es politisch keine Folgen geben.
Ein kurzer euphorischer Schub, schöne Bilder und das war es dann auch wieder. Ich
nehme noch einen Schluck meines Kaffees.
Letztens hat Julia Klöckner die Demonstrierenden als Linksextremist*innen abgetan.
Huh? Ich denke, da muss nicht länger drauf eingegangen werden. Dass die Proble-
matiken der Gesellschaft nicht zur Schuld Einzelner gemacht werden, sollte keine re-
volutionäre Forderung darstellen. Trotzdem, statt zu versuchen der akuten rechten Ge-
walt entgegenzustehen, wird ihr zugespielt. Die Rechte Hetze wird umgesetzt, von fast
allen Parteien. Der Versuch Migration einzudämmen und Menschen abzuschieben,
wird wohl kaum die Lösung zu den rechten Morden sein.
Sorry, warte mal, muss kurz kotzen gehen.
An sich will ich gerade gar nicht spezifische Punkte ansprechen, es wurde oft genug
gesagt, dass sich Muster zeigen und die gesellschaftlichen Strukturen an das letzte
Jahrhundert erinnern. Wie sich die Debattenführung, die politischen Inhalte in den letz-
ten Jahren nach rechts verschoben haben. Wir wissen alle, dass (linke) Demonstrati-
onen und Migration nicht das Problem sind. Sag mir, dass wir alle das Wissen.
Ein Blick auf mein Handy, auf die Nachrichten und der entspannte Morgen ist vorbei.
Die Gedanken verknoten sich ineinander und ich sitze da, mit einem bitteren Rest Kaf-
feesatz im Mund. Hilflos, den Kaffeesatz weghustend und Angst wegschüttelnd scheint
die Sonne immer noch in mein Gesicht. Bringt doch alles nichts. Alles nicht genug.
Demonstrieren, wählen, allein auf dem Balkon sitzen und um die politische Lage über-
all trauern. Meine Traurigkeit bringt mir nichts, sie bringt dir nichts.
Und dann spüre ich mein Blut durch die Adern fließen und mein Herz schneller Schla-
gen. Der Effekt des Kaffees? Die Folge meiner Gedanken an Merz, Klöckner, Scholz?
Die Gesichter Weidels und Wagenknechts vor meinen Augen? Die Trauer ist weg. Was
bleibt ist das Feuer in mir, in meinen brennenden Adern. Kein Bock mehr auf braunen
Kaffeesatz, kein Bock mehr auf Euch. Einmal kurz ins Kissen schreien, bisschen Punk
Musik auf die Ohren und dann vernetzen, mehr machen. Balkontür zu, Kaffeetasse in
die Spüle, Schuhe anziehen und dann raus da.

– Kommentar geschrieben von Antonia Duscheleit