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Das grüne Kinderkarussell

Blogvon Hannah Lehmann

Das Dorf, in dem Ada groß geworden war, hatte einen kleinen Spielplatz. Zwischen hohem Gras, das selten gemäht wurde, stand ein grünes Kinderkarussell, von dem die Farbe abblätterte. Mit sieben Jahren hatte sie das alte Teil einmal so heftig angeschubst, dass ihr fürchterlich schlecht wurde, und mit sechzehn rauchte sie dort ihre erste Zigarette, was ihr ebenso viel Übelkeit verursacht hatte.

Seitdem waren beinahe acht Jahre vergangen. Die Zigaretten waren geblieben, sie verursachten ihr schon lange keine Übelkeit mehr… nur das grüne Karussell war nicht mehr da. Der ganze Spielplatz war weg, um genau zu sein. Das Gras war über die Jahre so hoch gewachsen, dass selbst die Schaukeln nicht mehr zu sehen gewesen wären, würde der Wind sie immer noch leicht hin und her schwingen, wie damals. Es gab keinen aufgeschütteten Kies mehr. Keine Sand-Stein-Mischung am Ende der heißen Metallrutsche. In der Siedlung stand jetzt ein neuer, modernerer Spielplatz mit Seilbahn und unzählbarem anderen Firlefanz. Firlefanz wie Karussellfarbe mit Regen- und Wetterschutz.

Als sie das erste Mal wieder an dem alten Spielplatz vorbeikam und sah, dass nur noch viel zu hohes Gras geblieben war, versetzte ihr der Anblick einen unerwarteten Stich. Nicht mal den Zaun hatte man stehen lassen. Sie stand da und fragte sich, wer zum Kuckuck auf die Idee gekommen war, so einen wichtigen Ort einfach in die Vergangenheit zu katapultieren. Das grüne Karussell mit dem gerillten Boden und der runden Drehscheibe mit Karomuster – nur noch Erinnerungen.

Niemand hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die alten Geräte zu erhalten. Zu pflegen oder – daran wollte sie allerdings auch nicht denken – zu erneuern. Es wäre ihr wahrscheinlich ebenso wie ein Verbrechen vorgekommen, hätte man das grüne Karussell gegen ein neues ausgetauscht oder die Metallrutsche durch eine aus Plastik ersetzt. Auch sie hatte sich keine Gedanken um den Spielplatz gemacht. So lange war sie fort gewesen, hatte sich nur mit sich selbst beschäftigt, neue Freunde gefunden, neue Orte kennen und lieben gelernt. Und diesen hier? Wie hat sie den Spielplatz vergessen können? Warum hat es ihr niemand gesagt, als er abgebaut und dem Erdboden gleichgemacht wurde? Und wenn es dir jemand gesagt hätte, dachte sie, was hättest du schon dagegen tun können? Was hätte es auch gebracht, den alten Platz weiter zu erhalten?

Irgendwann wäre auch der letzte grüne Fleck des Karussells einfach abgeblättert und der Rost hätte sich durch das Karomuster gefressen, wie Insekten durch totes Fleisch. Nein. Sie hätte nichts tun können. Sie wäre wahrscheinlich einfach nur hilflos daneben gestanden und hätte sich in Gedanken verabschiedet und sich für all die schönen Erinnerungen bedankt.

„Du hängst dein Herz an zu viele leblose Dinge“, hatte ihre Mutter einmal zu ihr gesagt, als sie mit den Tränen kämpfte, während sie dabei zugesehen hatten, wie die Förster die alte Silberweide zersägten, weil ihr Stamm völlig zerfressen und morsch war.

Sie fischte eine Zigarette aus ihrer Tasche, trat in das hohe Gras des früheren Spielplatzes und setzte sich an den Platz, an dem das grüne Kinderkarussell gestanden hatte. Der Rauch stieg in ihre Lungen und bahnte sich binnen Sekunden wieder einen Weg an die frische Luft. Kein Husten, keine Übelkeit.

Sie war nun erwachsen und der Spielplatz war fort. Es kam ihr vor, als wäre beides über Nacht geschehen. Ada wusste, dass sich die Dinge veränderten. Dass die Zeit Altes aussortierte und Neues willkommen hieß, als wäre es das Leichteste auf der Welt. Ada wusste, dass ihre Mutter recht hatte. Dummes naives Herz, dachte sie. So dumm, dumm, dumm.

Aber eigentlich ärgerte sie sich nicht über sich selbst. So war es auch schon früher gewesen. Sie ärgerte sich nicht darüber, dass es sie selbst so sehr schmerzte – sie wusste, der Schmerz gehörte zu den Dingen, die ebenfalls vergingen. Sie ärgerte sich darüber, dass es den anderen Erwachsenen nicht gelang, den Zauber zu erkennen, den die Bäume, die Blumen und ja, auch das grüne Kinderkarussell innehatten. Als könnten sie alle Geschichten erzählen. Sie hatten alle etwas an sich. Etwas Magisches.

Als Kind hatte sie das mehr gefühlt, als sie es heute tat. Vielleicht vernebelt dir der Zigarettenrauch die Birne, dachte sie und musste lächeln.

So saß sie da, im hohen Gras. Mit dem schweren, kleinen, dummen Herz in der Brust, das sich die Schaukeln, die Metallrutsche und das Karussell zurückwünschte, weil es sich eben immer noch an leblose Dinge hing. Die Vergänglichkeit war eine Tatsache der Realität, die ihr wie Steine im Bauch lag.

Schon früher hatte sie Ada ihre hässliche Fratze gezeigt und egal wie sehr sich das Mädchen dagegen gewehrt hatte, so hatte sie ihr doch ohne Gnade schon so einiges genommen. Erst später, als Frau, hatte sie erkannt, dass auch die Vergänglichkeit einen Zauber mit sich brachte. Einen, der sich hinter der Fratze versteckte – ein doppeltes Gesicht, wie ein Schauspieler oder ein Gaukler aus alten Märchen.

Die Vergänglichkeit konnte einem lehren, den Zauber nicht zu übersehen, den die Dinge, die Orte, die Blumen, die Bäume, die Menschen um einen herum mit sich brachten. Ihre Fratze war hässlich, doch jedes Mal, wenn sie durch die Luft wehte und zusammen mit der Zeit das Alte verbannte, sang sie ein leises Lied. Ein schönes, das sich genauso in Adas Herz ausbreitete wie die Trauer um das, was bereits vergangen war: Wenigstens hast du es gesehen. Wenigstens hast du es gefühlt. Du hast den Zauber erkannt, als er noch da war und du wirst ihn nicht vergessen. Den Baum genauso wenig wie das grüne Kinderkarussell.