Interview mit Elliot Musche – über das Schreiben eigener Theaterstücke
Fragen an Elliot Musche über das Schreiben von Theaterstücken und das Schreiben an sich. Über Inspirationsquellen, seinem Umgang mit dem Publikum und Probleme hinter dem Vorhang.
H: Also gleich vorweg: Ich habe mir dein letztes Theaterstück angeschaut und fand es sehr cool.
E: Das freut mich!
H: Ich hatte beim Zusehen das Gefühl, dass du dir wenig Gedanken darum machst, wie dein Stück ankommt und du mehr Wert darauf legst, verschiedenste Dinge auszuprobieren. Ist das so?
E: Ja, das ist tatsächlich das Letzte, was mich interessiert, ob es jemandem gefällt. Grundsätzlich könnte ich gar nicht schreiben, was andere wollen. Das hat Friedrich Dürrenmatt mal 1980 sehr, sehr gut formuliert: Theater- und Probenzeit sind ein sehr intimer Prozess und dann kommt das Publikum – der Störfaktor.
Und wenn ich eine Idee habe und ich etwas daraus machen will, wie bei „Kriege in ihren 20ern” zum Beispiel – da fand ich die Idee einfach geil – dann mache ich das.
H: Ja, cool. Genau das mag ich so an selbstgeschriebenen Stücken: Dass man Ideen formen und sich selbst ausprobieren kann – und du machst das in einem sehr individuellen, eigenen Stil.
E: Vielen Dank!
H: Von einer Skala von 1 – 10: Wie stressig war für euch die Aufführungswoche?
E: Tatsächlich würde ich es schwammig zwischen 7 und 10 einordnen. Die zwei, drei Wochen davor waren sehr auslaugend und stressig für mich. Ich habe in dieser Zeit auch sehr viel Arbeit an Kristina abgegeben, die sich mit mir um die Regie gekümmert hat. Sie hat in dieser Zeit alles total kraftvoll durchgezogen.
H: Gab es Probleme oder Engpässe?
E: Am Wochenende vor der Premiere war das Licht noch nicht fertig programmiert, weil wir einige Ideen für das Bühnenbild erst während der Generalproben hatten. Die LEDs wurden von Daniel und Lukas innerhalb von 24 Stunden fertig gelötet.
Wir waren alle irgendwie tot, aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt.
H: Das hat es, ja! Ich habe das Bühnenbild auch vorher schon in der Mensa gesehen und bin direkt neugierig geworden. Auch die Soundeffekte der Tür fand ich mega!
E: (lacht) Die Tür hat mich, glaube ich, am meisten gestört – die habe ich gemacht. Nicht programmiert, aber abgespielt, und da ist mir wieder aufgefallen, wie wichtig ganz genaue Sound-Cues sind. Manchmal war der Sound etwas verspätet und ich möchte nicht, dass sowas nochmal passiert.
H: Ja, verstehe ich.
E: Aber ja, daraus wird gelernt worden sein. Davon können andere Stücke nur profitieren.
H: Ganz bestimmt!
H: Eine Frage zum Bühnenbild: Hattest du von Anfang an im Kopf, wie die Bühne aussehen soll oder entwickelt sich das mit der Zeit?
E: Ich hatte die drei Türen im Kopf, die LED-Leuchte war eine Idee von Daniel und sonst ist das Bühnenbild ganz anders geworden, als ich es mir vorgestellt habe. Erst wollte ich eine komplett weiße Bühne, um die Gefühllosigkeit des Stücks besser hervorzuheben, aber eine weiße Bühne zu beleuchten soll sehr räudig sein. Viele Ideen kamen erst die letzten drei Wochen dazu.
H: Ist das ein Problem für dich, wenn etwas anders wird, als gedacht?
E: Grundsätzlich sehe ich Theaterstücke – selbst wenn am Ende ein Ende steht – als unfertige Werke. Sie werden erst auf der Bühne fertig. Das Geschriebene und das Aufgeführte sind vollkommen unterschiedliche Welten und auch wenn ich mir Dinge davor gedacht habe, habe ich absolut kein Problem damit, diese völlig anders in der Inszenierung zu interpretieren.
H: Sprich, du bist offen für Input und die Schauspieler und Schauspielerinnen dürfen ihre eigenen Ideen mit einbringen?
E: An sich ja. Es gibt ein paar Ecken, bei denen ich hardcore pingelig bin, weil ich die genau so haben will, aber in diesem Stück waren das zum Beispiel nur vier Sätze.
H: Ich finde es immer gut, wenn ein Stück mit allen seinen Beteiligten wächst. Am Ende merkt man es auch, wenn das ganze Team hinter einem Stück steht.
E: Auf jeden Fall.
H: Wie lange schreibst du eigentlich schon?
E: Ich kann dir ein genaues Datum geben.
H: Wow, okay.
E: Ich habe am 26. Juli 2014 angefangen zu schreiben.
H: Wie alt warst du da?
E: Da war ich zwölf. Und mit meinem Vater im wichtigsten Film meines Lebens: Transformers 4. Und dieser Film endet mit einem brutalen Cliffhanger. Und jetzt stell dir vor: Ein 12-jähriger Junge sieht drei Stunden lang, wie sich Roboter in Autos und Dinos verwandeln – das war einfach fett – aber das offene Ende hat mich so genervt, dass ich Zuhause einen fünften Teil geschrieben habe.
H: (lacht) Das ist ein toller Grund, um mit dem Schreiben anzufangen! Wie lange war die Fortsetzung?
E: Zwanzig Seiten ungefähr.
H: Ja, nice, voll cool. War das dann der Moment, in dem du das Schreiben als dein neues Hobby etabliert hast?
E: Ja. Die Gründe, warum ich geschrieben habe, haben mit der Zeit dann allerdings sehr variiert.
H: Wie sieht denn dein Schreibprozess so aus?
E: Also erstmal schreibe ich mir ein paar Ideen auf, die ich ganz cool finde, und dann fange ich einfach an zu schreiben.
H: Gibt’s ein Notizbuch, in dem du festhältst, wie die Geschichte sich entwickeln soll und wie die Rollen zueinander stehen? Oder entwickelt sich das aus dem Schreiben heraus?
E: Grundsätzlich habe ich in meinen Notizbüchern das Rohmaterial. Wenn ich dann anfange, auf dem Laptop zu schreiben, starte ich mit dem Text an sich und sehe dann, was passiert.
H: Okay. Das heißt, die letzten Stücke, die du auf der Studiobühne aufgeführt hast, waren Texte von Ideen, die dir einfach so gekommen sind und aus denen du was machen wolltest?
E: Ja. Bei dem Stück „Alles ist voll von Göttern“ kann ich allerdings auch noch eine andere Inspirationsquelle nennen: Einer meiner Lieblings-Rapper hat ein Album rausgebracht, das genauso heißt wie mein Stück. Und ich habe den Song „Jamais-vu“ gehört und gedacht: Harland und Aura. Zwei Menschen, die irgendwie nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander können.
H: Sehr cool. Das heißt, du ziehst auch sehr viel Inspiration aus Musik?
E: Ja, unter anderem.
H: Wann hattest du denn das erste Mal den Gedanken, dass du das, was du schreibst, auf eine Bühne bringen möchtest?
E: Das kam in der Winterspielzeit 2023. Ich habe bei einem Stück mitgespielt, bei dem mich der Regisseur sehr inspiriert hat. Und der Rest hat sich dann zusammengefunden.
H: Wie viele Stücke hast du schon aufgeführt?
E: „Kriege in ihren 20ern” und „Alles ist voll von Göttern”. Also zwei.
H: Und es kommt noch mehr?
E: Als nächstes kommt „Die, die mit den Kisten tanzen”.
H: Stimmt, da freue ich mich auch schon drauf! Ich werde auf jeden Fall im Publikum sitzen. Hast du vor, in allen deinen kommenden Stücken Regie zu führen oder könntest du dir auch vorstellen, die Regie mal abzugeben?
E: Vorstellen schon. Wenn ich mal an einen Punkt kommen sollte, dass ich etwas zu Ende schreibe und ich von irgendjemandem weiß, dass er Regie machen will, fände ich das tatsächlich viel interessanter, als wenn ich meine eigenen Stücke mache.
H: Stimmt, wäre auch interessant zu sehen, wohin sich das eigene Stück dann entwickelt.
E: Ja, das würde ich sehr, sehr gerne mal erleben.
H: Würdest du das Schreiben von Theaterstücken als ein Hobby betiteln? Oder arbeitest du auf irgendetwas hin?
E: Ja, ich würde sagen, es ist ein Hobby, das ich auch sehr gerne beibehalten möchte. Einfach, weil es mich auch menschlich sehr viel weiter bringt.
H: Das ist doch schön! Gibt es denn etwas, was du den Menschen mit deinen Stücken mitgeben möchtest? Vorhin hast du zwar gesagt, das Publikum sei der Störfaktor, aber möchtest du vielleicht trotzdem, dass die Leute etwas mitnehmen?
E: Also bei „Alles voll von Göttern” war mir wichtig, dass die Leute denken: leuchtet schön. (lacht) Spaß am Rande – Was Personen am Ende von dem Stück mitnehmen oder nicht, ist mir tatsächlich eher egal. Ich wurde auch schon gefragt, was die Message von meinen Stücken ist… doch ich bin der Letzte, der das beantworten kann.
H: Okay.
E: Ihr nehmt das aus dem Stück raus, was ihr für euch rausnehmt. Was ich natürlich nicht mag, ist, wenn ein Stück radikal missinterpretiert wird. Das ist bei meinen damaligen Poetry-Auftritten oft passiert. Aber am Ende nehmen die Leute das aus dem Stück raus, was sie eben mit rausnehmen. Ich biete nur Rohmaterial für ihre Gedanken.
H: Aber du möchtest schon, dass sich die Leute nach dem Stück ein paar Gedanken dazu machen, oder?
E: Ja, also nur für den Unterhaltungsfaktor schreibe ich nicht. Es ist schon gut, den ein oder anderen Gedanken anzuregen. Aber auch, wenn Menschen das Stück abgrundtief hassen, nehme ich das als Kompliment.
H: Weil es Emotionen hervorgerufen hat.
E: Weil es Emotionen hervorgerufen hat. Ich habe sogar eine Haterin, die mal auf mich zugegangen ist und gesagt hat, sie wünscht sich, dass mein Name verflucht wird und niemand mehr jemals meine Stücke spielt.
H: Einfach so oder was?
E: Ja, sie hat das gesagt und ist gegangen. Es scheint sie sehr getroffen zu haben – und diese enormen Emotionen haben mich sehr geehrt. Das war fast ein Ritterschlag.
H: (lacht) Klingt nach einer guten Einstellung, um mit Hass umzugehen. Gibt es sonst noch Projekte von dir, auf die wir uns freuen können?
E: Ich werde mich bald mal an einer Komödie versuchen. Bisher hat man für meine Stücke ja, ich sage mal, einen relativ guten Magen benötigt – aber im Sommersemester möchte ich es mal mit etwas Lustigem versuchen.
H: Cool, immer weiter ausprobieren, das klingt sehr spannend! Ich freue mich schon. Vielen lieben Dank für deine Zeit, Elliot! Gibt es noch etwas, was du mit unserer Leserschaft teilen möchtest?
E: Wenn ihr bis hierhin gelesen habt: Vielen Dank, dass ihr genug Interesse an diesem Stück gehabt habt und auch an mir als Interviewpartner von Hannah – vielen Dank fürs Lesen!
– verfasst von Hannah Lehmann (im Gespräch mit Elliot Musche)