Zum Inhalt springen

Unser Ende war Gestern

Blogvon Selin Erdogan

Das Ende ist das Bild in meinem Kopf, das die Arme um mich legt und mir zuflüstert, dass das, was hinter den Häusern da am Horizont schlummert, mir nur böses will. Mich packen und nehmen will, mir so tief in die Augen schaut, wie nur die aus diesem verlorenen Viertel es können. Mich hochzieht an meiner Jacke, dass ich den Boden verliere, mich gegen die Wand drückt, dass ich zuhause vermisse und dann wegwirft, wenn meine resignierten Schreie zu langweilig werden.

Vor den Häusern, die du dunkel malst, schirmst du mich ab, sagst du. Alles, was du willst, ist mich in Watte einzupacken, dass mir auch ja nicht das geschehen kann, was dir so alles passiert ist. Wer dich alles so gepackt haben muss, so den Boden hat verlieren lassen, dass dein Streicheln sich heute so anfühlt, als hättest du mit jeder Bewegung den Schorf meiner Wunden abgetragen?

Haben sie dich mit Füßen getreten? Mit Worten? Mit Blicken? Mit den ewigen Sekunden der Tage, an denen du nicht du selbst sein durftest? Wer hat deine Haut so rissig gemacht, uns diese Neurodermitis gegeben (und uns damit zu dem Punkt gebracht, an dem wir unsere eigenen gesunden Zellen angreifen und zersetzen), dass du dich so um mich fürchtest, Mama?

Ich weiß, dass es deine Geschichte ist, die in meinen Worten keinen Platz findet. Aber ich merke doch, dass diese Geschichte das Bild in meinem Kopf ist, das die Arme um mich legt und mir sagt, dass die Gesichter mit jedem Tag böser werden, die Verhältnisse unerträglicher, der Gestank der Fäkalien, die um unser Maul geschmiert werden, stechender.

Du erinnerst dich an das erste Mal, als dir das passierte. Es passt so gut zu deinen braunen Augen und schwarzen Haaren und dunkler Haut, weißt du, es ist nicht so, dass, sagten sie, und du ranntest in deren Tempo zu dem Bunker, in dem wir seit jeher wohnen. Das Schlimmste ist wohl, dass dir selbst dieser Schutzraum zum Verhängnis wurde.

Ich weiß doch, wie groß deine Augen vor den Händen werden, die dir mal alles verboten. Ich sah es doch in dem Moment, in dem du den Ring von deinem Finger risst und gegen die Fensterscheibe des Bunkers warfst. Er prallte zurück, klirrte auf dem verdellten Parkett im Takt zu deinen Schreien, die sich so anhörten, wie es zerbrochene Buchstaben tun würden. Weil Sprache hatte dich längst verlassen.

Ich habe in meinem Leben keine Stimme erlebt, die sich intensiver entfaltete, keine verwirrteren Laute einen Körper verlassen sehen, kein Gesicht erblickt, das mehr nach Verwesung stank. Fäkalien mischten sich mit dem Blut, das er war, zusammen mit Tränen und Schleim und sammelten sich in den Furchen des Krampfes, der dein Gesicht da entstellte.

Es hatte nicht mal seine ursprünglichen Konturen, alles verschwamm so, dass auch ich nicht mehr sehen konnte, dass ich aus dir war (oder vielleicht fürchtete ich mich auch einfach nur davor). In dem Moment muss der Damm gebrochen sein, dachte ich, der seit jeher alles zurückgehalten hatte.

Ich war froh, dass er dir nach deiner Hysterie wieder den Ring an den Finger steckte, deinen Rücken streichelte und du nicht anders konntest, als mit dem verklebten Mund zu lächeln, den seine Lippen hinterließen. Wie schön deine Lippen, wenn du – und wie hässlich es von innen aussehen musste.

Du schlucktest schreiende Buchstaben und aßt nie wieder etwas anderes, Muskel zersetzten Fett, zersetzten Organe, bis sie das tun, was wir wohl am besten können: Versagen. Es ist nicht so, dass du nicht versuchtest, es besser zu machen, du zwangst dich zum Erbrechen so unerbittlich und kautest ein zweites und drittes und viertes Mal an den zerbrochenen, die es einfach nicht aus dir schafften.

Mit jedem Tag, mit jedem Buchstaben, der nicht aus dir fand und sich nach mehreren Anläufen endgültig zersetze, verlor deine Geschichte ein bisschen mehr. Wenn du ja nicht mal den Anfang schreiben konntest, dann erklärt sich mir, dass du nicht Gott* brauchtest, um dich vom Ende abzuhalten.

Auch wenn deine Geschichte durch meine verdrehte Zunge ihre eigentliche Form verliert, wird sie doch immerhin zu etwas, das wieder auf festem Boden steht, liegt oder schwimmt – es zumindest versucht.

Manchmal frage ich mich, ob sie gewonnen hätte, wenn du den Bunker geflutet hättest. Hätte dann wer gefragt und hätte sie gewonnen, wenn wir alle ertrunken wären? Wären sie und du dann frei?

Was hätte Gott* dazu gesagt? Hätte er dich auch verstanden oder dich hingeschickt zu den brennenden Häusern da hinterm Horizont? Dich mit heißem Wasser überschütten lassen, wie du mir sagtest, dass es passieren würde, wenn ich von dir gehe?

Was wäre, wenn Ende nicht der Ring wäre, der seinen Weg an deinen Finger wieder zurückgefunden hat? Was wäre, wenn Ende nicht morgen war?

Wenn morgen nicht heute ist, nicht gestern, nicht vorgestern, nicht, wie sie trampelten und spuckten und lachten und schrien und starben, nicht das Bückstück, die Bedienstete, das Ding zu nehmen, zu packen, zu schütteln, nicht geschwollene Augen, rissige Haut, Bunker aus Bomben, Worte ohne Buchstaben, Vermeiden, Verdrängen, Unterdrücken – wenn es nicht ich bin, die du in deinen Armen fängst?

Was, wenn es nicht ich bin, die rennt in deinem Tempo, weil sie zu schwach ist, dich zu tragen mit all den, mit all der Geschichte, mit all dem Ende, das ich bin heute in deinen Armen, die nicht mehr da sind, weil Ende 1 (das Schweigen) war Ende 2 (die Umarmung) war Ende 3 (mein Gefängnis) war Ende 4 (unser Schweigen) war immer nur Anfang.