Zeit und Vergänglichkeit

Ist es nicht schön und merkwürdig zugleich, wie schnell manche Dinge wieder in der Versenkung verschwinden? Wie Sachen, die gestern noch belächelt wurden, plötzlich in aller Munde sind?
Ich weiß noch, als wäre es erst kürzlich geschehen und nicht bereits 2009.
Ein paar Mitschülerinnen und ich hatten uns Brillen ohne Sehstärke gekauft. In einem Laden, der Würzburgs Innenstadt längst Lebewohl gesagt hat. Als wir mit den besagten „Schmuckstücken“ dann im Schultheater saßen, wurden wir von der Reihe vor uns ausgelacht.
„Was tragt ihr denn für komisches Zeug?“, fragten die anderen.
Es sollte nicht lange dauern, bis die „Nerdbrille“ Einzug in die damalige Popkultur erhielt und alle so herumliefen – und nein, ich fühlte mich nicht wie eine Vorreiterin. Ich fühlte mich dezent ver***rscht. Vielleicht nicht wie die Dame bei der Telefonauskunft, als ich sie nach meiner eigenen Nummer gefragt habe, aber schon nah dran.
Ich habe keine Ahnung, wer bestimmt hatte, dass das, was einige Monate zuvor noch als sonderbar galt, nun plötzlich der allerletzte Schrei war. Aber gut, jedes Jahr wird ja bekanntlich eine neue Sau durchs Dorf gejagt, wa?
Ein anderes Mal meinte eine Lehrerin z uns, dass wir uns in ein paar Jahren schämen würden, wenn wir auf alten Klassenfotos sehen würden, wie wir uns damals gekleidet haben. Ich ließ diese Aussage kurz auf mich wirken. Dann blickte ich im Raum umher und merkte… Moment mal, ich schäme mich jetzt doch auch schon!
„Buffalo“–Schuhe. Palitücher. Röhrenjeans.
Jawohl, das war der Tiefpunkt. Nur Pappe hat noch weniger Geschmack – und guten schon mal gar nicht…
Und trotzdem sehne ich mich nach dieser Zeit zurück.
Oftmals bilde ich mir dann ein, dass früher alles einfacher war, wie so viele Menschen jenseits der 20.
Meine Vernunft sagt mir, dass das nicht sein kann: Dass Männer, die öfter als zweimal pro Woche duschten, als metrosexuell beschimpft wurden. Dass der Tag ruiniert war, wenn ich auf schülerVZ nicht zurück gegruschelt wurde. Dass alle den neuesten iPod hatten, während ich weiterhin auf die CDs in der Stadtbücherei beschränkt war.
Nostalgie ist ein merkwürdiges Gefühl.
Es lässt uns all die Dinge, die früher so unangenehm waren, in einem anderen Licht sehen. Ähnlich wie die Gläser einer rosaroten Brille, die wir zu Beginn einer neuen Liebschaft tragen. Alles fühlt sich toll an. Nur dass man dabei stattdessen zurück- schaut und nicht nach vorne.
Aber wer mag das schon? Vorne sitzen schließlich die übel gelaunten Anderen, die einen für genau diese Brille auslachen werden.
„Lebe nicht in der Vergangenheit“, sagen sie mir dann. Aber wo sonst? Wo lebt es sich noch günstiger als in altbekannten Erinnerungen? Im Steinbachtal? Ganz bestimmt nicht…
Dementsprechend… Selbst wenn es heutzutage die hippsten Smartwatches gibt.
Die Zeit – lässt sich nur messen. Aufhalten – kann man sie nicht.
Man kann versuchen, sie zu sparen. Aber wirken nicht diejenigen, die genau das versuchen, immer am hektischsten? Als besäßen sie am wenigsten davon? Obwohl sie doch jetzt eigentlich so viel davon haben müssten?
Usain Bolt holt dich ein. Die Zeit? Auch.
Bis dahin?
Werde ich auch weiterhin an das Jahr 2009 denken. An die Lehrerin, die unseren schlechten Geschmack schon damals bemerkte.
Und an die wunderbare Gewissheit. Dass all das vergangen ist und Neues kommen wird und darf.
Neue schlimme Dinge. Noch schlimmere Kleidung. Noch banalerer Gesichtsschmuck ohne Sehstärke.
Aber auch viel Schönes.