Akademische Champions League: Die JMU auf Exzellenzkurs.

Ein Blick hinter die Kulissen eines der härtesten wissenschaftlichen Wettbewerbe Deutschlands – von Studis für Studis.
„EXZELLENZ… BITTE WAS?“
„Exzellenzcluster“, „Exzellenzstrategie“, „Exzellenzuniversität“ – seit Monaten hört man diese Begriffe auf dem Campus, in Fachschaftsgruppen, in Fakultäts-Newslettern oder irgendwo zwischen Mensa-Essen und Bib-Alltag im Vorbeigehen. Doch wenn man ehrlich ist, bleiben die Worte für viele Studierende vor allem eines: abstrakt. Damit sich das ändert, haben wir für euch nachgeforscht und mit Prof. Dr. Caroline Kisker, Vizepräsidentin für Forschung der JMU, gesprochen. Sie begleitet den Exzellenzprozess seit Jahren und weiß genau, was hinter den Kulissen passiert.
JMU BALD DAS „FRÄNKISCHE HAVARD“
Ganz so weit sind wir zwar noch nicht, aber der Weg dorthin ist eingeschlagen. Die Exzellenzstrategie ist ein deutschlandweiter Wettbewerb von Bund und Ländern. Ihr Ziel: Spitzenforschung sichtbar machen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Universitäten stärken. Kurz gesagt: Wer hier punktet, spielt wissenschaftlich in einer anderen Liga.
Die Geschichte dahinter beginnt 2006 mit der Exzellenzinitiative der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Schon damals war die JMU im Rennen um den Titel. Prof. Kisker erinnert sich gut an diese Zeit: „Als mein Mann und ich 2006 aus den USA nach Deutschland kamen, haben wir sehr genau verfolgt, welche Universitäten Exzellenzstatus bekommen könnten. Das war ein wichtiges Kriterium bei der Frage: Gehen wir an den richtigen Ort?“ Genau das zeigt den internationalen Stellenwert des Wettbewerbs. Ein Exzellenztitel ist zwar noch kein Pendant zur Ivy League, wirkt im Ausland aber wie ein klar erkennbares Qualitätsmerkmal. Er signalisiert: Diese Universität gehört zur Spitze der Forschungsstätten.
Dass die Strategie wirkt, zeigen auch die Rankings. Die TUM, seit 2006 Exzellenzuniversität, liegt im aktuellen QS World University Ranking auf Platz 22 – ein starkes internationales Ausrufezeichen. Seit 2019 läuft der Wettbewerb unter dem Namen Exzellenzstrategie, noch strenger, noch strukturierter und mit noch präziser definierten wissenschaftlichen Kriterien.
WAS STECKT WIRKLICH DAHINTER? DIE DREI DUBIOSEN BEGRIFFE IM KLARTEXT
1. EXZELLENZSTRATEGIE: ZWEI FÖRDERLINIEN, EIN ZIEL
Von Helena Saremba und Nele Jahrsdörfer. Den gesamten Wettbewerb machen zwei Förderlinien aus: Exzellenzcluster und Exzellenzuniversitäten.
2. EXZELLENZCLUSTER
Was ist ein Cluster? Ein Exzellenzcluster ist ein großer, hochspezialisierter Forschungsverbund, in dem Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen gemeinsam an einem klar abgegrenzten Thema arbeiten – oft mit internationaler Relevanz. Was bedeutet das konkret? Mehrere Arbeitsgruppen schließen sich zusammen, häufig über verschiedene Fakultäten oder sogar Universitäten hinweg. Ziel ist es, Forschung auf dem jeweiligen Spezialgebiet international sichtbar voranzutreiben, nicht nur „ein bisschen“ zu verbessern – Clustern soll man ansehen, dass sie Spitzenforschung machen.
Hierfür erhalten die Cluster über eine Laufzeit von sieben Jahren hohe Fördersummen, danach steht eine neue Bewerbung an. Das aktuelle Würzburger Cluster aus der Physik, ct.qmat, hat von 2019 bis 2025 rund 52 Millionen Euro erhalten und damit die Forschung im Bereich Quantenmaterialien deutlich vorangebracht.
Was bringen Exzellenzcluster uns Studis?: Mehr, als man vielleicht denkt, denn Cluster sind keine geschlossenen Elitekreise, im Gegenteil. Sie bieten Bachelor- und Masterstudierenden oft spannende Forschungsmöglichkeiten im Rahmen von Praktika oder Abschlussarbeiten, schaffen neue Lehrangebote wie spezialisierte Masterprogramme, bringen renommierte internationale Forschende und Lehrende nach Würzburg und beeinflussen langfristig die Qualität des Studiums im jeweiligen Bereich. Wichtig dabei: Ohne mindestens zwei solcher Cluster kann sich eine Universität gar nicht um den Titel einer Exzellenzuniversität bewerben.
Good News für Würzburg: Die JMU hat dieses Jahr genau den nötigen Meilenstein geknackt. Zwei Exzellenzcluster sind am Start und damit das Ticket gelöst, um überhaupt im Rennen um den Exzellenzuni-Status mitzumischen. Unsere beiden Cluster sind ctd.qmat – Quantenmaterialien (mit der TU Dresden), die Verlängerung des bestehenden Clusters ct.qmat, sowie NUCLEATE – Nukleinsäureforschung (mit LMU und TUM), ein Neuantrag.
DIE CLUSTER IM DETAILS
Schauen wir uns diese Cluster genauer an. ctd.qmat erforscht neuartige Quantenmaterialien, also Stoffe, in denen Elektronen und Licht so ungewöhnlich miteinander interagieren, dass völlig neue Eigenschaften entstehen können. Dazu gehören etwa besondere Leitfähigkeiten oder ungewöhnliche Materialformen, die sich aus ihrer „Topologie“ ergeben. Der Cluster läuft bereits seit 2019 und gehört damit zu den etablierten Exzellenzprojekten der JMU.
Ein besonderes Aushängeschild ist die Spiele-App „Kitty Q – A Quantum Adventure“. Sie wurde aus dem Cluster heraus entwickelt und lädt Kinder, Jugendliche und eigentlich auch Erwachsene dazu ein, spielerisch Quantenphysik zu entdecken. In über 20 Rätseln trifft man auf Phänomene wie Verschränkung, Zufall oder topologische „Donuts“ – genau die Themen, an denen ctd.qmat forscht. Die Idee dahinter: Quantenphysik so verständlich machen, dass man sie auch ohne Mathe- oder Physikvorkenntnisse erleben kann. Der Erfolg spricht für sich: Seit dem Launch 2021 wurde die App weltweit mehr als 500.000 Mal heruntergeladen.

Der neue Exzellenzcluster NUCLEATE, der 2026 startet, widmet sich der Frage, wie RNA und DNA in Zellen wirken und wie man dieses Wissen für neue medizinische Anwendungen nutzen kann. Ziel ist es, die molekularen Mechanismen von Nukleinsäuren besser zu verstehen und daraus Innovationen für Therapie, Diagnostik und Biotechnologie zu entwickeln. Würzburg bringt dafür hervorragende Voraussetzungen mit. Die Stadt ist durch Einrichtungen wie das Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI), das Single-Cell Center Würzburg und die Core Unit Systemmedizin längst ein wichtiger Standort moderner RNA-Forschung. NUCLEATE knüpft genau an diese Stärke an und verbindet unterschiedliche Fachbereiche von Molekularbiologie über Medizin bis hin zur Bioinformatik.
Der Cluster soll nicht nur die Forschung weiter vernetzen, sondern auch neue Wege eröffnen, wie Studierende frühzeitig an aktuelle Themen der Nukleinsäureforschung herangeführt werden können, etwa durch stärker forschungsnahe Lehre oder neue spezialisierte Angebote. Langfristig stärkt NUCLEATE damit Würzburgs Rolle als bedeutenden Standort für RNA- und DNA-Technologien.
Prof. Kisker, die NUCLEATE gemeinsam mit Professorin Cynthia Sharma koordiniert, erzählt im Gespräch von den ersten Planungstreffen und kommt dabei sichtbar ins Schwärmen: „Ich freu mich drauf. Diese Treffen, dieses Excitement, das dann aus allen heraussprüht – genau das soll so ein Cluster bewirken.“
Hier wird schnell klar: Ein Exzellenzcluster ist mehr als ein Förderlabel. Er bringt Forschende zusammen, schafft Raum für Ideen und löst genau die Begeisterung aus, die große Projekte überhaupt möglich macht. Oder, wie Ralph Waldo Emerson es zeitlos formuliert hat:
„Nothing great was ever achieved without enthusiasm.“
Dabei sollte man nicht vergessen, wie hart umkämpft ein solcher Cluster ist. Für die aktuelle Förderrunde wurden 143 Skizzen bei der DFG eingereicht. Nur 41 davon kamen in die nächste Runde, am Ende wurden 25 neue Cluster bewilligt. NUCLEATE ist einer davon. Das ist Spitzenforschung, die sich durchgesetzt hat – und Würzburg spielt vorne mit.
3. EXZELLENZUNIVERSITÄT
Während sich Cluster auf einzelne Forschungsthemen konzentrieren, geht es bei der Exzellenzuniversität um die gesamte Universität als Institution. Die Frage lautet also nicht: „Ist die JMU in einem bestimmten Bereich besonders stark?“, sondern vielmehr: „Wie gut ist die Uni insgesamt? Wie fördert sie Forschung, Lehre und Nachwuchs? Wie klar ist ihre Vision für die Zukunft und wie international, innovativ und verlässlich setzt sie diese um?“ Der Exzellenzstatus ist damit so etwas wie ein Qualitätssiegel für die gesamte Hochschule.
Und was bringt das den Studis? Eine ganze Menge. Der Abschluss gewinnt international an Gewicht, Top-Forschende kommen eher nach Würzburg und bleiben auch, die Infrastruktur für Forschung und Lehre wird weiter ausgebaut, Kooperationen und Austauschprogramme werden einfacher und Bewerbungen bei internationalen Universitäten oder großen Arbeitgebern fallen deutlich mehr ins Auge. Oder bildlich gesprochen: Ein Exzellenzcluster ist wie ein besonders starkes Modul – eine Exzellenzuniversität hingegen ist der gesamte Studiengang, der von vorne bis hinten überzeugt. Auch Prof. Kisker betont: „Der Exzellenzstatus ist international sehr sichtbar. Davon profitieren Studierende ganz unmittelbar.“
Aktuell gibt es in Deutschland zehn Exzellenzuniversitäten sowie den Exzellenzverbund BUA (Berlin University Alliance). Im laufenden Verfahren können maximal fünf weitere dazukommen. Die JMU tritt dabei gegen zehn weitere Neuanträge an, die ebenfalls eingereicht wurden.
WIE ALLEN BEGANN – UND WIE ES WEITER GEHT
Mit dem neuen Präsidium setzte die JMU ab 2021 auf einen Bottom-up-Ansatz. Nicht „von oben“ wird entschieden, was gefördert werden soll, stattdessen entwickeln die Forschenden selbst ihre Ideen, knüpfen Netzwerke und reichen Ideenskizzen bei der Unileitung ein. So entstanden Projekte aus ganz unterschiedlichen Bereichen: das geistes- und sozialwissenschaftliche Konzept „Commoning“, der klimaorientierte Entwurf „EcoGlob“, die medizinischen Ideen „RESET“ und „GOFM“ sowie schließlich die beiden Vollanträge, die heute als Exzellenzcluster gefördert werden.
Solche Entwürfe wachsen nicht über Nacht. Hinter ihnen steckt oft jahrelange Vorbereitung. Der Antrag zur Förderung als Exzellenzuniversität wurde – ganz stilecht – am 11.11. eingereicht (wenn das kein gutes Omen ist). Der nächste entscheidende Schritt kommt im April 2026: Dann findet eine mehrtägige Vor-Ort-Begutachtung statt. Vom 14. bis 17. April wird die JMU, inklusive uns Studis, intensiv unter die Lupe genommen. Erwartet werden zwölf internationale Gutachterinnen, vier Mitglieder der Expertenkommission, Gespräche mit Forschenden, Dekaninnen, Kooperationspartnern und Studierenden, Rundgänge durch Labore, Einrichtungen und Campusorte sowie Strategie-, Forschungs- und Präsentationseinheiten zu allen wichtigen Themengebieten der Universität – minutengenau getaktet.
Nach diesen vier Tagen heißt es warten. Die finale Entscheidung fällt im September 2026 nach internen Beratungen, Sitzungen und Abstimmungen auf Bundesebene. Sollte Würzburg überzeugen, beginnt die Förderung als Exzellenzuniversität am 1. Januar 2027. Bis dahin fiebert die Universität der Begutachtung im April entgegen. Prof. Kisker bringt es sehr direkt auf den Punkt: „Das werden intensive Tage, an denen wir gemeinsam um den Exzellenzstatus kämpfen und unseren Antrag mit Begeisterung verteidigen werden.“
Damit sich die JMU von ihrer Zuckerseite präsentiert, sind nicht nur Präsidium und Arbeitsgruppen gefragt – auch wir Studis können unseren Teil beitragen.
WAS DU TUN KANNST (JA, WIRKLICH DU!)
- Informiert sein: Die Uni wird den Antrag vorstellen. Wer weiß, worüber geredet wird, wirkt nicht nur überzeugender, sondern fühlt sich auch weniger wie in einem Überraschungstest.
- An Infoveranstaltungen teilnehmen: Es gibt mehrere Termine, bei denen Strategie und Zukunftsvision der JMU erläutert werden. Studis sind ausdrücklich willkommen – und nein, es ist kein Geheimzirkel. Einfach hingehen, zuhören, Fragen stellen.
- Konstruktives Feedback geben: Wie läuft’s im Studium? Betreuung, Lehrqualität, Campus, Services – was funktioniert gut, was nervt? Ehrliches, sachliches Feedback hilft dem Präsidium, die Uni weiterzuentwickeln. Rückmeldungen könnt ihr an exstra@uni-wuerzburg.de geben.
- Austausch mit den Gutachterinnen: Während der Begutachtungstage findet ein geplantes Studi-Gespräch, liebevoll „Kaffeepause“ genannt, mit 21 zuvor ausgewählten Studierenden statt. Dort möchten die Gutachterinnen direkt hören, wie es uns wirklich geht. Authentisch sein ist hier genauso wichtig wie gute Kenntnis der Uni und des Antrags.
- Engagement zeigen: Fachschaften, Initiativen, soziale Projekte, Forschung oder Kultur – alles, was den Campus lebendig macht, zeigt auch den Gutachter*innen: Diese Uni lebt, atmet, diskutiert und entwickelt sich.
Mit dem Antrag hat die JMU den ersten großen Schritt geschafft. Ob Würzburg Exzellenzuniversität wird, entscheidet der Wissenschaftsrat, nachdem alle Universitäten begutachtet wurden. Am 2. Oktober wird die Entscheidung bekannt gegeben – bis dahin warten wir alle gespannt.