DIE GESCHICHTE UNSERER UNIVERSITÄT 4: Zwischen Patriotismus und Verdrängung

Die Universität Würzburg in den Weltkriegen
Wie verhält sich eine Universität in Zeiten von Krieg und Diktatur? Die Geschichte der JMU im Ersten und Zweiten Weltkrieg, insbesondere der NS-Zeit zeigt ein Spannungsfeld zwischen Anpassung, Opportunismus, stiller Beharrung und versäumter Aufarbeitung!
Wenn Staaten in den Krieg ziehen oder Diktaturen entstehen, geraten Universitäten oft zwischen Wissenschaft, Politik und Moral. Unsere Universität macht da keine Ausnahme und doch ist ihre Geschichte in dieser Zeit in einigen Punkten ungewöhnlich.
Erster Weltkrieg: Patriotische Begeisterung und leere Hörsäle
Wie fast überall in Europa herrscht 1914 auch in Würzburg zunächst eine Welle patriotischer Begeisterung. „Da wurde alles Politische und Weltanschauliche erst einmal zurückgestellt“, schildert der Leiter des Universitätsarchivs Dr. Marcus Holtz. „Man stellte sich hinter den ‚Nationalgedanken‘ und wollte den Krieg unterstützen.“
Prominentes Beispiel: der Nobelpreisträger Eduard Buchner. Er wäre als Nobelpreisträger gar nicht wehrpflichtig gewesen, doch er meldete sich freiwillig und fiel schließlich in Rumänien.
Der Lehrbetrieb bricht teilweise ein. Viele Studierende und auch Lehrende sind im Feld, der Alltag an der Uni schrumpft auf ein Minimum.
Die eigentlichen Probleme kommen vor allem nach dem Krieg:
- Rückkehr ganzer Jahrgänge von Frontsoldaten
- gleichzeitig neue Abiturjahrgänge
- wirtschaftliche Krise
Die Hörsäle sind voll, aber Ressourcen und Perspektiven sind knapp.
Zweiter Weltkrieg: Eine „schwarze“ Universität im Visier der Nazis
In der NS-Zeit wird das Hochschulsystem gleichgeschaltet:
- akademische Selbstverwaltung wird eingeschränkt
- der Rektorposten wird neu besetzt und zum „Führer-Rektor“ ernannt
- Senate sollen nur noch beratende, weitgehend machtlose Gremien sein
Doch in Würzburg funktioniert diese Gleichschaltung nur an der Oberfläche vollständig. „Die Nationalsozialisten sahen Würzburg als ‚schwarze‘ Uni – konservativ, katholisch, nicht wirklich auf ihrer Linie“, erklärt Holtz. „Ihre Ideologie konnte hier nie ganz so tief Fuß fassen wie an manch anderer Universität.“
Trotz Führer-Rektor wurden wichtige Entscheidungen in der Praxis weiterhin mit dem Senat abgestimmt. Vieles lief „weiter wie vorher“ – zumindest innerhalb der altakademischen Kultur.
Karrierismus und moralische Grenzüberschreitungen
Das bedeutet allerdings leider nicht, dass Würzburg ein Ort des Widerstands gewesen wäre. Es soll durchaus Professoren gegeben haben, die der NS-Ideologie nahestanden. Vor allem diejenigen, die von den neuen Karrierechancen profitierten – etwa bei Neuberufungen.
Besonders problematisch sind Bereiche, in denen die NS-Ideologie ethische Schranken verschiebt – etwa in der Medizin. Wenn Wissenschaft plötzlich ‚dürfen darf‘, was vorher undenkbar war, werde es gefährlich, warnt der Leiter des Universitätsarchivs. „Psychisch Kranke, als ‚nicht lebenswert‘ abgewertet, wurden zum Objekt von Experimenten. Das ist kein spezifisch Würzburger Phänomen, aber auch hier relevant.“
Die Rechtfertigung vieler Beteiligter klang ähnlich: Man opfere wenige für das vermeintliche Wohl vieler – für medizinische Fortschritte, neue Impfungen, Therapien.
Jüdische Studierende: Rückzugsort und späte Aberkennung
Besonders auffällig ist eines: Würzburg verzeichnet im NS-Staat eine der höchsten Zahlen an aberkannten Doktorgraden jüdischer Absolvent*innen deutschlandweit. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein Zeichen besonderer NS-Radikalität. Holtz widerspricht. Tatsächlich sage diese hohe Zahl mehr über die Vorkriegszeit aus als über die NS-Zeit. DennWürzburg sei ein wichtiger Rückzugsort für jüdische Studierende gewesen.
Die Aberkennung der Doktorgrade im Nationalsozialismus war dann ein automatisierter, reichsweiter Prozess, ohne echte Entscheidungsmacht einzelner Universitäten. „Natürlich muss man sagen: Es gab keinen massiven Widerstand gegen diese Maßnahmen“, betont Holtz. „Aber die Zahlen selbst sind eher ein Beleg dafür, wie stark jüdisches Leben und jüdische Studierende zuvor in Würzburg vertreten waren.“
Nach 1945: Die verpasste Aufarbeitung
Nach Kriegsende hätte eine radikale personelle und moralische Aufarbeitung folgen müssen – in Justiz, Politik und Universitäten. Das sei laut Holtz so nicht passiert. „In vielen Führungspositionen saßen weiterhin Menschen mit NS-Vergangenheit – an Gerichten, in Verwaltungen, auch an der Universität.“
Die Kontinuität war groß, die Bereitschaft zur konsequenten Aufarbeitung gering. In diese Gemengelage gehört auch der spätere Konflikt um Talare und Tradition – dazu mehr im nächsten Artikel.