DIE GESCHICHTE UNSERER UNIVERSITÄT 1: Zwei Namen, zwei Egos

Ich verbringe mein Auslandssemester gerade an der ‚Universidade de Coimbra‘ in Portugal – einer Universität mit einer unglaublich lebendigen und sichtbaren Tradition. Wenn hier akademische Feste mit eigenen Uniliedern gefeiert werden und Studierende in ihren schwarzen Umhängen durch die Stadt ziehen, dann fragt man sich unweigerlich: Warum wirkt unsere eigene Universität in Würzburg so viel „geschichtsloser“?
Um herauszufinden, ob das wirklich stimmt oder ob wir vielleicht nur verlernt haben, unsere Tradition wahrzunehmen habe ich den Leiter des Würzburger Universitätsarchivs, Dr. Marcus Holtz, interviewt. In unserem Gespräch hat er mir erzählt, wie alt die Würzburger Universität tatsächlich ist, welche Brüche und Neuanfänge sie erlebt hat, welche Traditionen verschwunden sind und welche bis heute weiterleben, oft unbemerkt.
Dabei bin ich auf so viele spannende Aspekte gestoßen, dass aus einem einzelnen geplanten Artikel schnell eine ganze Artikelreihe zur Geschichte und Tradition der Julius-Maximilians-Universität geworden ist.
In den folgenden Wochen möchte ich dich mitnehmen auf diese Reise durch „unsere“ Universitätsgeschichte. Beginnen wir also am Anfang: mit der Gründung im Jahr 1402, der Wiederbelebung durch Julius Echter von Mespelbrunn und der Frage, woher der Name „Julius-Maximilians-Universität“ eigentlich kommt.
Julius-Maximilians-Universität: Zwei Namen, zwei Egos
Die JMU ist heute ein moderner Forschungs- und Studienort. Zugleich ist sie eine der geschichtsträchtigsten Universitäten Deutschlands. Ihre Wurzeln reichen bis 1402, ihr eigentlicher Durchbruch kam 1582 und das Königreich Bayern schrieb sich später mit Maximilian in den Namen ein. Eine Geschichte von großen Plänen, politischen Kämpfen und klugem Selbstmarketing.
Wenn man heute über den Hubland-Campus oder durch die Alte Uni in der Innenstadt geht, wirkt vieles selbstverständlich: Hörsäle, Institute, Gesetze, ein geregelter Studienbetrieb. Doch die Geschichte der Universität Würzburg beginnt in einer Zeit, in der eine Hochschule kein staatliches Projekt war, sondern ein Wagnis – politisch, finanziell und religiös.
1402: Ein Bischof mit Universitätsvision
Im Jahr 1402 erhielt der Würzburger Bischof Johann von Egloffstein vom Papst das entscheidende Privileg: die Erlaubnis, in Würzburg eine Universität zu gründen – eine Volluniversität mit allen damals wichtigen Fakultäten.
Der Papst war dabei nicht nur ein feierlicher Absegner, sondern ein Garant für die europaweite Anerkennung der Abschlüsse. Ohne ihn wäre ein in Würzburg erworbenes Studium ein lokales Kuriosum geblieben. „Der zentrale Punkt im Spätmittelalter war, dass ein Abschluss nur dann etwas wert war, wenn er überall anerkannt wurde“, erklärt Dr. Marcus Holtz. „Und diese Anerkennung konnte nur der Papst zusichern.“
Johann von Egloffstein hatte an der Universität Heidelberg studiert – der ersten deutschen Universität by the way. Offenbar prägte ihn dieses Studium tief: Kaum zurück in Würzburg und zum Bischof gewählt, wollte er „seine eigene“ Universität gründen.
Ein kühner Plan und ein langsames Scheitern
Die Universität Würzburg startete also als Volluniversität mit den vier klassischen Fakultäten: Theologie, Jura, Medizin und Philosophie. Wusstest du? Letztere spielte damals eine Schlüsselrolle, denn sie fungierte als universitäres Grundstudium, das alle Studierenden verpflichtend durchlaufen mussten. „Die philosophische Fakultät war so etwas wie das Fundament jeder akademischen Ausbildung“, erklärt Dr. Holz. „Hier wurden Philosophie, Logik, Rhetorik, Grammatik und die sogenannten ‚septem artes liberales‘ vermittelt – die sieben freien Künste.“
Doch das Projekt stand auf wackligen finanziellen Füßen. Das Hochstift Würzburg war hoch verschuldet, und das Domkapitel – eine Art mittelalterliches „Parlament“ – bremste die Reformpläne des Bischofs. Laut dem Leiter des Universitätsarchivs sei Johann von Egloffstein zwar ein innovativer, reformorientierter Bischof gewesen, jedoch politisch kein Julius Echter. Er hat sich mit seinem Domkapitel so sehr überworfen, dass es ihm langfristig die Finanzierung der Universität verweigert hat.
Die Folgen waren gravierend: Professorenstellen wurden nicht dauerhaft gesichert, Lehrbereiche fielen weg – und am Ende blieb fast nur noch die Theologie. Irgendwann im 15. Jahrhundert versiegte der Lehrbetrieb ganz. Rechtlich existierte die Universität zwar weiter, doch faktisch war sie tot.
Julius Echter: Meister des Early-Brandings – und vielleicht unser Gründungsvater?
Mehr als hundert Jahre später trat eine Figur auf die Bühne, deren Name die Universität bis heute prägt: Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn. Er belebte die Universität 1582 wieder und diesmal als robust ausgestattete Institution.
„Julius Echter hat etwas geschafft, was dem ersten Gründer nicht gelungen ist: Er hat die Uni mit so viel Besitz ausgestattet, dass sie lebensfähig war“, erklärt Holtz. „In diesem Sinne ist er der eigentliche Stifter der Universität.“
Echter dachte nicht nur in Jahren, sondern in Jahrhunderten. Er stattete die Universität mit Weinbergen, landwirtschaftlichen Gütern und Gebäuden aus, eine Grundlage, die bis heute nachwirkt. Und er sorgte dafür, dass sein Name dabei nicht übersehen wurde. „Echter hatte einen enormen Drang, in Erinnerung zu bleiben“, erzählt der Leiter des Uniarchivs. „Er hinterließ sein Wappen überall: an Kirchen, am Juliusspital, an der Universität. Wer in Würzburg unterwegs ist, kommt an Julius Echter kaum vorbei.“
Sein Wirken stand im Kontext der Gegenreformation. Die Universität wurde zu einem wichtigen Instrument, um katholische Bildung und Theologie zu stärken, und, ganz nebenbei auch Echters eigenes Andenken.
Kein Wunder, dass er die Wiederbelebung so inszenierte, als wäre es „seine“ Universität. Die ursprüngliche mittelalterliche Gründung 1402 rückt dadurch stark in den Hintergrund, obwohl sie für die rechtliche Kontinuität unverzichtbar ist.
Vom Fürstbistum nach Bayern: Wie Maximilian in den Namen kam
Im frühen 19. Jahrhundert veränderte sich die politische Landkarte grundlegend. Mit der Säkularisation wurden geistliche Fürstentümer wie das Hochstift Würzburg aufgelöst und kirchliche Herrschaftsbereiche verstaatlicht. Würzburg fiel schließlich an das Königreich Bayern. Damit ging auch die Universität in staatliche Hände über.
„Bayern wollte Institutionen wie Universitäten oder Städte, die bisher eigene Privilegien und Gerichtsbarkeiten hatten, unter staatliche Kontrolle bringen“, so Holtz. Das bedeutete Entmachtung, aber auch Reform.
Die Universität wurde stark umgestaltet, erhielt neue Strukturen und profitierte gleichzeitig: Der bayerische König wollte aus Würzburg eine Leuchtturmuniversität machen und holte bewusst prominente Gelehrte. Weil er diese Reformen als eine Art Neugründung verstand, schrieb er sich selbst in den Namen hinein: Aus der „Julius-Universität“ wird die Julius-Maximilians-Universität Würzburg.
„Der Name spiegelt die zwei großen Wendepunkte der Uni-Geschichte wider“, fasst der Leiter des Uniarchivs zusammen. „Die Wiederbelebung durch Julius Echter und die Neuordnung unter König Maximilian I. Joseph von Bayern.“
Drei Leben, eine Universität
Die heutige JMU trägt damit mindestens drei historische Schichten in sich: Die erste, fragilere Gründung von 1402, die kraftvolle Wiederbelebung von 1582, und die staatliche Neuausrichtung im 19. Jahrhundert.
Dass diese Geschichte nicht nur schmückt, sondern Charakter bildet, ist Holtz wichtig: „Geschichte prägt den Charakter einer Institution – genauso wie eines Menschen. Gerade die Höhen und Tiefen, auch die unangenehmen Kapitel, machen verständlich, wer eine Universität heute ist.“
Wie es weitergeht?:
Im nächsten Artikel tauchen wir tiefer in diese mittelalterliche Universitätswelt ein: Besitz, Privilegien, Weinberge und warum die Universität Würzburg einmal ihre eigene Gerichtsbarkeit hatte.