Die Sache mit den Vorsätzen – Für alle, die’s nie schaffen

Na, noch gut dabei mit den Neujahrsvorsätzen?
Fast zwei Wochen durften wir bereits in den Genuss des neuen Jahres kommen, ein wenig Januarluft schnuppern und den Übergang zwischen Trubel der Feiertage und dem normalen Leben stemmen. Wie an überfüllten Fitnessstudios und erhöhtem Gemüseanteil in Kühlschränken hier und dort unschwer zu erkennen, gehören sie für viele zum Beginn eines neuen Kalenderjahres einfach dazu: die Neujahrsvorsätze.
Selbstoptimierung an und für sich könnte schon fast als eine maßgebliche Sinnesrichtung des vergangenen Jahrzehnts gelten. Aber von Insta-Models und Food-Influencern wird vermutlich schon zu genüge gesprochen. Auch die Wichtigkeit eines gesunden Lebensstils ist wohl jedem, mehr oder weniger schmerzhaft, bewusst.
Die Ratgeber im Internet dazu, wie sich Neujahrsvorsätze am besten über die ersten drei Januarwochen durchziehen lassen, häufen sich merklich um diese Zeit. Aber das hier ist kein Guide, wie Vorsätze am besten einzuhalten sind. Ich bin gar nicht geeignet, um einen solchen zu verfassen. Mein Fitnessstudio wartet auch regelmäßig 3 Monate lang auf meinen Besuch.
Stattdessen möchte ich eine Perspektive anbieten für alle, denen Veränderung alles andere als egal, Vorsätze aber schließlich zu nichts anderem führen als: Frust und Versagen.
Vor einigen Jahren erreichte ich ausgerechnet, oder vermutlich bestens getimed, an Silvester einen großen Tiefpunkt im Leben. Zugegebenermaßen liegt was wahnsinnig Symbolisches darin, am letzten Tag des Jahres am Ende zu sein, und im nächsten alles zum Besseren zu wenden. Die ideale Vorstellung der Vorsätze, der Inhalt eines jeden Mantras ab Mitte Oktober; nächstes Jahr wird alles besser.
Ich wusste nicht, ob nächstes Jahr irgendwas besser werden konnte. Ich wusste nur, dass ich mich fühlte, als könnte ich es gar nicht mehr bis zum nächsten Jahr schaffen. Also schrieb ich mir einen langen Brief. Ich schüttete mein Herz aus, beschrieb, was ich mir wünschte, das ich schaffen könnte, was ich mir für mich wünschte, die diesen Brief in einem Jahr wieder aufmachen würde. Post von mir selbst.
Ich behielt den Brief ein ganzes Jahr in meiner Schublade. Als ich ihn wieder öffnete, konnte ich kaum noch glauben, wie schlecht es mir zum Zeitpunkt der Verfassung ergangen war. Also nahm ich mir vor, ein Vorsatz quasi, in jedem Jahr einen solchen Brief an mich selbst zu schreiben. Ich wollte diese Erfahrung jedes Jahr machen, zu sehen, wie weit ich gekommen war, was sich geändert hatte.
Einen zweiten Brief schaffte ich noch — aber an Silvester im nächsten Jahr blieb er ungeöffnet in meiner Schublade. Den dritten schrieb ich in Zeitnot, mein Partner war bereits auf dem Weg, die Freunde abzuholen, die uns für Silvester besuchen sollten. Ich schrieb ihn nie zu Ende.
Stattdessen füllte sich mein Notizbuch weiter. Ab und zu, wenn ich das Gefühl hatte, diesen Gedanken später nochmal zu brauchen. Eine Chronik all der Gefühlszustände und Gedanken, die ich sonst vergessen hätte.
Auch das Notizbuch liegt monatelang in der Schublade. Dann im Bücherregal. Manchmal ist der letzte Zeitstempel zwei ganze Jahre her.
Aber jedes Mal, wenn ich es in die Hand nehme, ist was ich schreibe, ehrlich. Getrieben von dem starken Bedürfnis, den Stift zur Seite zu bringen. Einmal schreibe ich, dass ich nicht weiß, was hieraus werden soll. Dass ich nur das Gefühl hatte, dies sei jetzt richtig. Und selbst das ziert nun die Viertelseite. Gehört ins Gesamtbild.
Wie sieht es mit euren Vorsätzen aus?
Links liegen gelassen, drüber aufgeregt, zu unregelmäßig gemacht? Gemerkt, dass es doch nichts ist?
Vielleicht aber dafür was gefunden, das ab und zu wirklich da sein will, das euch sonst umtreibt, wenn ihr‘s nicht tut. Was nicht weggeht, euch nicht loslässt, auch wenn die angestrebte Regelmäßigkeit nicht einzuhalten war.
Das hier ist ein Liebesbrief an alle, denen neue Gewohnheiten, konstruierte Vorhaben, und regelmäßige Ausführungen schon immer unmöglich erschienen.
Die To-Do-Listen nie zu Ende bringen können und ein Projekt unvollendet für das nächste liegen lassen. Für die Zeit- und Wochenpläne genauso realistisch sind, wie sich hier und jetzt spurlos in Luft aufzulösen. Die sich immer fragen, was eigentlich falsch mit ihnen ist:
Es wird Zuwendung und Überwindung brauchen, das zu tun, was einem wichtig ist.
Aber manchmal lassen sich diese Vorhaben nicht in Zeitpläne stecken. Manchmal sind es die kleinen Entscheidungen jeden Tag. Dem Drang zu folgen, wenn er kommt. Sich einen Schubs zu geben, wenn es aufregender klingt als es angstauslösend ist. Eine Chance zu nutzen, wenn sie da ist.
Manchmal lässt sich das nicht planen.
Und schon gar nicht wie ein Uhrwerk: wieder und wieder, pünktlich zu Neujahr.