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Ein zweites Wohnzimmer mitten in der Stadt

Blogvon Konstantin Wawra

Die Natur der Schäreninseln, die Seen, Wälder und natürlich das wunderschöne Helsinki. Finnland hatte einiges zu bieten, als ich im vergangenen Jahr eine Woche im Land verbracht habe. Besonders im Kopf geblieben ist mir seit meiner Reise die 2018 eröffnete Zentralbibliothek Oodi der Hauptstadt. Sie wurde 2019 zur besten Bibliothek der Welt gekürt, zurecht, wie ich in diesem Text betonen möchte.

Das bereits von außen imposante Gebäude in seiner unverwechselbaren Form hat auch im Inneren einiges zu bieten. Wenn man den großen Eingangsbereich betritt, fallen gleich die Schachtische auf, die zum Spielen einladen. In den weiteren Stockwerken finden sich großzügige Aufenthaltsbereiche zum Lesen oder Arbeiten, außerdem eine Cafeteria und sogar ein Kinderspielbereich. Alles ist darauf ausgerichtet, dass man Stunden oder ganze Tage darin verbringen könnte, wie in einem zweiten Wohnzimmer. Daneben findet man außerdem neben Büchern, Zeitschriften sowie Zeitungen Einrichtungen wie zum Beispiel 3D-Drucker und Nähmaschinenarbeitsplätze im „Urban Workshop“, direkt neben Aufnahmestudios für Musik, Fotos und Videos.

Dieses Konzept der library of things gibt es in kleinerem Maßstab inzwischen längst nicht nur in Finnland oder Skandinavien, sondern hat in den letzten Jahren auch ihren Weg in deutsche Bibliotheken gefunden. Was die Helsingin keskustakirjasto Oodi jedoch perfektioniert hat, ist die Idee der städtischen Bibliothek als Ort des Gestaltens und als gesellschaftlicher Treffpunkt. Spätestens im Zeitalter von Digitalisierung und Smartphones haben Bibliotheken ihr Monopol der Informationsvermittlung verloren. Warum sollten sie dann nur noch Bücher und andere Medien anbieten? Bibliotheken können gleichzeitig ein Raum des Erschaffens sein. So zum Beispiel durch Anbieten kreativer oder wissenschaftlicher Schreibkurse und Möglichkeiten, Musik zu produzieren. Genauso sollte man auch nur verweilen, lesen und an Lesekreisen teilnehmen können, um sich mit anderen Menschen auszutauschen.

Denn in unserer Gesellschaft gehen gerade solche Orte verloren, der der Soziologe Ray Oldenburg als „Dritte Orte“ bezeichnete. Diese sollen neben unserem Wohnraum und dem Arbeitsort eine Möglichkeit sein, sich ohne große Hürden unter Menschen aufzuhalten. Wichtig ist dabei sein inklusiver Charakter, sodass sozialer Status nur von geringer Bedeutung ist. Dabei von Vorteil sind gute Erreichbarkeit und Zugänglichkeit, etwa durch lange Öffnungszeiten, eine zentrale Lage und gerade jetzt im Winter ein warmes Dach über dem Kopf.

Wenn das doch sozialen Zusammenhalt stärken, für Chancengleichheit sorgen und das demokratische Leben anregen könnte, warum gibt es zunehmend weniger Orte, auf die das alles zutrifft? 

Sei es durch Corona, Gentrifizierung, allgemein steigende Kosten oder der Verlagerung des Lebens ins Digitale – es gibt immer weniger Möglichkeiten in Gesellschaft anderer Leute zu sein, zumindest ohne Konsumzwang. Denn selbst ein Treffen im Kaffee oder der Besuch des Biergartens im Sommer – beides Dritte Orte im Sinne Oldenburgs – kommen nicht ohne diesen aus.

Den Bibliotheksausweis können sich die Finninnen und Finnen jedoch kostenlos ausstellen lassen und er berechtigt zum Zugang aller Bibliotheken landesweit. Bezahlen muss man, wenn überhaupt, nur für selbst verbrauchte Materialien. Das muss sich eine Stadt oder ein Staat natürlich leisten können und wollen – Finnland hat sich Helsinkis Zentralbibliothek allein 100 Millionen Euro kosten lassen –, aber es könnte eine Antwort auf das Problem der verschwindenden Begegnungsorte sein.

Für uns Würzburger Studierende ist die Uni-Bib als Ort des Lernens und der Arbeit nach Oldenburg eher ein „Zweiter Ort“. Diesen habe ich an den Schließtagen am Anfang des neuen Jahres mit Blick auf die nahende Klausurphase allerdings bereits schmerzlich vermisst. Deswegen bin ich überzeugt, dass die Uni-Bib in dieser Form sehr wichtig ist und von uns Studierenden auch gut angenommen wird. Für mich ist es auch eine gute Möglichkeit die mit der Uni verbundene Arbeit räumlich vom WG-Zimmer, meinem „Ersten Ort“, zu trennen. Deshalb möchte ich die Möglichkeiten, die uns hier geboten werden, im Vergleich nicht kleinreden. Denn auch die Bibliotheken unserer Universität bieten neben Lernarbeitsplätzen bereits Gelegenheiten zu verweilen, sich auszuruhen und sich zu unterhalten: Pausenräume, Sitzecken oder die Zeitungslounge, in der sich selten nur Studis aufhalten.

Also bleibt am Ende die Frage, die auch Helsinki vor Planungsbeginn ihren Bürgerinnen und Bürgern gestellt hat: Was wollen wir von unseren Bibliotheken, sollen sie still sein oder vielfältig?