Hin- und hergerissen? Warum Unsicherheit besser sein kann, als du denkst.

Ein Gerücht geht um: wie Lauffeuer zündelt es in Kommentarspalten in den sozialen Medien, wie Raufbolde stürzen wir uns ins Getümmel mit dazu. Wer hat schon wieder etwas verbockt? Was denken wir zu den aktuellen Winterfits? Was ist gerade cringe? Was ist richtig? Wer oder was ist gut?
Unsere Welt ist unfassbar komplex. Es ist Kunst genug, in dem Jungle seiner eigenen Gedanken klarzukommen, da nehme man das ganze nun Mal ein paar Milliarden und endet vor allem bei einem: dem Vielen.
Der Vielfältigkeit in all den Facetten des Menschseins, von dem, was wir täglich erleben bis zu kleinsten Details und Vorlieben, die uns unterscheiden. Und wo viel Vielfalt ist, da ist auch viel Möglichkeit. Schier endlose Möglichkeit, zu denken, zu sein, zu leben. Wie soll man sich damit jemals befassen, wie soll man dem je gerecht werden?
Die einfachste Antwort ist: gar nicht.
Es ist einfach — ja auch das, wonach unser Instinkt sich sehnt, um uns zu schützen — genau eine richtige Antwort zu finden. Größtmöglichste Eindeutigkeit herzustellen, das Viele reduzieren, die Widersprüche auflösen. Es fühlt sich an wie Aufatmen, wenn man sich endlich sicher ist, es verstanden zu haben. Nun auf der richtigen Seite zu stehen, wo alles verstanden, begriffen und sicher sein soll.
Die Fähigkeit, Uneindeutigkeit, oder auch Mehrdeutigkeit auszuhalten, nennt man auch Ambiguitätstoleranz. Das Mehrdeutige ertragen können, die Widersprüche auf derselben Hand zu halten, sie zu betrachten und sie gleichzeitig sein lassen zu können.
In der Psychologie wird Ambiguitätstoleranz als Persönlichkeitseigenschaft untersucht. Das heißt, es wird versucht herauszufinden, ob Personen sich systematisch unterscheiden in ihrer Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten aushalten zu können.
Ganz abgesehen von der völlig selbstverständlichen und unabdingbaren Vielfältigkeit der Welt (mit oder ohne Mensch), spielt diese Fähigkeit sowohl historisch, als auch heute eine Rolle, die nicht zu unterschätzen sein dürfte.
Über Ambiguität in jeglichem Sinne (wie schön, dass das Wort selbst auf so unterschiedliche Weise gedeutet werden kann), wird schon eine Ewigkeit nachgedacht, was aber Else Frenkel-Brunswik 1949 in den USA auffiel, sollte den Weg für einige Assoziationen und Relevanz des Konzepts ebnen. Als die ausgebildete Psychologin und Psychoanalytikerin, Teil der ersten Generation an Frauen, die im deutschsprachigen Raum eine akademische Karriere beginnen konnten, aus Österreich nach Kalifornien floh, begann sie, Vorurteile gegenüber ethnischen Minderheiten bei Kindern zu untersuchen.
Ihr fiel dabei eher zufällig auf, dass einige Kinder ihre Eltern “immer blöd” fanden, während andere ihre Gefühle von Ärger und Liebe gegenüber einem Elternteil eher differenzieren und in ihrer gleichzeitigen Existenz akzeptieren konnten.
Sie fand unterschiedlich starke solcher rigider Denkmuster bei den Kindern, die sie untersuchte; fand Tendenzen zum Schwarz-Weiß-Denken, frühzeitige Werturteile, Realitätsvernachlässigung, alles im Namen von möglichst eindeutigen Urteilen, von der einen, vermeintlich richtigen Antwort.
Doch Frenkel-Brunswik interessierte sich zunächst für die rassistischen Voruteile der Kinder. Und diese hatten in nicht unbedeutendem Maße mit ihrem Zufallsfund zur Ambiguitätstoleranz zu tun: denn die Vorurteile waren stärker, je eindeutiger die Werturteile der Kinder ausfielen, je weniger Mehrdeutigkeit sie zulassen konnten.
Theodor Adorno interessierte sich währenddessen für ein noch größeres Konzept, an dem er kurz darauf mit Frenkel-Brunswik zusammenarbeiten würde: sind Menschen unterschiedlich anfällig für antidemokratisches, autoritäres Gedankengut? Und woran könnte man das festmachen?
Die sogenannte “Faschismus-Skala” die er in seinen “Studien zum autoritären Charakter” zusammen mit unter anderem Frenkel-Brunswik veröffentlichte, bezieht viele Funde mit ein, die an den Kindern zuvor gefunden wurden. Die Ambiguitätstoleranz zieht sich wie ein roter Faden durch den langen Fragebogen und durch die vielen Interviews, die das Forschungsteam geführt hatten.
Ambiguitätstoleranz, so scheint es, hat das Potenzial als Schutz zu wirken — vor der verführerischen Farce der eindeutigen Antworten, der Verkennung der Vielfältigkeit von Mensch, Natur und Welt.
Nächstes Mal, wenn ihr euch nicht sicher seid, was nun richtig und gut ist. Wenn ihr nicht wisst, worum genau es geht, und was das alles bedeuten soll. Wenn ihr konfrontiert seid von diesem unangenehmen Spannungsgefühl, nicht zu wissen, was Sache ist, sich nicht einordnen zu können, nicht zu wissen, was in Zukunft passiert: versucht einmal, so schwierig und unangenehm es auch (für uns alle!) sein kann, innezuhalten, und das Gefühl vielleicht sogar einen Moment lang zu genießen.
Denn die Welt ist genauso schön wie sie schlecht ist. Sie ist schon immer vielfältig gewesen, und das wird sie auch immer bleiben. Und gerade deshalb ist sie es wohl wert, in all ihren Facetten gesehen und ausgehalten zu werden.
Zum Nachlesen:
• Adorno, T. W. (1973) Studien zum autoritären Charakter
• Frenkel-Brunswik, E. (1949) Intolerance of Ambiguity as an Emotional and Perceptual Personality Variable
