IPAD KINDER 2.0

In der Bahn wird die Musik aus meinen Kopfhörern übertönt von einem schreienden Kind. Um die 3 Jahre alt, sitzt es sichtbar unzufrieden in seinem Kinderwagen. Und als das Schreien lauter wird greift die gestresste Mutter zur letzten Lösung: dem iPad. In dem Fall, wenn man es ganz genau nimmt, ein Kinder Tablet von AngelTech in knallpink mit farblich passenden Kopfhörern.
Nicht nur ich kann jetzt wieder in Ruhe weiter Musik hören, das Tablet wird auch für die Mutter des kleinen Mädchens zum ersehnten Noise Cancelling. Der Begriff „iPad-Kinder“ steht längst nicht mehr nur für Grundschulkinder die ihr erstes Handy oder eben Tablet bekommen. Er hat sich ausgeweitet auf eine ganze Generation, deren Alltag von klein auf von einem Bildschirm begleitet wurde (und wird): vom beruhigenden YouTube Video zum Einschlafen bis hin zu Kleinkindern, die ganz genau wissen, wie sie Verwandte auf WhatsApp per Video anrufen können.
Die Digital Natives, iPad Kinder oder auch einfach Generation Alpha (also ca. 2010-2024) kennen sich wohl besser als wir alle mit Handy und Co. aus.
IST DAS VON VOR- ODER VON NACHTEIL?
Laut Studien in der Kinder- und Jugendmedizin empfehlen Fachleute für Kinder im Grundschulalter höchstens eine Stunde Bildschirm pro Tag, bei Jugendlichen bis zu zwei. Doch die Realität sieht, wenig überraschend, deutlich anders aus. Zwölf- bis 13-Jährige sind durchschnittlich 142 Minuten pro Tag online, während es bei den 14- bis 15-Jährigen 206 Minuten und bei den 16- bis 17-Jährigen 203 Minuten sind. Und die 18- bis 19-Jährigen? Sie liegen mit 252 Minuten ganze 110 Minuten über den Jüngsten, und das, ohne die Online-Bildschirmzeit mitzuzählen.
Auch wenn sich das erstmal ziemlich negativ und nach einem Problem anhört, hält Digitalität auch viele Chancen bereit. Tablets und Co. eröffnen beispielsweise neue Lernwelten. Interaktive Bücher, Erklärvideos und Apps, die Mathe endlich verständlich machen könnten ohne, dass sich eine Lehrerin durch 30 teilen muss.
Kreativität findet ebenfalls schon längst online und digital statt, Videoschnitt, Grafikdesign, TikTok, Procreate. Ablenkung gibt es nicht nur für Kleinkinder auf Knopfdruck.
Und genau hier liegt auch schon die Pointe, iPad Kinder sind zwar offiziell diejenigen, die mit Touchscreen aufgewachsen sind, aber wenn wir ehrlich sind und uns umgucken, sind wir nicht alle auch ein bisschen iPad Kind? In der Oberstufe Hay Day spielen, in der Vorlesung online shoppen, während wir die kleinen Kinder mit Peppa Pig belächeln und über unsere befreite Kindheit und Jugend reden, sitzen wir mit Multitasking-Kopfhörern und drei Bildschirmen in der Bib.
Die Grenzen zwischen den Generationen und die zwischen „zu viel“ und einfach „viel“ verschwimmen, ob wir wollen oder nicht. Das digitale Lernen was uns früher vielleicht sogar gefehlt hat, holen wir jetzt umso ausführlicher nach und für die Grundschüler von heute wird das Wissen am Bildschirm wiederum selbstverständlich bleiben, ein Leben lang. Wie genau das prägen wird, wissen wir nur noch nicht.
WAS TUN WIR MIT DIESER NEUEN NORMALITÄT?
Die Lösung kann nicht im radikalen digitalen Detox liegen, auf null wollen wohl nur die wenigsten zurück. Sinnvoller ist es, bewusst mit Bildschirmen und der Zeit, die wir daran verbringen, umzugehen. Feste Bildschirmzeiten, die eingehalten werden, digitale Pausen. Räume, in denen es die Möglichkeit gibt, analoger zu leben und zum Analogen zurückzukehren.
In der Uni oder an der Schule könnten Formate helfen, die beides verbinden, beispielsweise digitale Tools nutzen, aber in echten Diskussionsräumen ohne Ablenkung. Kreativität und Lernen braucht sowohl Input als auch Leerlauf, letzteres ist eben online und analog oft besser zu finden.
Am Ende bleibt: Fast alle sind wir iPad-Kinder oder auch längst iPad-Erwachsene. Unsere Kindheit mag noch ohne WhatsApp-Gruppen verlaufen sein, doch heute sitzen wir an denselben Geräten wie die kleinen Kinder in der Bahn, über die wir uns lustig machen. Die Frage ist also nicht, ob wir digital sind, sondern wie wir digital sein wollen.