Leckerer Kaffee und gemeinsames Schaffen: Das Inklusionscafé Senza Limiti

Die Leidenschaft für Kaffee und Liebe zur Gastfreundschaft füllt die Luft im Café Senza Limiti, direkt in der Innenstadt Würzburgs gelegen. Betritt man das helle Café, begrüßen einen lachende Gesichter hinter der Theke – und das jeden Tag von 7.30 Uhr bis 19 Uhr.


Der Gründer Steven Henze verbindet mit diesem Café nicht nur einen Ort des öffentlichen Zusammenkommens, sondern auch einen inklusiven Arbeitsplatz, an dem prinzipiell jeder die Möglichkeit zur Mitarbeit hat.
Um ein wenig mehr über die Entstehung und das Senza als Inklusionscafé zu erfahren, ließ Steven bei einem Interview den Blick hinter die Kulissen gleiten.
Was bedeutet das Senza Limiti also genau – als Inklusionscafé?
„Eine Möglichkeit Menschen zusammenzubringen ist das Café Senza Limiti!”
Entstehungsgeschichte
Der in Würzburg studierte Sozialpädagoge erzählt, inwiefern die Idee eines solchen Inklusionscafés schon während des Studiums entstand. Nicht nur befasste er sich im Hochschulkontext mit dem Konzept der Inklusion, sondern verbrachte er nebenbei als Begleitung Urlaubsreisen mit Menschen mit Behinderungen. Die Auseinandersetzung mit Inklusion weckte bald das Interesse, Menschen mit Behinderungen ebenso Möglichkeiten und Perspektiven für ein eigenständiges Arbeitsleben zu schaffen und damit einen anderen Umgang entgegenzubringen.
Während der Urlaubsreisen, die er zunächst als Begleiter miterlebte, war die gemeinsame Zeit in Cafés, besonders prägend. Steven blickt zurück und erzählt, sie seien zu Orten geworden, in denen Gemeinsamkeit und Freude die Gemeinschaft hat einzigartig werden lassen. Die Gruppen bereisten Spanien und Italien, was die Inspiration gab, diesen Flair später auch in die Würzburger Innenstadt zu bringen.
Die Arbeit im Bereich der Gastronomie ist Steven dabei aus seinem familiären Background vertraut und er weiß sich dort selbstverständlich zurecht zu finden.
Durch diese persönlichen Erfahrungen ist schließlich die konkrete Idee eines inklusiven Cafés entstanden.

Das Senza Limiti ist in den Augen der Besucher*innen ein gewöhnliches Café, das jedoch im Hintergrund ein ganz besonderes Konzept verfolgt. Es ermöglicht auf Rahmenbedingungen, die auch Menschen mit Behinderungen einen Platz auf dem Ersten Arbeitsmarkt ermöglichen. Es stellt sich natürlich die Frage: Wie sehen solche Strukturen denn eigentlich aus?
Das selbstbestimmte und eigenständige Leben wird besonders durch eine grundsätzliche Gleichwertigkeit geformt. Alle Mitarbeiter des Cafés haben normale Arbeitsverträge, es gibt kein besonderes Einstellungsverfahren und damit keine Bevorzugung oder „außen vor lassen” von Menschen. Das Konzept der Inklusion bedeutet eben, dass es per se keine Kategorisierung von Normal oder nicht Normal gibt. Es geht um die Gleichbehandlung Aller und ermöglicht damit allen weitestgehend dieselben Chancen. Der Unterschied liegt höchstens in der Bereitstellung von Unterstützung.
Im Arbeitsteam des Café Senza findet man daher eine heterogene Gruppe von Studierenden, Menschen mit oder ohne Behinderung etc. Die möglichen Hindernisse werden als Team bewältigt. Steven betont dabei deutlich, dass Inklusion bedeutet, Unterstützung zu ermöglichen, aber eben nicht vorauszusetzen.
Die üblichen Arbeitsverhältnisse, die das Café bereitstellt, führen dazu, wie der Gründer erzählt, dass sich Menschen, die oftmals ungesehen bleiben plötzlich auch die Perspektive haben mit eigenem Einkommen das Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Gerade im Vergleich zu Menschen mit Behinderung, die in einer Werkstatt arbeiten und dort umgerechnet 1,30 bis 1,50 Euro pro Stunde bekommen, wird deutlich, inwiefern der 1. Arbeitsmarkt für die Menschen mit Behinderung eine Chance darstellt. Und das zeigt ihm den Erfolg und den Bedarf dieses Projekts.

Lebendige Gespräche, Lärm, freundliche Gesichter und überflutende Bestellungen: Die Arbeit im Café
Auch wenn das Senza Limiti von einer unheimlich gemütlichen und angenehmen Atmosphäre geschmückt wird, fordert die Arbeit in einem Café in der Innenstadt viel von den Mitarbeitenden. Man muss mit der Schnelligkeit, Reizüberflutung und allgemeinem Druck eines solchen Caféalltags zurechtkommen.
„Ein Café ist kein Arbeitsplatz für Jeden”, berichtet Steven. Er meint damit, dass das Arbeiten im Gastronomiebereich für einige Menschen, egal ob mit oder ohne Behinderung, unpassend ist. Trotzdem vertritt er die Perspektive, dass Rahmenbedingungen in jedem Fall veränderbar und zugunsten der Mitarbeitenden anpassbar sind. Grundsätzlich ermöglicht er sehr viel im Café Senza, ist aber dennoch an die festen Strukturen eines Tagescafés gebunden. In Zukunft sollen noch andere Arbeitsbedingungen, für eine breitere Inklusionsmöglichkeit geschaffen werden, wie Steven uns am Ende verrät.
Der Gründer gibt uns ein paar Beispiele, die verdeutlichen, wie wichtig Feinsinn und Verständnis in der Arbeit mit Menschen und besonders in einem solchen Inklusionsprojekt ist.
„Es gab mal eine Person zum Beispiel, sehr ängstlich und zurückhaltend, die aber den Traum hatte im Café zu arbeiten. Sie hat dann auch eine Schicht gemacht, nach der wir dann gesprochen haben. Am Ende hat sie selbst gesagt, dass es zu trubelig hier ist und zu viel Ablenkung und so gibt.”, erzählt Steven.
Ein weiterer Mitarbeiter konnte den Wechsel von Sommer zu Winter, wenn die Fenster und Türen plötzlich geschlossen sind und sich das Caféleben drinnen versammelt, nicht gut verkraften. Mit ganz verständnisvollem und zugewandtem Ton, spricht Steven über diese Erfahrungen. Es kommt in den Gesprächen sehr deutlich die Leidenschaft zur Arbeit mit Menschen durch, die vermutlich als Antriebsrad wirkt.
Im Verständnis der meisten Wirtschaftsbetriebe wird die Rücksichtnahme auf inklusive Rahmenbedingungen oft als zu große Belastung empfunden. Assoziiert werden damit eher schlechtere Konkurrenzmöglichkeiten und damit wirtschaftlicher Verlust, anstatt gemeinsame Vorteile eines zwischenmenschlichen Füreinander. Noch bevor sich mit den Herausforderungen und möglichen staatlichen Unterstützungen auseinandersetzt wird, lehnen einige Einrichtungen ab, so etwas überhaupt zu erwägen.
Das Café zeigt jedoch genau das Gegenteil. Inklusion bedeutet eben nicht gleich wirtschaftlicher Verlust. Einige staatliche Fördermittel unterstützen konkret solche Vorhaben und so bleibt es schließlich eher an der fehlenden Eigeninitiative und Weitsicht für den Bedarf solcher Modelle, hängen. So Steven erklärt uns auch inwieweit er es tragen kann, statt beispielsweise einer Person auch mal zwei Personen an der Theke stehen zu haben. Für die Menschen mit Behinderung beantragt er einen sogenannten Lohnkostenzuschuss von bis zu 75% des Brutto-Arbeitsentgelts, der ihm dann auch ermöglicht, all seinen Mitarbeitenden ein normales Gehalt zu bezahlen. Steven spricht ebenfalls darüber, dass ein Bewusstsein über die Notwendigkeit solcher Projekte besteht, aber im Blick der Allgemeinheit grundsätzlich außer acht gelassen wird.
Der Leitspruch des Cafés – „Unauffällig Auffällig“
Wie das Café Senza zeigt, ist besonders wichtig: Die Balance zwischen Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit nach außen zu halten und das Streben nach Inklusion nicht zu einer „besonderen“ Situation zu machen. Es soll eben die Differenz aufheben und zu einem Gemeinsamen werden lassen. Das Motto „unauffällig Auffällig” fasst diesen Gedanken hervorragend zusammen.
Im Teamgeist spiegelt sich das Miteinander und Füreinander ebenso wieder. Auf die Frage, ob sich das Café mit vielen Vorurteilen durch unwissende Besucher*innen auseinandersetzen muss, beteuert Steven: „Das gibt es nicht. Ich bekomme von keinen Vorurteilen mit, aber das hat auch den Hintergrund, glaube ich, dass wir das als Team auch echt gut machen, sodass es gar nicht so auffällt. Im Hintergrund merkt man schon, dass es einfach Unterschiede gibt. Man muss öfters mal nachpolieren, beispielsweise, weil manche Menschen im Team das nicht so gut können und auch nicht das Auge dafür haben. Da muss man sich eben gegenseitig voll unterstützen. Es ist das Eine, was ihr hier vorne seht. Aber im Hintergrund findet ganz viel im Team untereinander statt mit gegenseitiger Unterstützung und Hilfe. Damit es hier möglichst ein normaler Betrieb ist.”
Nach Jahren an Erfahrung – Was konnte der Caféalltag bereits lehren und wie sieht die Zukunft des Cafés aus?
„Am Anfang war alles ein großes Durcheinander“. So beginnt Steven über seine Learnings von vier Jahren Cafébetrieb zu sprechen. Einerseits war er ein ausgebildeter Sozialpädagoge, andererseits fehlten ihm eigene Erfahrungen in einem Inklusionsbetrieb sowie ein Vorbild in Form eines bestehenden Inklusionscafés. Er erzählte uns, wie sein Umgang mit seinen Mitarbeitenden realistischer und pragmatischer wurde. Er verabschiedete sich von der Vorstellung, dass jeder Mensch in jedem Bereich gut einsetzbar ist und lernte noch stärker auf die individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse der Menschen einzugehen. Steven betonte, dass es eben für beide Seiten gut passen und einen Mehrwert geben müsse.
„Da gibt es dann schon manchmal so Situationen, wo man dann nach ein paar Wochen nochmal ins Gespräch gehen muss. ‚So, ich habe jetzt diese Situation beobachtet, da müsstest du einfach mehr unterstützen, auch wenn es vielleicht der Schritt mehr ist.‘ Ich versuch das immer so zu klären. […] Man gibt allen so eine gewisse Zeit, um sich einzupendeln.“
Eine Erfahrung für Steven war, dass er ein größeres Team braucht, um selbst noch etwas Freizeit zu haben. „Dass wir zu wenig Personal haben, habe ich gemerkt, als ich hier selbst nie wieder rauskam“. Das Café startete mit 16 Mitarbeitenden und verdoppelte diese Zahl in den letzten Jahren. Im Moment sind 32 Mitarbeitende angestellt, wovon ca 40 bis 45 Prozent der Menschen eine Behinderung haben. Auch die Schichtlänge wurde an die Bedürfnisse der Mitarbeitenden angepasst. Das Team arbeitet in einem Zweischichtsystem mit einer variierenden Schichtlänge von fünf bis acht Stunden. So kann darauf geachtet werden, dass jeder entsprechend seiner Möglichkeiten eingesetzt wird.
Darüber hinaus wandelte sich seine Einstellung auf Strukturen und klaren Abläufen erheblich. Zu Beginn setzte der Gründer auf möglichst flache Hierarchien, wenige fest strukturierte Abläufe und auf Entscheidungen, die gemeinsam im Team getroffen werden. So dachte er, gewährt er jedem und jeder die größtmögliche Bewegungsfreiheit und entsprechende Entfaltungsmöglichkeiten. Doch innerhalb der ersten beiden Jahre merkte er, dass für den Erfolg im Miteinander vielmehr eine klare Struktur, direkte Anweisungen und geregelte Abläufe zuträglich sind. Steven kam ebenso von dem Gedanken ab, sein Team in alle das Café betreffenden Entscheidungen mit einbinden zu wollen, da er feststellte, dass es für viele seiner Mitarbeitenden leichter ist, wenn er die Richtung vorgibt. Mit den gesammelten Erfahrungen ließ Steven später von einer demokratischen Ausrichtung der Entscheidungsfindung ab. Im Großen und Ganzen beanspruchte das sein Team mehr, als dass es ein anderes Gefühl im Miteinander beförderte.
Steven berichtet uns neben den schönen Erfahrungen im Miteinander auch von unerfreulichen Erfahrungen mit Cafébesucher*innen „Es gibt auch Menschen, die hierher kommen und fragen: ‚Wer ist denn jetzt der Mensch mit Behinderung?‘“ „Ich zeige nie auf jemanden, ich sage dann, dass eben welche hier arbeiten oder nenne ihnen die Zahl“ Derartige unangebrachte Kommentare erreichen ihn hin und wieder, trotzdem versucht er recht sachlich damit umzugehen, um dem Ganzen nicht viel Raum zu geben. Auf der anderen Seite erhält er viel Zuspruch für sein Projekt, auch von anderen Unternehmen. Viele Besucher*innen und andere Außenstehende äußern ihre Freude darüber, dass es das Senza Limiti in dieser Form gibt.
Besonders schöne Momente sind für Steven die, in denen Mitarbeitende, mit oder ohne Behinderung, richtig aufblühen. Auch wenn jene Situationen im Alltagsstress hin und wieder untergehen, weiß Steven, dass viele Menschen mit Behinderung diese Momente selten erfahren. Gerade zu Beginn ihrer Tätigkeit im Café sind viele Menschen mit Behinderung zunächst unsicher, häufig, weil es sich um ihre erste Arbeitsstelle handelt. Steven beschreibt jedoch, wie sie mit der Zeit an Sicherheit gewinnen und zunehmend Selbstbewusstsein entwickeln. Die Teamgemeinschaft trägt wesentlich dazu bei. Auch macht es das Klima des Cafés aus, dass sich ein lebhaftes Miteinander und damit in gewisser Weise auch Freundschaften innerhalb des Teams bilden.
Steven ist sich zugleich bewusst, dass seine eigenen Kapazitäten begrenzt sind. Sein Schwerpunkt liegt daher auf der Weiterentwicklung des Cafés. Hin und wieder engagiert er sich dafür, andere Unternehmen und interessierte Menschen für Inklusionsprojekte zu motivieren, indem er in persönlichen Gesprächen und im Rahmen von Vorträgen von seinen eigenen Erfahrungen berichtet. Ergänzend betreibt das Team eine kleine Ape mit integrierter Kaffeebar, die bei ausgewählten Festivals zum Einsatz kommt und das Projekt auch über das Café hinaus sichtbar macht.
Sein Wunsch für die Zukunft ist es, dass Senza Limiti, das eindeutig zeigt, dass seine damalige Idee aufgeht, fortzuführen. Es inspiriert ihn für weitere Projekte, die bereits in Planung sind, zu denen er sich jedoch noch etwas bedeckt hält. Dennoch berichtet er von seiner großen Motivation für die Umsetzung weiterer Inklusionsprojekte. So möchte er einen weiteren Betrieb eröffnen, der andere Arbeitsbedingungen ermöglicht, als die in einem gut besuchten Cafés mit offener Küche. Dort wird der Gedanke des Senza Limiti weitergedacht und die Möglichkeit für Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt tätig zu werden. Das gehört auch zu seinem größten persönlichen Antrieb: Der grundsätzliche Bedarf an Arbeitsplätzen auf dem ersten Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung. Und darüber hinaus einen Ort zu bieten, der Menschen ganz nach dem Namen des Cafés – Senza Limiti – grenzenlos zusammenbringt.