Tigermuscheln


Ich spüre das Rauschen des Meeres im Ohr der Muschel
Kennst du dickwandige, getigerte Muscheln
die sich an den Klang der Wellen erinnern?
Sie haben das Kommen und Gehen
in ihrem Inneren aus Perlmut gespeichert
Es kräuselt sich luftig in glatter Watte
ohne zu ersticken
sondern trägt sich immer weiter fort
ohne zu verklingen
Ein endloses Musikstück
Ein Echo der Wiederholung
Diese Muscheln kommen aus dem Meer
und lagen am Strand wie Sand
neben verkrusteten Schalen von Krebskörpern
und verblasstem Plastikspliss
und durchfeuchtem Totholz
und Ölkanister angespültem Tank
verklebter Möwenfeder
Die Muscheln haben sich vieles gemerkt
auch wenn sie stumm waren
gerade weil sie stumm waren
Auch heute sprechen sie nicht
Sie leben das Lied des Meeres
Sanftes Klagen, leises Flüstern
Hörst du ihnen zu?
Press dein Ohr an die kalten Rillen ihrer Mundkörper
Vergiss deine Geschichte
Lausche
Die Muscheln sind weise
Sie haben was sie kennen nach Innen gekehrt
Ihr Herz ist was sie umgeben hat
Zerbricht ihre hart geschichtete Form
geht das verdichtete Gedicht
in salziger Luft auf
Befreien heißt Verlorengehen
Sag, welches Geheimnis trägst du in dir?
Flüsterst du auch oder bin ich zu laut?
Ich glaube die Muscheln lieben das Meer
Was man liebt hat man in sich