Zum Inhalt springen

„We do need Greenland“ – und Venezuela?: Q&A mit Prof. Dr. Sonja Grimm

Blogvon Nele Jahrsdörfer

Anti-Trump-Proteste in Grönland, Foto: Christian Klindt
Anti-Trump-Proteste in Grönland, Foto: Christian Klindt

Auch das Jahr 2026 beginnt turbulent – und wieder steht Donald Trump im Mittelpunkt. Bereits am 3. Januar griffen die USA in Venezuela militärisch ein und nahmen Präsident Nicolás Maduro sowie seine Frau Cilia Flores fest. Seitdem wird das Land von einer Übergangsregierung geführt. Die internationale Reaktion ist geteilt: Russland, China und Kuba kritisierten die Aktion scharf und halten sie für völkerrechtswidrig. Kanada und Teile der EU sehen sie hingegen als legitimen Schritt im Kampf gegen Drogenkriminalität und Korruption.

Zur gleichen Zeit sorgten Aussagen aus Washington über Grönland für Aufmerksamkeit. Die USA betonten ihr strategisches Interesse an dem arktischen Territorium – mit Blick auf Sicherheit, Rohstoffe und geopolitische Lage. Konkrete militärische Schritte folgten bisher nicht, dennoch führte die Debatte zu Spannungen mit Dänemark und NATO-Partnern.

Warum das wichtig ist? Auf den ersten Blick haben Venezuela und Grönland wenig miteinander zu tun. Bei genauerem Hinsehen zeigen beide Fälle jedoch ähnliche Dynamiken: Machtpolitik gewinnt an Bedeutung und bestehende internationale Regeln geraten unter Druck. Die Entwicklungen überschlagen sich geradezu. Dabei fällt es schwer, den Überblick zu behalten – wer soll da noch durchblicken?

Um ein bisschen Licht ins Dunkle zu bringen, haben wir am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Europaforschung nachgefragt, wie sich die jüngsten Entwicklungen politikwissenschaftlich einordnen lassen. Professorin Dr. Sonja Grimm hat sich bereit erklärt, unsere Fragen zu beantworten. Unterstützt wurde sie dabei von Mara Nelegatti. Im folgenden Q&A geht es um Venezuela und Grönland, um die wichtigsten Spieler, ihre Interessen – und darum, was das alles für die internationale Politik bedeutet.

Anti-Trump-Proteste in Grönland, Foto: Christian Klindt
Anti-Trump-Proteste in Grönland, Foto: Christian Klindt
US-Vizepräsident JD Vance mit seiner Frau auf der US-Raumfahrtbasis Pituffik, Foto: Jim Watson/Getty Images
US-Vizepräsident JD Vance mit seiner Frau auf der US-Raumfahrtbasis Pituffik, Foto: Jim Watson/Getty Images
US-Präsident Trump bei der Pressekonferenz nach der Festnahme Maduros, Foto: AFP/JIM WATSON
US-Präsident Trump bei der Pressekonferenz nach der Festnahme Maduros, Foto: AFP/JIM WATSON
Maduro wurde gemeinsam mit seiner Frau von US-Sicherheitskräften gefangen genommen und nach New York verbracht, Foto: picture alliance/Consolidated News Photos/Kyle Mazza-CNP
Maduro wurde gemeinsam mit seiner Frau von US-Sicherheitskräften gefangen genommen und nach New York verbracht, Foto: picture alliance/Consolidated News Photos/Kyle Mazza-CNP

Frage 1: Wie stellt sich die aktuelle politische und gesellschaftliche Lage in Venezuela bzw. Grönland vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse dar?

Venezuela und Grönland sind unmittelbar von der Politik der US-Regierung um Präsident Donald Trump betroffen. Die USA erzwingen mit ihrer Militäraktion einen politischen Machtwechsel in Venezuela, und sie stellen die politische Zugehörigkeit Grönlands zum NATO-Partner Dänemark infrage. Damit torpedieren die USA die regelbasierte internationale Ordnung. Machtpolitische Interessen und territoriale Ansprüche verdrängen interne demokratische Aushandlungsprozesse und unterminieren legitime politische Verfahren. Dies ist weder für Venezuela noch für Grönland noch für die internationale Ordnung eine gute Entwicklung.

Frage 2: Welche nationalen und internationalen Akteure spielen derzeit eine zentrale Rolle, und welche Interessen verfolgen sie? Welche Rolle nimmt Deutschland ein?

Derzeit spielen insbesondere Großmächte wie die USA, China und Russland eine zentrale Rolle während aufstrebende Mächte wie Brasilien, Indien oder Südafrika Mitspracherechte beanspruchen. Die Europäer müssen sich in diesem Konzert der Mächte behaupten.

Die USA und China befinden sich ein einem Machtwettbewerb der Großmächte. Es geht um den Zugang zu Ressourcen, Territorien und Einflusszonen. US-Präsident Trump versucht diesen Machtwettbewerb durch Drohungen, Zölle und neue Allianzen mit politisch fragwürdigen politischen Regimen für sich zu entscheiden, während er zugleich mit seiner erratischen, machtgetriebenen Politik bestehende Bündnisse torpediert und die transatlantischen Partner düpiert. Kurzfristig mag er damit erfolgreich sein. Langfristig verspielt er jedoch Vertrauen und politisches Kapital. Er unterminiert die Legitimität, die ein global agierender Hegemon benötigt, um seine Herrschaft durchzusetzen.

China hingegen geht zielgerichtet und strategisch vor: es baut seine Bündnisse im globalen Süden aus, betreibt eine wirtschaftsorientierte Außenpolitik und weitet sein globales Mediennetzwerk aus. China baut damit systematisch seine hard und seine soft power aus.

Für die Europäische Union ergibt sich hieraus ein erheblicher Anpassungsdruck. Sie will weiterhin ihrem normativen Selbstanspruch gerecht werden und ihre wirtschaftspolitischen Interessen verfolgen, was ohne US-Unterstützung deutlich schwieriger wird. Zugleich muss sie sich von der sicherheitspolitischen Abhängigkeit von den USA befreien. Deutschland nimmt in diesem Kontext eine wichtige Rolle ein. Es muss seiner Rolle als europäische Führungsmacht gerecht werden, den Dialog mit den USA nicht abbrechen lassen und zugleich die regelbasierte internationale Ordnung verteidigen. Kanzler und Außenminister verfolgen diese Anforderungen konsequent.

Frage 3: Welche Bedeutung haben die jüngsten Entwicklungen für die internationale Politik?

Die jüngsten Entwicklungen haben für die internationale Politik weitreichende Bedeutung. Sie tragen zu einer beschleunigten Erosion der regelbasierten Ordnung bei und gehen mit einer Normalisierung von Machtpolitik als vermeintlich legitimem Instrument internationalen Handelns einher.

Gleichzeitig verlieren multilaterale Institutionen zunehmend an Autorität, während internationale Politik insgesamt asymmetrischer und weniger vorhersehbar wird. Eine normativ geprägte deutsche und europäische Außenpolitik muss sich stärker strategisch ausrichten und nach neuen Bündnispartnern suchen. Dies ist vor allem eine Chance für Länder des globalen Südens, im Konzert der Großmächte als Gegenleistung für ihre Bündnisloyalität mehr globale Mitsprache einzufordern.

Frage 4: Inwiefern lassen sich die aktuellen Ereignisse in einen größeren historischen oder geopolitischen Kontext einordnen?

Die aktuellen Ereignisse lassen sich in einen übergeordneten historischen und geopolitischen Kontext einordnen. Dabei wird eine stark interessengeleitete US-Politik sichtbar, die in ihren Grundzügen an die Monroe-Doktrin anknüpft und auf die Sicherung US-amerikanischer Dominanz abzielt.

Gleichzeitig wird das Ende der liberalen Nachkriegsordnung als realpolitische Praxis deutlich. An ihre Stelle tritt die Rückkehr klassischer Großmachtlogiken, in denen Einflusszonen, Ressourcenkontrolle und Sicherheitsinteressen im Zentrum stehen. Die regelbasierte Ordnung findet dabei nur insofern Anwendung, als sie den jeweiligen Machtinteressen nicht widerspricht.

Frage 5: Welche möglichen Szenarien für die weitere Entwicklung erscheinen aus heutiger Sicht realistisch?

Aus heutiger Sicht erscheint eine weitere Verstärkung des Großmachtstrebens realistisch, die mit einer anhaltenden Schwächung multilateraler Institutionen einhergeht. Eine zunehmende Fragmentierung bestehender Partnerschaften ist zu erwarten. Darüber hinaus zeichnet sich eine Regionalisierung von Ordnung ab, bei der internationale Politik weniger global kohärent und stärker regional organisiert ist. Insgesamt ist zu erwarten, dass internationalen Politik wieder stärker durch Macht, Abschreckung und situative Koalitionsbildung geprägt sein wird und weniger durch auf Dauer gestellte Kooperation und regelbasierte Aushandlungsprozesse.

Was denkt ihr über die Lage in Venezuela und Grönland? Diskutiert mit uns in den Kommentaren oder auf unseren Social-Media-Kanälen.