Wo trifft man sich noch?

Die Suche nach dem Dritten Ort für alle
Es ist mittlerweile Sommer geworden in Würzburg, und das Wetter zieht die ganze Stadt in die Parks oder an den Main. Die im Winter so menschenleeren Plätze füllen sich wieder mit Leben, die Welt scheint wieder in Ordnung und der ewig grau bedeckte Würzburger Winterhimmel ist endlich überstanden.
Das ist die Realität in einer jungen, studentischen Stadt – für viele Menschen in anderen Kleinstädten sieht diese aber ganz anders aus. Kaum hat man ein bisschen Freizeit, landet man früher oder später wahlweise auf einer Parkbank, einem Parkplatz oder im nächstbesten Supermarkt. Meist draußen unterwegs, aber an keinem richtigen Ort; gerade in Gegenden fernab von großen Städten ist es nicht leicht Plätze zu finden, an denen man einfach sein kann. In solchen Momenten fehlt ein sozialer Treffpunkt, ein Raum, der Begegnung ermöglicht: Ein sogenannter dritter Ort oder Third Space.
Aber was ist das überhaupt? Nach Soziologe Ray Oldenburg handelt es sich dabei um Orte, die einen Ausgleich zur Arbeit und dem Leben zuhause schaffen. Es sind Räume zur Entspannung, die frei von jeglichen Verpflichtungen oder bestimmten Erwartungen sind. Diese Orte haben in den letzten Jahren besondere Relevanz gewonnen, spätestens seit Corona sind Arbeit und Freizeit verflochtener denn je, unser Dasein spielt sich mehr und mehr rund um unser Zuhause ab. Wenn wir an einem Platz arbeiten, lernen, essen, Sport treiben und sich de facto unser gesamtes Leben nur noch an einem Ort abspielt, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die mentale Gesundheit darunter leidet.
Wie ist also die Situation in Würzburg? Dritte Orte sind hier doch für alle zugänglich und niedrigschwellig, oder?
Ein Chai Latte in einem Café in der Altstadt mag zwar günstiger sein als in Frankfurt oder München, dennoch wirst du ohne Geld nicht wirklich weit kommen. Eigene Getränke mitzubringen ist eher nicht erlaubt, und ohne etwas zu bestellen ist man schnell wieder raus. Auch bei Konzertbesuchen, im Freibad oder im Fitnessstudio kommt man um Eintritt oder Abo nicht drumherum. Aufenthalt ja, aber eben zu einem Preis. Wenn so etwas älteren Menschen auffällt, wird schnell die „Früher-war-alles-besser“-Karte gespielt: „In meiner Jugend hatten wir noch die Dorfkneipe, das Freibad, den Jugendtreff, den Bolzplatz…“ und so weiter. Hier wird es interessant, denn ja, früher gab es vielleicht auch in kleineren Städten mehr dritte Orte, aber vor allem waren sie leistbar. Die Post-Corona-Inflation ist vorbei, aber vor allem der Anteil unserer Ausgaben, der fürs Wohnen draufgeht, nimmt stetig zu.
Die Lebenshaltungskosten sind mittlerweile völlig ungleichmäßig verteilt, jeder dritte Miethaushalt in Deutschland ist durch Wohnkosten überlastet.
Dazu kommt, dass Menschen, die ihr Studium komplett selbst finanzieren müssen, sowieso kaum Freizeit haben – und wenn mal eine freie Minute da ist, dann wird tendenziell eher ungern Geld ausgegeben. Gesellschaftliche Teilhabe muss man sich eben auch zeitlich leisten können.
Wo gibt es also kostenlose Third Spaces in Würzburg?
Man könnte denken, dass es in der Stadt recht wenige Angebote gibt, die komplett kostenlos und leicht zugänglich sind. Doch wer genauer hinsieht, findet in Würzburg so einiges:
Die wichtigsten dritten Orte sind vor allem unsere Grünflächen und das Mainufer. Wenn ihr mal im Stadtzentrum unterwegs seid, könnt ihr immer schnell einen Abstecher in den Ringpark machen, der zahlreiche schattige Plätze zum Lesen und Entspannen bietet. Außerhalb der Stadt könnt ihr wiederum in den Weinbergen, Feldern und Wäldern rund um Würzburg spazieren oder Fahrradfahren gehen. Ist man eher der sportliche Typ, dann kann man einfach ein paar Körbe auf dem Sanderrasen werfen oder springt im Skatepark in der Zellerau aufs Board.
Und auch wenn der Sommer wieder verfliegt, bleiben viele kostenfreie Angebote bestehen. Vor allem an kühlen und regnerischen Tagen kann man sich super mit einem guten Buch in die Stadtbücherei setzen oder dort in Ruhe an einer Hausarbeit weiterschreiben. Es lohnt sich auch einmal in die zahlreichen Kursangebote im Cairo reinschnuppern, von Improtheater über Zeichenwerkstatt bis hin zu Stricktreffen und Tanzkursen gibt es viele Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden. Alternativ dazu kann man zum Jugendcafé im B-Hof vorbeischauen oder eine der vielen kostenlosen Veranstaltungen in der Kellerperle besuchen. Hier reicht das Angebot von Lesekreisen über Konzerte bis hin zu Trivia-Nights, bei denen ihr euer Wissen beweisen könnt.
Trotz seiner Größe hat Würzburg zahlreiche dritte Orte zu bieten, man muss nur ein bisschen nach ihnen suchen. Wir haben nicht nur viel Natur vor der Tür, sondern auch mehr Angebote für junge Menschen, als auf den ersten Blick ersichtlich ist.
