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Und trotzdem Bahn fahren

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Travelling with Deutsche Bahn kann so anstrengend sein – ich sage nur Verspätungen! – aber es ist doch immer wieder ein Erlebnis. Und praktisch noch dazu: Relativ einfach lässt sich ganz Deutschland durchqueren, ich bin mir sicher, jede Großstadt ist an das weite Netz angebunden, ebenso die wichtigsten Flughäfen. Von Plochingen in Baden-Württemberg nach Frankfurt-Flughafen brauche ich circa zwei Stunden, reise bequem und umweltschonend. Außerdem konnte ich wieder feststellen, wer reist, lernt immer wieder Menschen mit interessanten Geschichten kennen – Geschichten, die man oft nur im Bruchteil erfährt. Es macht Spaß, sich zu überlegen, wie diese Geschichten anfingen und wie sie weitergehen. Bei besagter Zugfahrt zum Flughafen machte ich die Bekanntschaft einer jungen Frau aus Costa Rica. Sie ist als Au-Pair in Deutschland, zum ersten Mal überhaupt hier und jetzt auf Reisen, um das Land kennenzulernen. Es sind wenige Informationen, um sich vorstellen zu können, mit wem man es hier zu tun hat, aber genug, um meine Fantasie anzuregen. Ob ihr Deutschland gefällt? Was sie wohl alles auf ihrer Reise erleben wird? Und überhaupt, Costa Rica – wie spannend! Aber natürlich mache ich auch wieder Bekanntschaft mit eher unsympathischen Reisenden.
Dieses Mal durfte ich wieder bestaunen, wie unfreundlich Menschen sein können – und wie schrecklich pingelig. Ein Ehepaar hatte reservierte Plätze, auf denen allerdings ein älterer Herr saß. Mit lauter und genervter Stimme schickte der Mann des Paares den älteren Herrn weg; Wortlaut: ,, … dann suchen Sie sich halt was Anderes. Hier sitzen wir. Das sind unsere Plätze!” Natürlich kann man jetzt argumentieren, dass das Paar im Recht war, schließlich hatten sie reserviert und gezahlt. Doch das ist nicht, worauf ich hinaus möchte. Ich frage mich vielmehr, wie es sein kann, dass wir anscheinend verlernt haben, andere Menschen mit Respekt und Höflichkeit zu behandeln, unabhängig davon, ob man im Recht ist oder nicht. Ist es denn so schwer? Ein weiteres Ereignis auf meiner Zugfahrt hat mir dann einen Spiegel vorgehalten und gezeigt, ich bin genauso versnobt und zugeknöpft, wie ich es gerade dem Ehepaar vorgeworfen habe. Ein kleiner Junge hatte, weil er sich die Hand eingeklemmt hatte, für ein paar Minuten den Waggon zusammengeschrien. Meine Reaktion: Stirnrunzeln, Kopfschütteln, Kopfhörer rausholen und möglichst alle Nebengeräusche ausblenden. Am besten noch einen „leg-dich-nicht mit-mir-an-beziehungsweise-sprich-nicht- mit-mir”-Blick aufsetzen und ich hatte meine Ruhe. Später hat mir der Junge – wieder still und schmerzbefreit – gewinkt, sehr süß.
Ich habe mir prompt eine mentale Schelle gegeben und mir vorgenommen, nicht
mehr so versnobt zu sein. Weil, hallo – das ist ein Kind! Was habe ich denn erwartet?
Natürlich machen Kinder manchmal Lärm. Übrigens hat die Bahn ihren allbekannten
Spruch „Thank you for travelling with Deutsche Bahn” zu „Thank you for choosing
Deutsche Bahn” geändert. Wer also keine Lust auf andere Menschen hat, sollte das Bahnfahren vielleicht aufgeben und ein anderes Transportmittel wählen, da man hier unweigerlich auf seine Spezies trifft. Ich werde das allerdings nicht tun. Denn
auch wenn es jedes Mal wieder etwas gibt, das mich die Augen rollen, die Nase rümpfen
oder die Stirn runzeln lässt, Bahnfahren macht mir immer wieder Spaß. Ob es eine Begegnung ist, die in meinem Katalog an interessanten Geschichten gespeichert
wird, wie dieses Mal der kleine Junge und das Au-Pair-Mädchen, oder einfach die Tatsache, dass ich hier meine Zeitung lesen kann – was für mich im Auto oder
Bus nicht geht, da mir schnell übel wird – ich nehme von jeder Bahnfahrt etwas mit.
Und wenn wir ehrlich sind, so schlimm sind Menschen nicht – nur eben menschlich.