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Endstation Depression?

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Fühlt mal!! Ihr wisst nicht, wie es sich anfühlt, könnt es euch nicht vorstellen. Das konnte ich auch nicht. Bist sie mich packte – die Depression. Mich festhielt wie die Spinne ihre Beute. Widerstand zwecklos. Entkommen unmöglich.

Zuerst hatte ich keine Kraft mehr. Ich fühlte mich faul, schaffte nur noch einen Bruchteil der zu erledigenden Dinge und selbst dies fiel mir zunehmend schwerer. Verabredungen stellten sich als unangenehme Belastungsprobe heraus. Mich dahin zu bewegen war fast unmöglich. Absagen und Ausreden erfinden fühlte sich schlecht an, aber viel besser als den Mount Everest zu erklimmen. So fühlte es sich nämlich an, wenn ich meine Wohnung verlassen musste. Maske aufsetzen und so tun, als wenn alles “supi dupi” ist – oder so wie immer halt. Zuhören, Dinge merken, abwaschen, putzen, lesen, … alles richtig anstrengend und nur kurze Zeit möglich. Doch dabei passiert gerade so viel in mir. Meine Gedanken überschlagen sich, rennen einen Marathon, verzetteln sich, verirren sich und finden sich in einer Sackgasse wieder. Und das nicht nur tagsüber. In der Nacht sterbe ich tausend Tode. Fast immer. Jahrelang habe ich diese Alpträume mit Alkohol verbannen oder wenigstens etwas beeinflussen können. Doch nun sind sie wieder da. All die schrecklichen Dinge, die auf der Welt passieren, werden in meinem Kopf verarbeitet. Horrorszenarien wie Vergewaltigungen sind normal. Sterben muss ich fast immer – oder zumindest eine mir nahestehende Person, was alles noch dramatischer und unfassbarer macht. Ich träume real. Merke nicht, dass es ein Traum ist. Verarbeite alles. Keiner zwickt mich. Und wenn ich aufwache bin ich gefangen im nächsten Alptraum – die meisten anderen Menschen nennen es Leben.

Lange hat es gedauert mir die Krankheit einzugestehen. Warum ich? Ich mag das Drama. Ziehe schon immer gern schwarz an, vergöttere Marilyn Manson, Curt Cobain und Amy Winehouse sowieso. In meiner Jugend ritzte ich mir die Arme auf. Aber nur leicht. So richtig Schluss machen wollte und konnte ich nicht. Auch wenn ich mich stets damit beschäftigte… Wie konnte es MICH treffen? Diese unsichtbare Krankheit, die mich zum Monster werden lässt. Ich bin nicht mehr ICH. Oder war ICH es je? Ich habe ja alles was man braucht. Eine mich liebende Familie, die mir auch finanziell alles ermöglicht, was man so brauchen könnte, ein mich liebender Freund, der leider weit weg wohnt aber trotzdem jede Sekunde seiner Freizeit für mich opfert und mir zeigt, wie wichtig ich ihm bin und ebenso tolle Freunde, die leider viel zu tun haben in dieser schnelllebigen Zeit. Aber wer hat schon Zeit? Meine Wohnsituation könnte auch nicht besser sein. Ich bin echt gut versorgt – wenn ich mich versorgen will, doch das Essen schmeckt mir nicht. Wenn ich allein bin habe ich keinen Appetit. Keine Kraft etwas zu machen. Dabei kochte ich doch immer so gern. Tue es immer noch. Aber nur wenn jemand da ist. Sonst lohnt es sich ja nicht… Nur für mich – Allein. Ich sollte sowieso weniger essen bestätigt mir täglich der kritische Blick in den Spiegel. Hosengröße 44 – WOW!! Und vielen Dank nochmal an das super Medikament Mirtazapin. Zwar konnte ich endlich wieder schlafen, aber leider auch essen. Essen ohne Ende. Heißhunger auf alles, was verarbeitet ist und viele Kalorien hat. Man gönnt sich ja sonst nichts. Dabei esse ich seit ich denken kann am liebsten Suppe und Salat. Auch wenn man es nicht gleich bemerkt. Nunja… Der große Schock kam kurz vor Weihnachten letzten Jahres: 20kg in 3 Monaten. Respekt. Warum habe ich mich bei keinem Galileo Experiment angemeldet? Nicht lustig. Ich weiß. Okay. Nun habe ich mich also zurückgezogen, die dunklen Gedanken bei mir behalten, bis es irgendwann nicht mehr ging. Man kann nicht tagein, tagaus von den kleinsten Vorkommnissen so erschüttert sein, dass man in Tränen ausbricht und kein Ende findet. So geht das nicht. Das ist kein Leben. Ich schaute zufällig ein Youtube-Video, worin eine sympathische Instagram-Bekanntschaft ihre Situation schilderte. Ich weinte. Konnte nicht aufhören, weil ich mich in ALLEM wiederentdeckte: SCHEIßE – ich habe Depressionen!!

Als wenn dir der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Etwas in dir innerlich stirbt.

Dein Herz durchlöchert wird – von tausend Nadelstichen.

Es pocht wild, aber kann nicht fliehen. Es ist gefangen in dir.

Alles Gerede, jedes Geräusch ist nur noch ein dumpfes Rauschen.

Du kannst es nicht wahrnehmen.

Du bist wie in Watte gepackt, aber die Watte ist giftig.

Du kannst dich nicht mehr bewegen. Bist gelähmt. Gefesselt.

Im Kopf rasen die Gedanken.

Alles, was du jemals glaubtest, dachtest, dir gewünscht hast: PUFF!!

So viele Fragen. Doch eigentlich leer.

Keine Gefühle. Keine Gedanken. Nichts geht mehr.

Vorbei. Aus die Maus. Endstation Depression?

Und wenn etwas schiefläuft, dann alles. Mein Leben ist noch nicht stressig genug. Die Uni hat wieder angefangen. Die Tabletten wirken nicht mehr. Ich muss umstellen. Wollte es unbedingt vermeiden. So ein Wechsel kann nur in den Ferien eventuell halbwegs gut gehen. Doch mir soll es auch endlich wieder gut gehen. Deswegen wage ich es. Von 2 auf 1,5 auf 1 auf eine halbe Tablette und schließlich das neue Medikament. Klingt einfach. Ist scheiße. Richtig MEGA-OBER-SCHEISSE!! Ich weine nicht nur abends aus Verzweiflung ein ganzes Bächlein voll. Auch tagsüber muss ich mich so zusammen nehmen die Tränen zurück zu halten. Da reicht schon ein genervter Blick vom Mann hinter mir an der Kasse. Ich kann nicht mehr. Emotional nicht belastbar. Und auch sonst nicht belastbar. Mir geht es schlecht. “Dir geht es immer schlecht” – Da hat mein Freund eigentlich recht. Aber grade geht es mir besonders schlecht. Ich glaube es ist besser, wenn wir uns erstmal nicht mehr sehen. Die Fernbeziehung wurde als Auslöser, sogenannter Trigger, eruiert. (Ja; Man lernt auch richtig schlaue Fachwörter bei diesen psychischen Krankheiten.) Ich denke, dass es besser ist auf lange Zeit dauer-traurig zu sein als jede Woche aufs neue todes-traurig. Diese Entscheidung macht mich noch trauriger. Ich weine. Kann nicht mehr aufhören. Ich trinke aus Verzweiflung. Fange wieder an mir die Arme aufzuritzen. Nehme Beruhigungstabletten. Versuche Schlaf zu finden. Schleppe mich in die Uni. Halte ein Referat und bekomme eine 1. Freue mich aber nicht. Freuen geht grad nicht. Meine Gruppe bedankt sich für meine gute Arbeit. Ich fand sie schlecht. Ich muss weinen.

Auf Nachrichten und Anrufe antworte ich nicht. Bin enttäuscht. Habe keine Kraft. Und keine Lust. Keine Lust auf Erklärungen. Keine Lust auf meine Trauerkloß-Rolle. Ich will nicht mehr das Opfer sein. Ich will wie früher sein. Ich will mich verdammt nochmal wieder freuen! Mein Freund kommt vorbei. Bevor ich vom Balkon hüpfen kann, passt er lieber auf mich auf. Ein Liebesbeweis, der mich zum Weinen bringt. Wieviel kann ein Mensch eigentlich weinen? Hört das denn irgendwann mal auf? (Fragen, die ich mir rhetorisch stelle.) Wir reden über die Klinik. Vielleicht wäre ich da besser aufgehoben. Ich male mir im Kopf Bilder aus. Schöne Bilder. Beruhigende Bilder. “Ja, ich will in die Klinik!!” Mein Psychologe ist im Urlaub; der Psychiater auch: tolle Wurst!! Dann muss ich hier wohl jetzt durch. Vielleicht klappt es ja, wenn ich alles ignoriere. Mein Freund fährt wieder. Ich trinke und ritze mich wieder. Kann man mich denn gar nicht mehr allein lassen?

Ich treffe Freunde – es gibt sie ja doch noch!! Es tut gut. Ich kann lachen. Lasse mich ablenken. Dann ist mein Freund schon wieder da. Ich hole ihn ab. Freue mich auf unsere Zeit. Er macht alles irgendwie erträglicher… allein, weil er da ist. Ansonsten kann er nicht sonderlich gut mit der Krankheit umgehen. Aber wer kann das schon? Nichteinmal ich, die Betroffene, weiß was da abgeht und ratsam oder teuflisch ist. Nagut irgendwie weiß ich es schon, aber man verdrängt ja so gern und kann sich sowieso nichts merken. (Psychiater testete mich: 2/3 Wörtern waren noch da – WOW!) Ich verliere den Faden. Aber mir schmeckt das Essen wieder. Ich kann lachen. Spaziergänge sind die ersten 30 Minuten ganz nett. Dann wird es mir zu viel. Ich brauche ein Ziel. Eine Belohnung. Mein Freund hat noch Energie. Das Geld ist knapp. Musste mich belohnen. Ablenken. Was gönnen. Onlineshopping you little bastard!! Ich verfluche das Internet. Die Wifi-Verbindung bricht ab. Ich geh schlafen aus Wut darüber.

Alles auf Anfang. Ich beginne es, das neue Medikament!! Anfangs freute ich mich über die Nachricht, aber da es mir die Wochen zuvor so scheiße ging, habe ich auch irgendwie die Hoffnung auf Besserung aus den Augen verloren. Was kann denn jetzt noch helfen? Der Psychologe ist wieder da. Seine kecken Fragen bringen mich zum Weinen. “Ich weiß, dass ich allein bin und das ist echt scheiße!!” (Ich klammere mich am Taschentuch fest – er holt Nachschub.) In eine Klinik darf ich nicht. Die nehmen mir da Zuviel ab. Ich würde mich zu wohl fühlen und danach gar nicht mehr klar kommen – okay!? Er wird schon recht haben. Oder nicht? Ich habe keine Ahnung. Mir ist alles egal. Ich bin müde. Will wieder ins Bett. Muss in die Uni. Treffe eine Freundin. Ihr geht’s genauso scheiße. Will sich professionelle Hilfe holen. Ich kenne mich aus und will ihr helfen. Es ist dunkel. Ich geh nach Hause. Das dreckige Geschirr vom letzten Wochenende starrt mich vorwurfsvoll an. Ich mache das Licht aus und die Tür zu. Zum Abendessen gibt’s heute Tee und Mandarinen. Die coolen Hipster-Sorten sind schon ausgetrunken. Es bleiben nur noch die Billig-Sorten des Discounter-Tees. Muss reichen. Ist ja immerhin Mitte des Monats. (Anfang des Monats, also vor ein paar Tagen, stellte ich mir noch vor Geld zu sparen. Für die Urlaubskasse, um mir am Ende des Monats was zu gönnen, um nicht wie jeden Monat ins rudern zu kommen – zwecklos.) Nebenan gackert die Freundin von meinem Nachbarn. Hat wohl noch mehr Freundinnen eingeladen. Wohnt der eigentlich noch da oder kommt die nur in die Wohnung, um ihre Mädelsabende da abzuhalten? Ich beschwere mich nicht. Bin schon im Schlafanzug und habe ja bestimmt auch irgendwann mal wieder Besuch mit dem ich laut lachen kann… Schöne Vorstellung. Ich stecke mir Ohropax in die Ohren und höre sie fast gar nicht mehr. Nur dieses Rauschen.

Ich gehe zur Toilette. Der Wasserhahn tropft noch immer. Also nicht direkt der Wasserhahn, sondern eher der Anschluss vom Spülbecken. „Da muss ein Fachmann ran! Ruf mal den Hausmeister an!” – “Gibt’s nicht mehr…” – “Dann die Hausverwaltung!” – Wenn das so einfach wäre… Ich glaube der tropft jetzt schon seit 2 Monaten; mal mehr, mal weniger. Er ist mein Haustier. Ich muss mich um ihn kümmern: den Eimer leeren, den Boden trockenwischen und wieder auf die Tropfen warten. Das bereitet mir weniger Stress als da sinnlos rumzutelefonieren. Warum kann mir das keiner abnehmen? Das ist die Scheiße am Allein-Wohnen: Du bist für jeden Scheiß selbst verantwortlich! Ich mag nicht mehr. Ich verkrieche mich in mein Bett. Will lesen, doch es fällt mir so schwer mich zu konzentrieren. (Hauptsache erstmal 10 Bücher bestellt, weil man sie unbedingt sofort braucht… schlau)

Meine Oma denkt ich habe Burnout (was sie lustiger Weise mit “Blackout” verwechselt), meine Schwester denkt ich bin traurig, weil ich so unglaublich viel zugenommen habe und ein Fernbeziehungs-Opfer bin. Dabei kam das Übergewicht ja “nur” durch die Tabletten… Ich wünschte, ich könnte ihnen die Wahrheit sagen. Es geht immer nur um mich. Man könnte meinen ich wäre ein Egoist, dabei ist mindestens die Hälfte meines Geldes pro Monat für Weihnachtsgeschenke draufgegangen, weil ich mich sehr wohl auch um meine Mitmenschen kümmere. Und für Geschenke für mich – ich bin da recht spendabel. Ich habe es in die Uni geschafft, soziale Kontakte im realen Leben gepflegt und sogar noch einen Abendvortrag mitgenommen. Ich komme erschöpft zu Hause an. Kämpfen ist anstrengend. Ich wünsche mir zur Abwechslung mal keine Alpträume und drehe mich um. Gute Nacht.

Ich kann nicht mehr. Wir schweigen uns an. Nachdem ich schon wieder alles kritisiert habe und sogar das, was man nicht kritisieren kann, bin ich an die Decke gegangen – gereizt und cholerisch. “Was willst du denn? Alles mache ich falsch!” Das weiß ich leider selbst nicht… Tot sein wäre ganz schön. Ansonsten keine Ahnung. Wir schweigen. Ich muss weinen. “Na hast du wieder miese Laune?” – “Ja, ich will am Liebsten wieder zurück nach Hause” – “Dann geh doch” … Das hat gesessen. Nun rollen die heißen Tränen der Hilflosigkeit. Warum mache ich alles falsch? Warum kann ich mich nicht beherrschen? Scheiße nochmal. Ich will nicht mehr hier sein.

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Schätzungsweise ist ein Mensch aus fünf irgendwann im Leben mindestens einmal an einer Depression oder depressiven Phase erkrankt. Auf der Seite der deutschen Depressionshilfe gibt es einen Selbsttest dazu und weitere Hinweise, wie beispielsweise die Haupt- und Zusatzsymptome, die über zwei Wochen auftreten können, um auf eine Depression hinzudeuten. Die Auslöser der Krankheit können auf psychosoziale Aspekte wie frühe traumatische Erlebnisse oder neurobiologische Aspekte wie genetische Faktoren der Vererbung zurückgeführt werden. Im Fall einer Erkrankung oder des Verdachts auf eine Depression ist das Gespräch mit einem Arzt oder Psychologen unverzichtbar.

Bücher, die meinen Weg begleitet haben:

  • Bramton, Sally: Das Monster, die Hoffnung und ich – Wie ich meine Depression besiegte. 2009
  • Katze, Tobi: Morgen ist leider auch noch ein Tag – Irgendwie hatte ich von meiner Depression mehr erwartet. 2015
  • Roche, Charlotte: Schoßgebete. 2013
  • Seelig, Jana: Minusgefühle – Mein Leben zwischen Hell und Dunkel. 2015
  • Weßling, Kathrin: Drüberleben – Depressionen sind doch kein Grund, traurig zu sein. 2012

Hilfsadressen für Betroffene und Angehörige:

 Hausarzt als erster Ansprechpartner für die Diagnostik und Behandlung, der bei Bedarf an Facharzt, den Psychiater (Medikamente und / oder Klinik) und den Psychologen (Gesprächstherapie) überweist

http://www.deutsche-depressionshilfe.de (Infotelefon, Klinikadressen, regionale Krisendienste und Beratungsstellen)

http://www.telefonseelsorge.de (Tel.: 0800 / 11 10 111 oder 0800 / 11 10 222)
 In Notfällen, z.B. bei drängenden und konkreten Suizidgedanken bitte an die nächste psychiatrische Klinik wenden oder den Notarzt unter der Telefonnummer 112 kontaktieren!

 außerdem Selbsthilfegruppen (in Würzburg: „Jung und depressiv“ für Depressiv unter 30 Jahren)

J. Praline