Pyeongchang 2018 – wo sich Sport und Politik treffen

Vom 9. bis zum 25. Februar 2018 finden in der südkoreanischen Stadt Pyeongchang die 23. Olympischen Winterspiele statt. Für Wintersportbegeisterte sind die Olympischen Winterspiele DAS Großereignis in diesem Winter. Getrübt wird die Vorfreude allerdings durch Dopingsperren und den Schatten, den Nachbarland Nordkorea wirft.
Aus sportlicher Sicht hat man in Deutschland gemischte Gefühle. Nach Sotschi, wo die deutschen Leistungen in Sportarten wie dem Biathlon eher peinlich waren, hofft man nun auf eine Verbesserung im Medaillenspiegel. Die Ergebnisse der letzten Weltmeisterschaften lassen auf mehr hoffen. Wer im letzten Jahr die Sportnachrichten nur ein bisschen verfolgt hat, wird mit den Namen Laura Dahlmeier, Johannes Rydzek und Simon Schempp etwas anfangen können. Biathletin Dahlmeier gelang es zum ersten Mal in der Geschichte des Biathlons Fünffach-Weltmeisterin zu werden, Nordisch-Kombinierer Rydzek ist Vierfach-Weltmeister. Zurecht sind beide zu den Sportler*innen des Jahres 2017 gekürt worden. Zusammen mit seinem Teamkollegen Benedikt Doll ist Weltmeister Simon Schempp die Hoffnung der Männer im Biathlon.
Sowohl im Skispringen als auch im Rodeln kann man davon ausgehen, dass die deutschen Sportler*innen nicht enttäuschen werden. Ob Carina Vogt, erste Olympiasiegerin der Geschichte im Skispringen der Frauen, auch in Pyeongchang den Titel holen kann? Noch läuft die Saison eher mittelprächtig. Der Ausfall des besten Deutschen Skispringers Severin Freund nach einem Kreuzbandriss ist ärgerlich, nach den letzten Ergebnissen im Weltcup kann man seine Hoffnungen aber auf Richard Freitag und Andreas Wellinger setzen. Wer Topfavorit für die Medaillen wird, wird sich bei den Skispringern aber auch bei der Vierschanzentournee zeigen. Felix Loch, Natalie Geisenberger, Tobias Wendl und Tobias Arlt – das sind die Medaillenkandidat*innen der deutschen Rodler, die bei den letzten Spielen alle Medaillenrennen für sich entscheiden konnten. Nach Sotchi hofft man auf eine Fortsetzung der Erfolgssportler*innen.
Eng wird es im Eisschnelllauf und – überraschender Weise – im Ski Alpin. Nach keiner Medaille in Sotchi für die Eisschnellläufer*innen hofft man nun auf Nico Ihle, Claudia Pechstein und Patrick Beckert. Ob sie allerdings gut genug sind, um zum Beispiel gegen starke Niederländer*innen anzukommen, ist abzusehen. Zwei deutsche Topfavoriten des alpinen Skis, Felix Neureuther und Stefan Luitz, ziehen sich jeweils kurz nacheinander einen Kreuzbandriss zu und fallen deshalb für die komplette restliche Saison aus – auch für Pyeongchang. Als einzige realistische Hoffnung bleibt Viktoria Rebensburg bei den Frauen. Entsprechend großer Druck wird auf der Olympiasiegerin im Riesenslalom von Vancouver 2010 lasten.
Mit den 23. Olympischen Winterspielen kommen die 12. Paralympischen Spiele, die vom 9. bis zum 18. März 2018 ebenfalls in Pyeongchang stattfinden werden. Nach einem zweiten Platz im Medaillenspiegel 2014 sind die Erwartungen hoch. Fünffach-Olympiasiegerin von Sotchi Anna Schaffelhuber ist auch für Pyeongchang Topfavoritin. Die Monoskibobfahrerin kennt die Erwartungen an sie. Ähnlich muss es Anna-Lena Forster gehen, ebenfalls Monoskibobfahrerin und größte Konkurrentin Schaffelhubers im eigenen Team. Die weiteren Sportarten halten kaum große Hoffnungsträger*innen bereit, doch oft gilt: Überraschungen sind keine Seltenheit.
Traurig ist, dass die Paralympischen Ereignisse selten die gleiche Anerkennung erhalten. Das zeigt sich in Bekanntheitsgrad und Einschaltquoten. Zeit, etwas daran zu ändern! Beide Events werden im Fernsehen teils von den öffentlich-rechtlichen Sendern ARD, ZDF und Eurosport übertragen.
Der Leitspruch der Olympischen Spiele ist bekannt: Dabei sein ist alles. Das gilt für Sportler*innen wie Zuschauer*innen. Es lohnt sich, mal reinzuschauen und das nicht nur bei den namenhaften Sportarten wie Biathlon oder Ski Alpin, sondern auch bei den Randsportarten. Wann sieht man denn sonst Curling, Freestyle-Skiing und Snowboard im Fernsehen?
Wie sich die Deutschen letztendlich schlagen, wird man erst im Februar sehen. Und es ist nichts Neues, dass es bei Großereignissen zu Überraschungen kommen kann. Es bleibt also abzuwarten.
Dass es allerdings beim Sport nicht immer nur um den Sport geht, wurde in den letzten Jahren immer deutlicher. US-Spitzensportlerin und Ski Alpin Star Lindsey Vonn nannte die Olympischen Spiele zuletzt ein nichtpolitisches Ereignis. Aber was sind dann die Spiele von München 1972, Olympia 2014 in Sotchi, Fußball-WM und Olympia 2016 in Brasilien, oder die Fußball-WM 2022 in Katar? Die Liste wird immer länger. Pyeongchang gehört ebenfalls zu den stark diskutierten Fällen.
Anfang Dezember 2017 entschied das Internationale Olympische Komitee (IOC) in einem Kompromiss mit Russland, dass Russland von den Spielen ausgeschlossen werde; das erste Mal, dass eine komplette Nation ausgeschlossen wird. Grund dafür ist systematisches, staatliches Doping. Einzelne saubere Sportler*innen dürfen unter olympischer Flagge an den Spielen teilnehmen. Aus russischer Sicht eine Kampfansage. Es scheint als würde unter dem Deckmantel der Dopingkontrolle Politik gegen Russland betrieben. Schon in Rio 2016 gab es ähnliche Meinungen als russische Sportler*innen ausgeschlossen wurden.
Aber es bleibt nicht beim Doping-Skandal um Russland. Nein, das Gastgeberland selbst wird kritisch betrachtet. Das liegt vor allem am Nachbarn Nordkorea. Nach den Machtspielchen von Kim Jong Un und Donald Trump über die letzten Monate hinweg, war die Lage angespannt und nicht alle wollten nach Südkorea reisen. So auch Felix Neureuther, der vorab angekündigt hatte, dass es durchaus eine Option ist, nicht zu den Spielen zu reisen, da Sicherheit im Vordergrund steht. Seine Verletzung nimmt ihm diese Entscheidung ab.
Auch bei Zuschauer*innen ist Pyeongchang nicht beliebt. Weniger als zehn Prozent der Karten wurden bisher verkauft, knapp einen Monat vor Beginn der Spiele. Annecy oder München, die beiden finalen Mitstreiter um den Ausrichtungsort der Spiele, wären vielleicht hinsichtlich ihrer Nachbarländer sicherer gewesen. Momentan wird die Lage als sicher betrachtet, bleibt zu hoffen, dass sich das bis Februar nicht ändert.
Brisant ist ebenfalls, dass sich einige nordkoreanische Sportler*innen für die Spiele qualifiziert haben und dazu ins verfeindete Nachbarland reisen werden. 2014 war die Krimkrise Grundlage für Diskussionen und Konkurrenz, die über das Sportliche hinausging. Bei den Spielen 2016 in Rio verweigerte ein ägyptischer Judoka seinem israelischen Gegner den Handschlag, der empörte Aufschrei war nicht so laut, wie er hätte sein können. Man hat sich schon daran gewöhnt, dass so etwas passiert. 2018 sind es Sportler*innen aus Nord- und Südkorea, die ähnliche Differenzen zu überwinden haben. Es ist nicht das erste Mal und es wird höchstwahrscheinlich nicht das letzte Mal sein, dass sich Sportler*innen aus verfeindeten Ländern im Wettkampf begegnen. Die Frage ist allerdings, kann man von ihnen erwarten, dass sie für die politischen Differenzen ihrer Länder einstehen? Ist das ihre Aufgabe?
Die heutigen Bedingungen machen es schwer, sich rein auf den Sport zu konzentrieren. Politik wird immer eine Rolle spielen, ob man es will oder nicht. Aber auch wenn es nicht einfach ist, vielleicht tut es gut, die Olympischen Spiele gerade deswegen nicht als politisches, sondern als sportliches Ereignis zu sehen. Natürlich kann und darf man die Politik nicht komplett ignorieren. Aber Sportler*innen sollten nicht als Figuren im politischen Zirkus wahrgenommen werden, sondern für ihre sportlichen Leistungen Anerkennung finden.
Rebecca Bück