Zum Inhalt springen

Rezension: Würzburger Nachtwächter-Tour

Blog

In schwarzer Kutte gekleidet, mit Hellebarde und Horn bewaffnet, zieht er durch die dunklen Gassen der Altstadt. Eine Gefolgschaft von Leuten schlurft ihm hinterher, der Lichtgestalt der Nacht. Sie bildet einen karawanen Kontrast zum Würzburger Nachtleben. „Historischer Feinsinn, derber fränkischer Humor und Würzburger Mundart“, verspricht seine Website, „ein echtes Original der Stadt.“ Der Nachtwächter, wer kennt ihn nicht?

Wir treffen uns um 20 Uhr am Vierröhrenbrunnen. Uns umgibt die abendliche Geschäftigkeit von Würzburg-Downtown: Straßenbahnen donnern, Radfahrer umkurven Fußgänger, der Kupsch verscheucht seine letzten Kunden. Schließlich, vom Dome herab, kommt eine Gestalt aus der Vergangenheit. Quasimodo? Vincent Raven? Die Nachtwache von Bonaventura? Nein, es ist der Nachtwächter in seinem gemütlichen Gang. Wir zahlen 6 Euro, er bläst durch sein Horn, er fränkelt einen ‘raus, das Straßenkabarett beginnt. Wir gehen auf Märchenreise, die Sperrstunde tritt ein, wir werden des Fränkischen mächtig, wir lernen den Plural von „Hund“ („Hünd“). Alles lacht, einstudierte Witze, Ruhe und Autorität. Der Mond geht auf.

Wir sind eine Gruppe von Touristen, 35 Jahre aufwärts. Wir stammen aus Köln, Bremen und Bonn. Wir schlafen im Till Eulenspiegel und sehen die Welt durch die Silvaner-Brille. Wir stehen ein Meter vor dem Nachtwächter und machen ein unvergeßliches Foto. Seine roten Augen grinsen im Lichte des Blitzes.

Die Wolfhartsgasse hinauf, am Penny vorbei, ein Supermarkt in der Traumfahrt durch die Vergangenheit. Wir hören Geschichten, über Willy Popp, Joseph Lindwurm und Ernst Bumm (Legenden der Stadt). Es geht um den Bau der Festung, den Bau der Residenz oder beides zugleich. Häuserfassaden, Kopf im Nacken, Strahlen der Vergangenheit, der Mond scheint hell. Der Witz der Magie, die Magie des Witzes, er beschwört ihn herauf, wir fressen ihm aus der Hand. Es erinnert an Two and a Half Men. Alle lachen, alle.

Der Wanderzug geht weiter, Straße hoch, hinein in die Sterngasse. Wir sehen den Ort einer alten Bäckerszunft. Alles steht noch, außer der Bäckerszunft. Vor unseren Augen backen die Bäcker. Sie atmen Mehl in schneeweißen Kutten. Das Gebäude beherbergt nun Wohnungen, Büros und Spekulationsobjekte. Verbindungsstudenten streifen unsere Gruppe. Flasche hoch, Gruß an den Nachtwächter, Pferdestärken fahren vorbei.

Am Subway entlang, weichstes Brot, dann rechts halten, St. Kilian thront. Kardinal Faulhaber, Marcus Söder, Tilman Riemenschneider, Julius Echter. Er ließ die Steuer auf Bier erlassen, Bayerisches Reinheitsgebot, blau-weißes Bayern, Stern des Südens. Dank ihm das Weizen!

Und endlich ist es 21 Uhr. Die Glocken erklingen, Würzburgs Kirchen singen. Das Horn des Nachtwächters wird zum Abschied geblasen. Er singt uns ein Ständchen, kriegt ein Trinkgeld und wir kaufen sein Nachtwächter-Sachbuch. Wir gehen auseinander, der Nachtwächter verschwindet. Wir kehren ein, in Julius’ Spital.

Cian Hartung