„Semesterticket Theater“ – Top oder Flop?

Eine Theater-Flatrate? Ohne Zusatzkosten in alle Vorstellungen des Stadttheaters? Und dafür nur 2 Euro pro Semester? Aber sicher, her damit!
Oder?
Aktuell verhandeln das Studentenwerk Würzburg und das Mainfranken Theater einen Vertragsentwurf, der ein „Semesterticket Kultur“ ermöglichen soll.
Wir möchten Euch informieren und Euch sowohl Vor- als auch Nachteile aufzeigen.
Die Fakten:
- jeder Studierende bezahlt obligatorisch 2 Euro mehr pro Semester
- das Mainfranken Theater hält bei seinen Veranstaltungen mindestens 5% des Ticketkontingents für Studierende bereit, das wären im Jahr um die 9000 Tickets, pro Vorstellung 38 Stück
- diese Tickets sind für Studierende kostenfrei zu reservieren
- Rechenbeispiel:
bei 35.831 Studierenden aller drei Hochschulen (WS 16/17) x 2 Euro/Semester = 143.324 Euro/Jahr. Das bedeutet: das Mainfranken Theater erhält vom Studentenwerk einen Fixbetrag von circa 140.000 Euro pro Jahr, unabhängig von den tatsächlich verkauften Eintrittskarten - daraus folgt: ein Ticket „kostet“ somit um die 15 Euro
- aktuell gibt es ermäßigte Karten für Studierende zum Preis von 6 Euro bzw. kostenlosen Eintritt für Erstsemester
Der Gedanke dahinter:
Jedem Studierenden soll die Möglichkeit geboten werden das Theater günstig zu besuchen. Dadurch erhoffen sich Initiatoren, Studentenwerk und Mainfranken Theater mehr junge Menschen für die Theaterkultur begeistern zu können.
Markus Trabusch, Intendant des Mainfranken Theaters, erläutert das Stadttheater möchte seinen „Bildungsauftrag ernst nehmen“ und mit Hilfe des Theatertickets „mögliche Barrieren abbauen“.
Studentischer Initiator des Projektes ist Stephan Hemmerich. Bereits seit zwei Jahren arbeiten Hemmerich, sowie weitere Studierende der drei Würzburger Hochschulen mit dem Mainfranken Theater an einem Entwurf fairer Rahmenbedingungen.
Die Petition „Lust auf Theater“ unterzeichneten derzeit circa 5000 Studierende (Stand: 27.12.2017). Die Idee scheint großen Anklang zu finden. Die Unterzeichner*innen halten die Initiative für „sehr wichtig“ und sehen darin eine „Stärkung des kulturellen Angebots“ auch für „den kleinen Geldbeutel“.
Stellungnahme des Studentenwerks Würzburg:
Das Projekt wurde in einer Stellungnahme des Studentenwerks Würzburg zunächst kritisch kommentiert. Es heißt: „durch das Theaterticket rückt nur das Mainfrankentheater in den Vordergrund“. Es gebe jedoch weitaus mehr kulturelle Angebote, die für Studierende interessant wären.
Am 06. Dezember 2017 erklärte die Geschäftsführung dann den Beschluss zum „Semesterticket Theater“ und stimmt somit ersten Gesprächen zu Vertragsentwürfen mit dem Mainfranken Theater zu.
Kritik:
Es gibt jedoch auch kritische Stimmen. Wie bereits vom Studentenwerk geäußert, bestehen Bedenken. Wenn nur 38 Plätze pro Vorstellung für Studierende freigehalten werden, dann ist das doch gar nicht ausreichend? Die Initiatoren argumentieren, dass das Theater meist nur zu 75% ausgelastet sei, es somit noch unverkaufte Tickets gäbe, die Studierenden zur Verfügung gestellt werden könnten. Was wenn ich kein Interesse an Theater habe oder gar nicht in Würzburg wohne? Man könnte das Ticket als eine Art „Solidaritätsbeitrag“ sehen, der diejenigen unterstützt, die das Ticket tatsächlich nutzen möchten und Unentschlossenen die Möglichkeit bietet, Theater zu entdecken.
Aus ökonomischer Sicht würde dem Mainfranken Theater ein Wettbewerbsvorteil verschafft. Auch die Würzburger Jungen Liberalen sprechen sich gegen die Theaterflatrate aus: „einzelne Kulturschaffende“ würden dadurch „unverhältnismäßig bevorzugt“.
„Kultur ist nicht gleich Stadttheater!“
Eine Illustration der IG Freie Theater, die ihre Kritik verbildlichen soll.
Illustration by ps:ag
Wenn nun jeder Studierende die Veranstaltungen des Mainfranken Theaters fast kostenfrei besuchen kann, leiden dann nicht die kleinen Theater darunter?
Aus gegebenem Anlass haben sich neun freie Theater aus Würzburg zu einer Interessensgemeinschaft zusammengeschlossen.
„Gemeinsam hoffen wir, das Semesterticket Kultur verhindern zu können. Notfalls stellen wir uns mit Plakaten vor das Mainfranken Theater, um zu protestieren“, so Andreas Büettner vom Theater Ensemble.
Folgende Bühnen sind in der „IG Freie Theater“ vertreten: das Theater Chambinzky, TheaterWerkstatt, Theater Ensemble, Theater am Neunerplatz, Bockshorn, tanzSpeicher, Theater Kasperhaus, Plastisches Theater Hobbit und das Theater Spielberg.
Ich habe zum Thema ein Interview mit Csaba Béke (Chambinsky), Jutta Schmitt (Plastisches Theater Hobbit) und Andreas Büettner (Theater Ensemble) geführt.
Jutta Schmitt erklärt, Würzburg sei eine der Städte mit der höchsten Dichte an freien Theatern. Würden diese kaum mehr besucht werden, ginge ein Großteil der kulturellen Vielfalt der Stadt verloren. Die kleineren Theater sehen ihre Existenz bedroht und befürchten durch die Flatrate eine „Verramschung von Kultur“. Vom geplanten Projekt hatten sie erst aus der Presse erfahren.
Eines der Probleme: das Mainfranken Theater ist in öffentlicher Hand, also subventioniert, somit kann es ohnehin vergünstigte Preise für Studierenden anbieten. Die kleinen Theater allerdings, die „mit jedem Cent rechnen müssen“, haben es deutlich schwerer bei diesem Angebot mitzuziehen. Andreas Büettner verdeutlicht, das Publikum bestehe zu 25 bis 50% aus Studierenden. Ein Großteil der Besucher würde mit dem Theaterticket vermutlich wegfallen, so die Angst der freien Theater. Wer möchte schon für Theater bezahlen, wenn er auch kostenfrei in Vorstellungen gehen kann?
Mittlerweile befindet sich die IG in Gesprächen mit allen Beteiligten. Es gab bereits eigene Pressekonferenzen, Gespräche mit der Stadt und dem Mainfranken Theater. Wichtig ist ihnen vor allem, Aufmerksamkeit zu erregen, um den Blick auch auf die negativen Seiten zu lenken. „Es gibt sogar eine Gegenpetition. Diese wurde übrigens nicht von uns initiiert“, erzählt Csaba Béke. Die Petition „NEIN zum Zwangsticket Mainfranken Theater“ unterschrieben derzeit circa 200 Würzburger Studierende (Stand: 27.12.2017). Begründungen der Unterzeichner*innen: das Mainfranken Theater erhielte einen „unzulässigen Vorteil“ oder schlicht der Widerwille für etwas zu zahlen, „was ich eh nicht nutze“.
Der Argumentation, die kleinen Theater verfügten nicht über die Kapazitäten so viele Studierende unterzubringen, entgegnen Béke und Büettner: „Wir haben zusammen mehr Plätze als das Mainfranken Theater und doppelt so viele Vorstellungen! Und zwar alleine bezogen aufs Schauspiel“.
Doch was wäre die Optimallösung? Ein Semesterticket Theater inklusive aller Kulturträger Würzburgs oder lieber nichts dergleichen? Csaba Béke erklärt, dass er ein Theaterticket lieber ganz verhindern möchte. Das Problem: „Wo sind die Grenzen?“ Ein Theater in Gerbrunn, das zum Kreis, jedoch nicht zur Stadt Würzburg gehöre, wäre nicht im Semesterticket inbegriffen. Gerbrunn befinde sich aber in unmittelbarer Campusnähe und ein Theater dort würde somit benachteiligt. „Das wäre auch nicht fair, das würde ich auch für andere nicht wollen“, so Béke. Eine Utopie: ein Mainfranken-Kulturticket. Doch selbst hier gäbe es noch das Problem der Grenzen.
Fazit:
Das Semesterticket Theater bietet Studierenden die Möglichkeit kostengünstig die Vorstellungen des Stadttheaters zu besuchen. Der Gedanke, den Theaterbesuch für alle zugänglich zu machen und junge Menschen für Theater zu begeistern ist definitiv wichtig. Eine Art von „Soli“ hierfür? Jeder zahlt, nur ein paar nehmen die Leistungen tatsächlich in Anspruch. Bedenkt man, dass jeder Studierende das Ticket der WVV mitträgt, auch wenn er es nicht nutzt, scheint dies im Rahmen. Allerdings wird neben der allgemeinen Begeisterung oft etwas vergessen, dass erst nach kurzer Reflexion ins Auge sticht: das Ticket gilt nur für einen einzigen Kulturträger.
Ein solches Theaterticket muss für alle Beteiligten fair sein, darf den freien Wettbewerb nicht einschränken und sollte die kulturelle Vielfalt erhalten.
Insgesamt handelt es sich prinzipiell um eine sehr gute Idee, allerdings darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es durchaus Schattenseiten gibt. Es gibt eben weitaus mehr Kultur als nur das Stadttheater!
Franziska Koller
Bildquelle:
Infografik der Facebookseite „Semesterticket Theater Würzburg“
https://www.facebook.com/SemesterticktetTheaterWue/