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#travelgram: Reisen in Zeiten von Instagram und Airbnb

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Wieso es wichtig ist, Reisen kritisch zu hinterfragen und es wieder als erlebte Erfahrung für unser eigenes Bewusstsein zu beanspruchen

Reisen erweitert den Horizont. Reisen bedeutet, seine Grenzen auszuweiten und neues auszuprobieren. Klischeehaft gesprochen: in Italien Pasta, am Pariser Eiffelturm Croissants mit Konfitüre und in England British Breakfast mit Bohnen auf Toast zu essen. Das Kolosseum, den Triumphbogen und Big Ben anzuschauen und davor instagramtauglich zu posieren. Oder man setzt sich gleich in einen der roten Doppeldecker-Busse, die auch außerhalb Londons schon lange existieren. Sightseeing-Tourismus ist nicht nur ein Phänomen in Metropolen, schließlich kann man sogar in Würzburg mit der kleinen karmesinroten Bimmelbahn durch die Stadt und auf die Festung hochfahren, ohne selber einen Schritt auf Würzburger Boden gesetzt zu haben.

Ursprünglich kommt das Wort ‚Reisen‘ vom althochdeutschen Wort reisa, was so viel bedeutete wie „Aufbruch“ oder „Sich-Aufmachen“. In der Antike und im Mittelalter waren Reisende überwiegend Wallfahrer, für die mühsames Pilgern sowohl körperlich als auch geistig einiges abverlangte. Erst nach der Industriellen Revolution begann man um des puren Selbstzwecks willen zu reisen, was schließlich in unserem Verständnis von ‚Tourismus‘ mündete.

Durch Billigflüge und Hotelvergleichs-Portale ist Reisen zugänglicher geworden. Während man dann auf kurzen City-Trips durch die Fußgängerzonen in Barcelona, London oder Budapest schlendert, wird man überall von bunten, bilderreichen Speisekarten-Aufstellern erschlagen oder sogar direkt von der neuen Generation Marktschreiern bedrängt: „Pasta, good pizza and red wine.“ Typisch für Barcelona . . . oder nicht?

Eigentlich ist es ganz natürlich, dass diese Hotspots auf die Massen an Touristen reagieren und ihnen das bieten, was sie als typisch für die Landeskultur erwarten. In Spanien also zum Beispiel Paella serviert zu bekommen oder Flamenco-Tänzer zu beobachten. Dabei liegt beispielsweise Barcelona in Katalonien und hat mit andalusischer Kultur so viel wie Würzburg mit dem Oktoberfest und dem Dirndl zu tun. Trotzdem ist es nicht unwahrscheinlich, dass einem in Barcelona Paella angeboten wird, denn verständlicherweise wollen Einheimische auch nur Geld verdienen. Letztendlich kann das zur Erzeugung einer Monokultur führen, wobei dann lokale Traditionen mehr als Show für Touristen inszeniert werden.

„Wer sich wirklich nur entspannen und an den Strand legen will, der kann ja auch an die Ostsee fahren und muss nicht nach Thailand fliegen.“ In einem gewissen Ausmaß stimmt das wohl und wenn jemand pure Erholung durch Nichtstun sucht, könnte der Weg nach Norddeutschland oder der nächste Baggersee nicht wirklich völlig seinen Zweck erfüllen? Immerhin spart man so nebenbei vermutlich mehrere hundert Euro, einiges an Reisestress und kann das Shampoo ohne Probleme in der 1-Liter-Version mitnehmen. In der Hinsicht ist Reisen aufwendig, strapaziös, mithin teurer als daheim zu bleiben und nicht wirklich nachhaltig für die Umwelt oder die Bevölkerung vor Ort. Natürlich gibt es Möglichkeiten, die negativen ökologischen Nebeneffekte von zwei Wochen Strandurlaub möglichst zu reduzieren, aber letztlich sollte man doch einmal innehalten und sich fragen, ob es das wert ist.

Ich will damit absolut nicht diese Art von Reisen verurteilen und raten, lieber auf der Couch zu bleiben und sich YouTube-Videos über die Bahamas anzuschauen. Es scheint nur, als ob Reisen ein weiterer Lebensbereich wäre, der entgegen der Selbstvermarktung auf Instagram und der allumfassenden Kommerzialisierung bewusst gelebt werden muss, damit wir wirklich die Vorteile des Erlebens genießen können. Es gibt die Möglichkeit, authentisch andere Kulturkreise kennenzulernen und über seine Grenzen hinauszugehen, vielleicht sogar kleine Abenteuer zu erleben, indem man sich bewusst abseits von Sightseeing-Routen und -orten hält. Das erfordert allerdings die gezielte Abgrenzung von dem, was wir im Vorfeld zu wissen glauben, um diese Erfahrung wieder ausschließlich für sich selbst zu beanspruchen. Ansonsten passiert es, dass wir an einen neuen Ort reisen, von dem wir schon klare, sehr bunte und perfekt retuschierte Bilder gesehen haben. Wie soll da noch die Realität mithalten? Eigentlich kann darauf nur bittere Enttäuschung folgen. Sollte man dennoch das Handy herausholen und „schöne Bilder“ machen? Wird es dann authentischer, wenn man #paris #travelgram daruntersetzt?

Ein negativer Nebeneffekt davon, dass Reisen einfacher und billiger geworden ist, besteht auch in dem wahnsinnigen Druck, den diese endlosen Möglichkeiten ausüben können. Mittlerweile scheint es fast normal im Lebenslauf, ein Auslandssemester vorzeigen oder sogar bereits unter der Rubrik Schulbildung ein High School-Jahr in den USA auflisten zu können.

Dabei finde ich es wichtig, die ursprüngliche Bedeutung des „Reisens“ hochzuhalten und sich dafür auch selbst herauszufordern. Insofern reicht es ja schon, als Stadtkind aufs Land zu fahren, um einen anderen Lebensstil kennenzulernen. Sich mit einer vorher unbekannten Landschaft, Menschen und Kultur vertraut zu machen, trägt im Kleinen zur Verständigung und dadurch auch zu (inter-)nationalen Beziehungen bei. Das ersetzt vielleicht nicht politische Zusammenarbeit, aber als Heilmittel gegen Vorurteile oder Ignoranz ist persönlicher Kontakt unanfechtbar. Wenn Reisen vor allem im Kopf stattfindet – dort beginnt und endet – können vielleicht aus Urlaubseindrücken positive Veränderungen entstehen.
Für meine 74-jährige Oma bedeutet das, allein eine Busreise durch England zu buchen. „Weil ich da noch nie war“, meinte sie. Und diese Motivation finde ich irgendwie bewundernswert.

Anna-Sophie Humer-Hager