Chile ist aufgewacht

Proteste in Chile 2019: ein Protokoll aus dem Auslandssemester
Dienstag, 22.10. Ich sitze auf dem Rasen vor meiner WG in der Frühlingssonne (dank Ozonloch ziemlich stark) und blicke durch die Umzäunung unseres Apartmentblocks auf Viña del Mar hinunter, das nun seit drei Monaten mein Zuhause ist. Viña ist ein friedlicher Badeort mit 333.000 Einwohnern zwischen der Landeshauptstadt Santiago de Chile und Touristenziel Valparaíso. Momentan müsste ich eigentlich in der Uni sein, heute sind meine Kurse aber nebensächlich: Seit dem Wochenende herrscht in Chile wegen Protesten Ausnahmezustand inklusive nächtlicher Ausgangssperren – heute von 18-6 Uhr. Noch liegt die Stadt ruhig unter mir; eine typische kalte Brise bringt den Geruch des Meeres mit sich. Nur das Bellen der Straßenhunde, das ich mittlerweile gewohnt bin, klingt nervöser als sonst. Jetzt, um halb sechs, beginnen die sogenannten cacerolazos mit ihrem rhythmischen tock-tock-tocktock-tock, eine lautstarke Protestform, bei der durch Trommeln auf Töpfe und Pfannen selbst vom Hochhaus aus Solidarität mit denjenigen bekundet wird, die während des kollektiven Hausarrests auf die Straße gehen. Polizeiwagen und Militärfahrzeuge fahren durch die Stadt, während Demonstrierende unbeeindruckt Blockaden aus brennenden Kartons und Ästen errichten. Neben friedlichen Märschen gibt es Plünderungen und gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Mehrheit der Protestierenden ist allerdings höchstens mit Plakaten und Töpfen bewaffnet, während Präsident Sebastian Piñera Panzer dagegen einsetzt.
Wie unter anderem bei der Tagesschau zu sehen, war der Auslöser der Unruhen eine Preiserhöhung in Santiagos Metro von 800 auf 830 Pesos, umgerechnet vier Cent. Nachdem Studierende zur massenhaften evasión (Schwarzfahren)[1] aufriefen, wird seit dem 19. Oktober im ganzen Land protestiert. Doch diese Erhöhung von 30 Pesos war lediglich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Die Protestierenden tragen Schilder: „No son 30 pesos, son 30 años“ – es geht nicht um vier Cent, sondern um die letzten 30 Jahre. Damit meinen sie die Phase der Demokratisierung nach der Diktatur unter Augusto Pinochet, wobei die cacerolazos schon länger das Elend Chiles beklagen. Ursprünglich sind sie eine konservative Waffe aus der Zeit des ersten demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten der Welt: Salvador Allende. Oppositionelle schlugen auf leere Töpfe, um sich über Nahrungsmittelengpässe zu beschweren. Allende wurde 1973 durch einen Staatsstreich der Militärjunta um Pinochet abgesetzt. Es folgten 17 Jahre Unterdrückung und Menschenrechtsverletzungen[2] – und gleichzeitig der ökonomische Aufstieg Chiles als Wirtschaftswunder Südamerikas. Nach den Ideen der sogenannten Chicago Boys[3] wurde der Neoliberalismus eingeführt: Renten- und Gesundheitssystem, selbst das Wasser wurde privatisiert. Der Aufschwung kam, aber nur für wenige: Die soziale Ungleichheit ist heute groß. Die Konsequenzen beklagen nun junge Menschen, die nach der Diktatur geboren wurden und genug davon haben, die Schuld (je nach politischer Einstellung) Pinochet oder Allende zuzuweisen. Sie ziehen die Regierungen seit 1990 in die Verantwortung, die viele Probleme im Prozess der Demokratisierung ungelöst ließen. Die Bewegung vereint diverse politische Überzeugungen: Man schwenkt Mapuche-, Regenbogen- und Chile-Flaggen, eine Fridays-for-Future-Gruppe ist dabei. Man singt Protestlieder aus den Siebzigern und Achtzigern. Piñeras Ausrufung des Ausnahmezustands ist nur durch die Verfassung möglich, die wie das Wirtschaftssystem noch aus Pinochets Zeit stammt – die Militärpräsenz muss für die ältere Generation wie ein Schatten der Vergangenheit wirken.
Montag, 28.10. Der zehntägige Ausnahmezustand wird heute beendet, und die Uni beginnt wieder – allerdings nur für Nichtmuttersprachler*innen, die Extra-Kurse unabhängig von den Chilenen*innen belegen. Wie das Semester für meine mexikanischen Mitbewohnerinnen enden wird, bleibt unsicher. Inzwischen hat sich die Lage etwas normalisiert, sodass man wieder einkaufen kann ohne vor dem Supermarkt Schlange zu stehen. Wir treffen uns bei einer Podiumsdiskussion dreier Professoren in der Universität. Während uns bisher von den Verantwortlichen die Teilnahme an Demos schlichtweg verboten wurde, nehmen die drei eine überraschend positive Haltung zur Situation ein – mein Geschichtsprofessor spricht sogar vom „Privileg, diese historische Zeit mitzuerleben“. Die internationalen Studierenden sind sich trotzdem uneins, ob man als Ausländer*in bei Protesten nichts verloren hat, oder die Kommilitonen*innen unterstützen sollte. Diese debattieren offline und online über die Situation, über die Notwendigkeit von Gewalt, über Polizeibrutalität. Chile galt lange als sicher, ruhig, europäisch – das ist es für diejenigen, die es sich leisten können.
Bei den Märschen wird dignidad, Würde, für alle gefordert: eine neue Verfassung ohne Pinochets Schatten, Piñeras Rücktritt, ein neues Rentensystem, billigere Medikamente und höhere Löhne. In Chile beträgt der Mindestlohn 301.000 CLP (ca. 360 €), während die Lebenshaltungskosten mit Deutschland vergleichbar sind. Dabei leben 50% der Menschen von weniger als 500 Euro im Monat. Wenn man ein bisschen rechnet wie der Wissenschaftler Scott Reynhout[4], ergibt sich beispielsweise: Fährt jemand zweimal täglich mit der Metro zur Arbeit, gibt diese Person ein Sechstel des Mindestlohns für Transport aus. Zum Vergleich: In New York sind es fünf Prozent. Der Unmut der Bevölkerung wird verstärkt durch das Unverständnis der politischen Elite gegenüber ihrer Empörung. Die Rhetorik Piñeras „Estamos en guerra“ und sein hartes Durchgreifen tragen zur Eskalation in Plünderungen und Vandalismus bei. Währenddessen vergleicht seine Frau die Proteste in einem publik gewordenen Audio mit einer „Alien-Invasion“ – mittlerweile hat sie sich entschuldigt; Protestierende verkleiden sich jetzt als Außerirdische. Eine Reaktion des Wirtschaftsministers Fontaine sorgt ebenfalls für einen Aufschrei: Metronutzer*innen sollen ihm zufolge einfach eine halbe Stunde früher aufzustehen, um den billigeren Tarif der Morgenstunden zu nutzen. So bizarr diese Aussagen scheinen, zeigen sie doch die Entfremdung einer politischen Elite von der Allgemeinheit.
Montag, 04.11. Update. Heute gibt es in Viña ein Erdbeben und man nimmt’s mit Humor: Vielleicht bebe die Erde ja wegen der hüpfenden Protestierenden. „Wer nicht hüpft, der ist für Kohle“ heißt hier nämlich: „él que no salta es paco“ – wer nicht hüpft, ist Polizist. Beschwerden über die Verbrechen der carabineros werden immer lauter: Man spricht von mehreren Toten, Misshandlungen, einige haben durch Gummigeschosse Augen verloren. Auf mich als Europäerin wirkt schon der ständige Einsatz von Tränengas und Wasserwerfern übertrieben. Letzte Woche hat Piñera mehrere Minister entlassen und die Weltklimakonferenz in Santiago abgesagt. Trotz allem schließen sich immer mehr Menschen den Protesten an: Minenarbeiter*innen, Ärzte*innen, selbst mein Dozent ist dabei. Am Samstag fand in Santiago mit 1,2 Millionen Teilnehmern die größte Demonstration seit 1990 statt. Mittwoch, 13.11. Während die Proteste andauern, endet hier meine Berichterstattung. Gestern wurde zum paro nacional, Generalstreik, aufgerufen: Wieder fielen Kurse aus, weil keine Busse fuhren; in Viña gab es Demos, Straßensperren und Ausschreitungen. Heute Morgen auf dem Weg zur Uni hängt noch hartnäckig der Geruch des Tränengases in der Luft, frisst sich in die Schleimhäute der Passanten*innen und ist Gesprächsthema Nummer Eins. Die Empanada-Verkäuferin meint nur gleichmütig, gestern hätten sie wohl „was extra Starkes“ benutzt und fragt, ob ich denn nicht zurück will nach Deutschland. Ein Gericht in Santiago hat vergangene Woche eine Klage wegen Menschenrechtsverstößen gegen Piñera zugelassen. Wenn man sieht, was sich die Menschen hier fast täglich auf der Straße antun, ist klar, dass die jüngste Erhöhung des Mindestlohns um etwa 55 Euro nicht reicht, um die Protestierenden zu besänftigen. Viele chilenischen Medien, zum Großteil Eigentum der Oberschicht, berichten währenddessen recht einseitig, was leider oft in Deutschland übernommen wird. Dieser Bericht kann und will ebenso wenig „objektiv“ sein, aber einen neuen Blickwinkel auf die weniger bekannten Aspekte des Geschehens ermöglichen. Wie es weitergeht, bleibt abzuwarten.

Veronika Erl
[1] Das spanische evasión heißt auch Steuerhinterziehung – die der Präsident jahrelang selbst betrieben hat. Piñera ist einer der reichsten Männer des Landes. Vgl. https://www.scottareynhout.com/blog/2019/10/20/ the-recent-historical-background-to-the-2019-chilean-protests-nye5s.
[2] Man ließ (vermeintliche) Dissidenten verschwinden, foltern und ermorden; Angehörige von desaparecidos suchen bis heute nach den Überresten ihrer Angehörigen, z.B. zu sehen in der Doku „Nostalgia for the Light“ (2010) von Patricio Guzmán.
[3] Filmtipps dazu: Carola Fuentes: „Chicago Boys“ (2015), Naomi Klein: „Shock Doctrine“ (2009).
[4] Auf der Website scottareynhout.com erklärt Reynhout, ein in Chile lebender Geologe aus den USA, anschaulich und vor allem auf Englisch historische Zusammenhänge der aktuellen Lage. Hier kann man mehr über die Forderungen nachlesen.