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Handy off, Kamera on

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Bei verschiedenen Anlässen ist mir in letzter Zeit aufgefallen, wie gut es tun kann, das Handy einfach mal beiseite zu legen und bei Bedarf Fotos mit der guten alten Digitalkamera zu machen. Fast den ganzen Tag sind wir mittlerweile online, erreichbar oder tragen das Smartphone irgendwo dicht an unserem Körper. Wir liken, teilen und tippen. Ohne diese kleine, flache Scheibe irgendwohin zu gehen, erscheint uns absurd und undenkbar. Es könnte doch etwas passieren oder wir verpassen den neuesten Klatsch in irgendeiner WhatsApp-Gruppe. Und sollte der ganze Abend nicht lieber auf Instagram dokumentiert werden? Ganz nach dem Prinzip: Es ist nicht passiert, wenn es nicht gepostet wurde.

Ich persönlich schließe mich da nicht aus. Dass ich definitiv was an meinem eigenen Handykonsum ändern muss, ist mir erst aufgefallen, als eine Freundin von mir immer häufiger bei gemeinsamen Unternehmungen ihr Handy rauskramte, wir eine geschätzte Millionen Fotos schießen mussten und ich es immer mehr als störend empfand. Es ging immer eine Menge Zeit verloren und wenn ich ehrlich bin, hat mir kein einziges Bild gefallen, weil alles so furchtbar gestellt aussah. Weil ich persönlich bei so etwas eher radikal vorgehe, als es mir wochenlang vorzunehmen und dann doch nicht zu tun, ließ ich das Handy bei zukünftigen Anlässen ausgeschaltet in meiner Tasche und hielt mich für Fotos an meine gute alte Kamera. 

Folgendes ist mir dabei aufgefallen: Es war ein fast erleichterndes Gefühl, nicht ständig das Smartphone in der Hand zu haben, um den perfekten Moment einzufangen, im nächsten Moment irgendeinen Filter plus witzige GIF-Karikatur und Ortsangabe auszuwählen und zwei Sekunden später alles schon in die große, weite Internetwelt hinauszuschicken. 

Die wenigen Schnappschüsse mit der Kamera sind echt und witzig geworden. Die Betonung liegt auf Schnappschuss, denn wenn ich mir die Bilder jetzt ansehe, ist wahrscheinlich kein einziges ,,insta-tauglich‘‘, sondern viel mehr eine schöne und lustige Erinnerung. 

Echtes Lachen, verdrehte Posen und eine nicht vorhandene Schärfe, die ihresgleichen sucht. Und sie gefallen mir tausendmal besser als jedes perfekte Bild. Beim Durchsehen habe ich mich gefragt, warum wir alle so ausgelassen aussehen und warum das auf Fotos, die wir mit dem Handy machen, meistens nicht so gut rüberkommt. Ich glaube, dass es gerade darum geht. Wir fotografieren mittlerweile viel mit dem Handy. So verlockend das Angebot einer Handykamera mit all ihren Vorzügen ist, desto angespannter scheinen Leute vor der Handykamera aber auch zu sein. Vielleicht ist uns unterschwellig bewusst, dass jedes mit dem Handy aufgenommene Bild quasi in Millisekunden online mit der ganzen Welt geteilt werden kann oder jahrelang in irgendeiner Cloud rumhängt. Für das Handy und die Welt posen wir gerne. Für eine in die Jahre gekommene Digitalkamera heben wir uns den Spaß auf, denn da ist der Aufwand des Veröffentlichens einfach ein bisschen zu groß. Spätestens seit dem Polaroid-Hype ist uns allen bewusst, wie sehr wir den Wert eines guten Fotos durch die mittlerweile hervorragenden Handykameras verloren haben. Oh, da ist mein linkes Auge geschlossen und habe ich da etwa ein Doppelkinn? Lieber noch eins machen! Oder zehn. Mit dem Handy ist das möglich und dazu noch qualitativ hochwertig. Schnelle Fotografie, die jedoch leider genauso schnell wieder in Vergessenheit gerät. Vielleicht scheint gerade deswegen ein Polaroidbild, dessen Qualität zwar zu wünschen lässt, aber trotzdem einfach etwas Besonderes ist, ein Gefühl von Nostalgie in uns zu wecken. Möglicherweise beruhigt uns das feste Fotopapier auch einfach in einer immer schnelleren, digitalisierten Welt. 

Und vielleicht ist gerade das ein Grund dafür, das Handy einfach mal beiseite zu legen und den Moment zu genießen und ab und zu mal wieder ein Foto mit einer richtigen Kamera zu schießen.  

Elisabeth Nötzel