„Internet, du alter Influencer“


Die digitalen Medien als Meinungsmacher – eine kurze Analyse und Anregung zur Debatte
50 Minuten – so lange ging das Video „Die Zerstörung der CDU“ des YouTubers Rezo. Über 15 Millionen Aufrufe darf das selbst proklamierte Vernichtungsstück verbuchen. Und ein nicht zu verachtender Großteil der Aufrufer wird das Video zu Ende gesehen haben. Ein Wunder in einer Zeit, in der auf die Frage „Kennst du den Film XY?“ die Antwort „Ich habe den Trailer gesehen“ als Ja durchaus durchgeht.
Die Politik antwortet mit angedrohter Zensur und peinlicher Spiegeltechnik. „Rezo, du alter Zerstörer“, so soll das niemals veröffentlichte Antwortvideo des Jungpolitikers Philipp Amthor laut eigener Aussage begonnen haben. Hätte sich Amthor die Haare blau gefärbt, es wäre nicht weniger schlagkräftig gewesen.
Allgemein antwortet die Volkspartei mit Hilf- und Ratlosigkeit auf den digitalen Angriff, lässt sich viel zu viel Zeit mit ihrer Antwort, welche schließlich in einem Statement der CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauers gipfelt.
Auch wenn sie zunächst Selbstkritik an der eigenen Reaktionsschnelligkeit ihrer Partei übt und Fehler einräumt, so wirft sie dem YouTuber digitale „Meinungsmache vor der Wahl“ vor. Es stimmt, dass das Video gut platziert ist vor der Europawahl und dabei mehr Aufmerksamkeit und Reichweite schafft als jedes Imagevideo der zur Wahl stehenden Parteien zusammengenommen. Und auch kein Zeitungsartikel oder -beitrag aus journalistischer Feder kann zumindest bei der jungen Zielgruppe mithalten. Aber so funktionieren Medien, nicht nur die digitalen: je mehr persönliche und zeitliche Relevanz, desto größer das Interesse.
Die CDU-Chefin vergleicht den Aufruf Rezos und der zu dem Zeitpunkt der Antwort sich dem Aufruf angeschlossenen 70 weiteren YouTuber mit der analogen Vereinigung von 70 Zeitungsredaktionen, sich der Tatsache wohl bewusst, dass das Selbstverständnis der deutschen Journalisten Überparteilichkeit als Common Sense etabliert. Dabei verkauft sie das Image der Zeitungen als „glaubwürdiges“ Medium gegenüber den digitalen Plattformen, völlig außer Acht lassend, dass der „Berufsstand“ des Journalisten nicht an sein Medium und dessen Relevanz für die Meinungsbildung nicht an die Reichweite gebunden ist.
Einmal davon abgesehen, dass die in Artikel 5 im Grundgesetz verankerte Meinungs- und Pressefreiheit eben jenen fiktiven 70 Zeitungsreaktionen dieses Recht einräumt: Sich gemeinsam einer Meinung zu einer Partei negativ zu äußern, wenn es unabhängig von einer staatlichen Regulierung oder übergewaltlichen Steuerung passiert.
Kramp-Karrenbauer zieht aus diesem Vergleich jedoch die Legitimation, Rezos Video als „Meinungsmache“ abzutun und denkt daher ernsthaft über Konsequenzen nach:
„Was sind Regeln aus dem analogen Bereich und welche Regeln gelten auch für den digitalen Bereich? (…) eine sehr grundlegende Frage über die wir uns unterhalten werden, nicht nur in der CDU, sondern in der ganzen medienpolitischen und auch demokratietheoretischen Diskussion der nächsten Zeit. Und deswegen werden wir diese Diskussion auch sehr offensiv angehen.“
Wer zwischen den Zeilen lesen kann, hört hier sehr viel Regulationswunsch und -drang heraus. Und damit einhergehend Gesetzesänderungen. Was hat nun aber Annegret Kramp-Karrenbauer vor, wenn sie von einer Regulation spricht?
Auch wenn die Europawahl schon wieder fast einen Monat zurückliegt und die Aufmerksamkeit der Medien sich längst auf die nächste CDU-Frau stürzt, so hat Annegret Kramp-Karrenbauer, wenn auch aus den falschen und egoistischen Gründen, einen Punkt angesprochen, der von größter Relevanz für die heutige Gesellschaft ist und sein wird:
Das Feld der Meinungsbildung ist schon lange nicht mehr nur auf die (vom Land regulierte) Schulbildung und die Presse als Vierte Gewalt und anerkannte Kontrolleinheit der Demokratie beschränkt.
Die digitalen Medien und insbesondere das Internet schaffen einen Raum, in dem jeder zum potentiellen Meinungsmacher wird. Ob Freunde, Schauspieler oder Unternehmen, alles verschwimmt zu einer potentiellen Quelle von beeinflussendem Gedankengut, verstärkt durch die soziale Macht der psychologischen Wirksamkeit von Likes und dem Gefühl des Gesehenwerdens. Länder- und Gesellschaftsgrenzen überschreitend.
Nun ist das Internet mittlerweile schon länger nicht mehr der vogelfreie Raum, als den es sich selbst einmal verstanden hat und muss sich wohl oder übel gesellschaftlichen und kapitalistischen Normen fügen:
Einmal durch die Politik selbst, wie kürzlich die Debatte zu Artikel 13 der EU-Urheberrechtsreform zeigt und einmal durch die großen Internet-Unternehmen, die entscheiden, was wir im Internet sehen:
Nicht umsonst gibt es den makaberen Spruch: Wenn du eine Leiche verstecken möchtest, dann tue das am besten auf Seite Zwei der Google-Suche.
Dasselbe gilt insbesondere für die sozialen Medien: Spiele nach deren Regeln und du wirst gesehen oder auch nicht.
Als Beispiel ist Rezo selbst anzuführen: Nicht umsonst heißt sein Video „Die Zerstörung der CDU“ und nicht „Verbesserungsvorschläge für eine Umstrukturierung der Politik der Christlich-Demokratischen Union“.
Nun kann an dieser Stelle die Frage nach einer möglichen Regulation seitens der Politik gestellt werden: Wie kann die Politik hier ansetzen, um solche, bestimmte Informationen bevorzugenden und einseitig lenkenden Mechanismen, zu regulieren?
Die Antwort klingt so einfach wie banal: Auf Augenhöhe unterwegs sein, selbst lernen mit den digitalen Medien umzugehen, indem Experten befragt werden, die wissen wie das Internet und dessen Technologien ticken. Und dann darf gerne auch reguliert werden, was reguliert werden muss, um das Internet einen Ort sein zu lassen, in dem Demokratie und Meinungsfreiheit zu ihrer ureigenen Form finden, indem wirklich jeder zu Wort kommen und gehört werden kann.
Viktoria Horn