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Interview mit “Fridays For Future”-Würzburg

Blog

vom 13.05.2019

Seit Monaten erregen tausende Schülerinnen und Schüler wöchentlich Aufmerksamkeit mit Schulstreiks unter dem Namen „Fridays For Future“. Sie demonstrieren für eine bessere Klimapolitik und wollen auf den Umweltschutz aufmerksam machen. Wir vom Sprachrohr haben uns mit der 16-jährigen Olivia getroffen. Sie geht in die zehnte Klasse des Siebold-Gymnasiums in Würzburg und ist eine der Koordinator*innen der Fridays For Future-Bewegung in Würzburg. Mit dem offiziellen Instagram-Account von FFF-Würzburg hält Olivia Interessierte bezüglich wöchentlicher Treffen auf dem Laufenden. Die Treffen sind offen gestaltet, jeder kann vorbeikommen und eigene Ideen einbringen. Wofür sich Fridays For Future eigentlich genau einsetzt und was wir alle für die Umwelt tun können, erzählt sie uns in diesem Interview. 

Sprachrohr: „Wie lange machst du schon bei Fridays For Future mit?“ 

Olivia: „Dieses Jahr im Januar war der erste Streik. Vorher war ich schon bei einem offenen Bastel-Treffen dabei, da konnte man einfach dazu kommen. Ich hatte vorher schon die Idee, in die Richtung etwas zu unternehmen, aber natürlich sind die Eltern erstmal dagegen und alleine ist es natürlich auch etwas schwierig. Aber dann habe ich mir gedacht: Wenn es so etwas mal in Würzburg gibt, bin ich auf jeden Fall dabei. In die WhatsApp-Gruppe unserer Klasse kam dann ein Kettenbrief mit dem Namen ,,Schulstreik für das Klima am 18.01.“ Da wollte ich auf jeden Fall mitmachen! Nach dem ersten Streik gab es dann auch einen Instagram-Account.“

Sprachrohr: „Von Greta Thunberg hast du dann über ihre Rede bei der UN erfahren?“

Olivia: „Ja genau. Die Rede war, glaube ich, im Dezember und ist natürlich sehr bekannt geworden.“ 

Sprachrohr: „Inwiefern spielt Greta Thunberg bei euch denn eine Rolle?“

Olivia: „Wir versuchen auf jeden Fall zu vermeiden, zu sagen, dass Greta Thunberg unsere Chefin oder Anführerin ist, denn das ist sie ganz klar nicht. Eher ist sie eine Art Vorbild. Denn ich denke, dass viele die mitstreiken, dem, was sie sagt zustimmen, sich vorher jedoch nicht getraut haben, etwas zu sagen.“ 

Sprachrohr: „Wie lief dann der erste Streik ab?“

Olivia: „Vor dem ersten Streik gab es ein Basteltreffen, zu dem ich gegangen bin und bei dem ich den Organisator gefragt habe, ob ich vielleicht eine kleine Rede halten könnte. Am Ende hat das dann sogar wirklich geklappt! War natürlich das erste Mal, weswegen es erstmal nicht so gut lief, aber die nächsten wurden dann besser.“

Sprachrohr: „Finden die Demos regelmäßig, sprich jede Woche statt?“

Olivia: „Wir haben ganz am Anfang abgestimmt, dass wir alle zwei Wochen etwas organisieren und immer Schulstreik während der Schulzeit und Demo nach der Schule gegen 14 oder 16 Uhr abwechseln. Es ging uns dabei darum, dass viele Schüler gesagt haben, dass sie mitmachen würden, wenn die Demos nach der Schulzeit stattfinden würden, weil sie Angst vor den Konsequenzen haben. Häufig sind auch die Eltern ein Grund, dass sich viele nicht trauen mitzugehen, viele Eltern sind aufgrund des Verweises dagegen. Obwohl ein Verweis nicht viel aussagt. Der steht höchstens im Schülerbogen. Im Endeffekt kommen aber immer mehr Leute zu den Streiks als zu den Demonstrationen, was ziemlich widersprüchlich ist.“

Sprachrohr: „Was glaubst du, woran das liegt?“

Olivia: „Ich bin mir nicht ganz sicher. Vielleicht machen wir zu wenig Werbung, wenn eine normale Demonstration nach Schulschluss stattfindet. Ich glaube, dass die Leute dann doch keine Zeit oder Lust haben, auf die Demo zu gehen. Aber ich weiß auch nicht, warum. Auch bei uns in der Klasse sind beim ersten Streik vier Schüler*innen da gewesen, aber mittlerweile bin ich die einzige, die noch regelmäßig hingeht. Gründe sind dafür oft die Konsequenzen. Leider hat damals aber fast die ganze Klasse gesagt, sie würden zu den Streiks gehen, wenn diese nach der Schule stattfinden würden. Andererseits denke ich mir, so ist es fast besser. Bei denjenigen, die auch nach der Schule mitdemonstrieren, weiß man, dass es ihnen wirklich wichtig ist. Die zeigen dann auch, dass wir es nicht machen, um Schule zu schwänzen, sondern weil uns das Thema wirklich wichtig ist.“

Sprachrohr: „Wie viele Leute laufen immer so ungefähr mit?“

Olivia: „Beim ersten Streik waren wir, glaube ich, so ungefähr 1100. Am 15.03., glaube ich, auch. Bei den Demos nach der Schulzeit sind wir meistens ungefähr 400 bis 500. Die Zahlen sind jedoch immer sehr umstritten.“

Sprachrohr: „Handelt es sich bei den meisten Teilnehmern um Schüler oder demonstrieren auch viele Studierende oder Auszubildende mit?“

Olivia: „Die meisten sind tatsächlich Schüler, was ich als Problem sehe. Wir schaffen es leider nicht, die Studierenden an den Universitäten zu erreichen und Werbung zu machen. Es könnten viel mehr Studierende kommen, vor allem in Würzburg. Auch bei den älteren Generationen tut sich dieses Problem auf. Vor ein paar Wochen haben wir zum Beispiel eine Demonstration nach 16 Uhr gestartet, damit auch Berufstätige teilnehmen konnten. Es waren zwar einige da, auch mit ihren jüngeren Kindern, aber trotzdem waren es nicht so viele, wie wir es uns erwünscht hätten. Ich würde hier auch gerne noch mal verdeutlichen, dass Fridays For Future Studierende und Auszubildende ebenso ansprechen möchte wie Schüler.“

Sprachrohr: „Was erhoffst du dir von den Demos?“

Olivia: „Was wir jetzt auf jeden Fall schon erreicht haben, ist die Aufmerksamkeit. Wir haben versucht, die Leute darüber aufzuklären. Wir haben die Umweltdebatte wieder in den Vordergrund gerückt. Natürlich haben wir dabei auch Aufmerksamkeit von Politikern gekriegt, auch hier in Würzburg hatten wir ein Treffen mit dem Oberbürgermeister. Er hat uns eingeladen und uns auch wirklich sehr gut zugehört und uns erklärt, dass die Stadt in dem Bereich schon sehr viel macht und am Main schon zehn Bäume gepflanzt wurden. Uns wird generell gut zugehört, aber meistens wird uns erklärt, dass die Politik schon genug für die Umwelt tut.“

Sprachrohr: „Was sind denn eure konkreten Forderungen?“

Olivia: „Dazu gehört zum Beispiel, dass das Pariser Klimaabkommen eingehalten wird. Bundesweit gibt es in Deutschland zum Beispiel ein Forderungspapier, geschrieben von Fridays For Future, in dem unter anderem der Kohleausstieg bis 2030 gefordert wird und der CO2-Ausstoß verringert werden soll. Das Problem ist leider, dass wir keine Experten sind, die Politik von Wissenschaftlern jedoch genau weiß, was falsch läuft und was verändert werden sollte.“

Sprachrohr: „Glaubst du denn, dass wirklich jeder der, bei euch mitstreikt, sich mal intensiv und vor allem differenziert mit der Thematik Klimaschutz auseinandergesetzt hat?“

Olivia: „Ich denke leider tatsächlich, dass es einen Teil gibt, der einfach zum Schule schwänzen hingeht. Aber gerade aus diesem Grund machen wir Demonstrationen nach Schulschluss. Bei den Streiks gab es auch immer wieder Leute, die provokativ mit McDonalds-Bechern rumgelaufen sind. Da haben dann natürlich alle den Kopf geschüttelt, wirklich was dagegen tun können wir aber natürlich auch nicht. Aber das ist auch wirklich nur ein geringer Anteil, den wir selbstverständlich nicht unterstützen. Jeder sollte sich wirklich über das Thema informieren und seinen eigenen Konsum hinterfragen.“

Sprachrohr: „Hast du dich schon vor Fridays For Future mit dem Thema auseinandergesetzt?“

Olivia: „Ja, vor zwei Jahren habe ich angefangen mich, mit dem Thema zu beschäftigen und habe dann auch begonnen, meine Eltern damit zu nerven, dass ich Veganerin werden möchte, weil es einfach Fakt ist, dass die Massentierhaltung einer der größten Klimasünder ist. Leider sind meine Eltern sehr dagegen, weshalb ich eine vegane Lebensweise bisher nicht durchsetzen konnte, aber ich muss mittlerweile nur noch einmal die Woche Fisch essen. Durch Fridays For Future habe ich jedoch gemerkt, dass die Thematik Umweltschutz einfach wichtig ist, und jeder Einzelne etwas bewirken kann.“

Sprachrohr: „Was kann jeder Einzelne für die Verbesserung der Umwelt tun?“

Olivia: „Beispielsweise zu einer Demo gehen, den Fleischkonsum reduzieren sowie saisonal und regional einkaufen. Allgemein auf sein Konsumverhalten zu achten und den Lebensstil minimalistischer gestalten, nur Sachen zu kaufen, die man wirklich braucht. Daran muss ich auch noch arbeiten. Bei Kurztrips lieber mit Bus und Bahn fahren, statt das Flugzeug zu nehmen. Des Weiteren natürlich Wasser nicht endlos laufen und Licht nicht sinnlos brennen lassen.“

Sprachrohr: „Glaubst du, dass die FFF-Bewegung die Politiker zum Handeln bewegt und eure Forderungen umsetzbar sind? Sind sich die mitwirkenden Schüler dessen bewusst, welche Auswirkungen ihre Forderungen mit sich bringen können, z.B. Verlust von Arbeitsplätzen und finanzielle Einbußen?“

Olivia: „Natürlich können wir nicht genau wissen, ob die Regierungen auf die Forderungen eingehen, aber unserer Meinung nach ist der Kohleausstieg bis 2030 möglich. Ich finde, es fehlt nur der politische Wille – fraglich, ob dieser jetzt gefunden wird. Außerdem ist uns das Wegfallen vieler Arbeitsplätze bewusst, hierfür müssen noch Lösungen gefunden werden. Ich weiß nicht, ob unsere Bewegung konkret etwas verändern wird, aber so, wie es aussieht, haben wir gerade keine andere Wahl, als zu demonstrieren. Es ist das Beste, was wir tun können, deshalb mach wir auf jeden Fall weiter.“

Sprachrohr: „Welche Folgen bringt das Schulschwänzen mit sich und wie gehen Eltern und Lehrer damit um? Du hattest ja erwähnt, dass du schon einen Verweis bekommen hast.“

Olivia: „Die meisten Lehrer unterstützen unsere Aktion und sind begeistert davon, sogar unsere Schulleitung, jedoch müssen sie das Schulschwänzen mit Verweisen bestrafen. Einige Schulen vergeben aber keine Verweise. Wir wissen, dass die Schulpflicht besteht und wir somit eigentlich kein Recht auf Streiken haben, deshalb müssen wir mit Konsequenzen rechnen. Unsere Aktionen finden deswegen abwechselnd während und nach der Schulzeit statt. Allerdings bekommen wir nur Aufmerksamkeit, wenn die Demos während der Schulzeit stattfinden. Da wir selbst noch nicht berechtigt sind zu wählen, benötigen wir diese Aufmerksamkeit.  Die einzige Erwartung an uns ist, dass wir brav in die Schule gehen. Mit Nichterfüllung dieser Erwartung erregen wir Aufmerksamkeit von den Medien und Erwachsenen. Sie erfüllen ja auch nicht unsere Forderungen, indem sie unsere Zukunft schützen, somit bleibt dies unsere einzige Wahl. 

Wir haben auch schon eine 48-stündige Mahnwache am Rathaus gemacht. Von dieser haben kaum Leute etwas gehört, da die Medien nur sehr wenig darüber berichtet haben, nur ein paar Passanten zeigten Interesse. Einige von uns haben dort auch ihr ganzes Wochenende verbracht. Mit dieser Wache wollten wir beweisen, dass es uns nicht um das Schulschwänzen geht. Wir planen auf jeden Fall noch eine weitere Mahnwache.

Die Medien interviewen oft die Schulleiter, statt auf uns Schüler einzugehen. Im Februar wurde uns ein Treffen mit dem Bildungsminister von Bayern angeboten, aber dies lehnten alle Ortsgruppen ab, da wir mit dem Umweltminister sprechen wollen und ihm etwas zu sagen haben.“

Sprachrohr: „Welche Herausforderungen kommen zukünftig auf euch zu?“

Olivia: „Den Klimawandel versuchen zu stoppen sowie die CO2-Abgase enorm zu senken. Des Weiteren dürfen Wälder und somit der Wohnraum vieler Tiere und die Existenz der Artenvielfalt nicht großflächig für den Nahrungsanbau für uns Menschen und Nutztiere zerstört werden.“

Sprachrohr: „Wie sollten wir uns deiner Meinung nach auf den Klimawandel vorbereiten?“

Olivia: „Ich weiß es nicht genau, ich habe jedenfalls Angst vor der Zukunft. Wir in Deutschland werden wahrscheinlich am wenigsten davon betroffen sein, sondern eher die Menschen in Entwicklungsländern, die am wenigsten dazu beigetragen haben. Es wird mit Sicherheit eine Menge Klimaflüchtlinge geben, gerade für diese müssen wir jetzt schon auf die Straßen. Ich hoffe, die Politiker unternehmen bald etwas. Für mein Empfinden passiert bisher zu wenig.“

Sprachrohr: „Was willst du den Leuten abschließend mit auf den Weg geben?“

Olivia: „Die Leute, die nicht glauben, etwas verändern zu können, haben sowieso schon verloren. Wir haben keine andere Wahl als daran zu glauben, dass wir die Welt ein bisschen verbessern werden.“

Elisabeth Nötzel und Sophia Lietz