Raus aus der Filterblase

Andreas Jäger
Während andere Studenten die ersten kräftigen Sonnenstrahlen genießen, feilen sie an ihrer Rhetorik: Debattanten. So lautet die korrekte Bezeichnung für Freunde des Debattierens. Eben jene trafen sich am Wochenende des 28./29. April zur Süddeutschen Debattier-Meisterschaft (SDM) in Würzburg. Das Sprachrohr war beim Finale im Toscana-Saal der Residenz mit dabei.
Was ist Debattieren? „Wenn es einfach zu erklären wäre, hieße es Fußball“, sagt Thore Andiel. Fußball spielen funktioniere größtenteils intuitiv, trainiert werden könne nur die Zeit, wenn man nicht den Ball habe. Hier schlägt Andiel, seines Zeichens Rhetorik-Trainer sowie Preisträger mehrerer Debattierwettbewerbe, die Brücke zum Debattieren: Wesentlicher Bestandteil sei das Zuhören des Gegenübers, gar nicht so sehr die eigene Rede. Mit dieser Eigenschaft mache der Debattiersport Eigenwerbung. Denn wir alle liefen durch Social Media Gefahr, immer weniger die eigene Filterblase zu verlassen. Anders als sich so mancher vielleicht eingestehen möchte, werde eigene Meinungen auf den Online-Kanälen ständig reproduziert, während konträren Ansichten vom Algorithmus der Einlass verwehrt werde. So bekommen umweltbewusste Menschen Videos angezeigt, in denen Strände gesäubert, Plastik vermieden und Bäume gepflanzt werden. Wer hingegen AfD-Abgeordnete zu seinen Facebook-Freunden zählt, bekommt täglich Schreckensszenarien von Überfremdung aufgetischt. Und nichts anderes.
Beim Debattieren hingegen entscheidet das Los, welche Position eingenommen werden muss – für die Dauer der Debatte. Qual der Wahl? Nein, diese wird einem abgenommen. Man ist stattdessen dazu gezwungen, sich intensiv mit einer Haltung auseinanderzusetzen, die nicht unbedingt der eigenen entspricht. Dies trainiere Empathie, Reflexionsvermögen und die Fähigkeit, anderen zuzuhören und miteinander in den Dialog zu treten. Daher sei „der sachorientierte Austausch von verschiedenen Positionen […] im Wettstreit der Meinungen eines der wichtigsten Prinzipien der Demokratie“, so Lennart Lokstein, Präsident des Verbandes der Debattierclubs an Hochschulen e.V. (VDCH) in seinem Begrüßungswort.
Bei der Süddeutschen Meisterschaft traten die Finalisten, „Streitkultur“ aus Tübingen auf der einen, der Debattierclub Freiburg auf der anderen Seite, gegeneinander an. Beide Clubs gehören zur jeweiligen Universität. Beim Debattieren sind zwei Formate besonders geläufig: Der British Parliamentary Style (BPS) sowie die Offene Parlamentarische Debatte (OPD). Letztere kam beim Finale in Würzburg zum Einsatz. Es gibt hierbei zwei Dreierteams: Eines nimmt die Rolle einer fiktiven „Regierung“ ein, das andere der der „Opposition“. Zusätzlich gibt es drei fraktionsfreie Redner. Neben den etwa 100 Zuschauern begutachteten eine studentische sowie eine Ehren-Jury das Geschehen. Letztere war gespickt mit einiger Prominenz: So gehörte unter anderem Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden, zu den Juroren.
Lediglich 15 Minuten hatten die Teilnehmer Zeit, sich nach der Bekanntgabe auf das Thema der Debatte vorzubereiten, welches etwas sperrig daherkam: „Wenn sich im britischen Unterhaus eine Mehrheit für einen Rücktritt vom Brexit bildet, sollte dieser ‚Rücktritt vom Rücktritt‘ noch vor der Europawahl stattfinden?“
Und schon ging es los, lieferten sich Regierung und Opposition in je siebenminütigen Reden ein Pingpong des Für und Widers. Für jemanden, der neu im Debattier-Wettbewerb ist, waren weniger die einzelnen Argumentationen interessant. Die Regierung verwies darauf, dass die Briten vor dem Brexit-Votum unzureichend über das mögliche wirtschaftliche Desaster informiert worden seien und dass ein Rücktritt vom Brexit zwar inkonsequent, aber richtig sei, während sich Redner der Opposition dafür stark machten, dass man den Willen des Volkes bei solch einem Votum zu akzeptieren habe, wenn man schon direkte Demokratie verspreche. Vielmehr war man als neutraler Zuschauer durchaus beeindruckt von der Redegewandtheit der Wettstreiter. Es wurde benutzt, was der rhetorische Werkzeugkasten hergab: Variation der Lautstärke und Geschwindigkeit, Callbacks (sich auf vorherige Redner rückbeziehen), klarer Ausdruck, sicheres Auftreten und insbesondere bei Konrad Gütschow, einem der fraktionsfreien Redner, eine Gestik und Mimik wie Gerhard Schröder. „Ähms“? Fehlanzeige. Wer also im Gedanken an seine nächste PowerPoint-Präsentation eher Angstschweiß als souveräne Entspanntheit verspürt, sollte vielleicht mal beim Training des lokalen Debattierclubs vorbeischauen. Lediglich an Humor mangelte es ein wenig, sodass die Veranstaltung doch etwas steif wirkte. Aber so ist es wohl Tradition in diesem Redesport, der seine Wurzeln im angelsächsischen Raum hat und der die Wettstreiter im Hinblick auf die spätere Karriere auf wichtige Reden in den Parlamenten und Plenarsälen der Republik vorbereitet. Den Sieg und damit die gesicherte Teilnahme an der gesamtdeutschen Meisterschaft, welche vom 30.05. bis 02.06. in Heidelberg stattfindet, konnte sich das Team aus Tübingen sichern.
Nach der Siegerehrung stellte sich Samuel Scheuer vom Siegerteam der „Streitkultur“ den Fragen des Sprachrohrs. Zufrieden sei er mit der Debatte, zumal er kürzlich Erasmus in Schottland verbracht und dementsprechend das Dauerthema Brexit hautnah miterlebt habe. Wie er zum Debattieren gekommen ist? „Es war Liebe auf den ersten Blick“, erklärt der Politik-Student. Das Training laufe so ab, dass jemand ein Thema zum Debattieren vorschlägt. Wer die Debatte dann gewinne, sei nicht so sehr entscheidend. Stattdessen gebe es eine ausgeprägte Feedback-Kultur, die einem helfe, seine rhetorischen Fähigkeiten zu verbessern. Zuletzt beantwortete er noch die Frage, ob er denn eine Laufbahn innerhalb der Politik anstrebe? „Ja, in zehn Jahren siehst Du mich in Berlin oder Brüssel!“
Zuletzt sei noch darauf verwiesen, dass der Ausrichter der diesjährigen SDM, der Würzburger Debattierclub Colloquia Herbipolensia, sich immer donnerstags um 20 Uhr im Hörsaal 124 der Neuen Universität zur Trainingsdebatte trifft und Interessierte willkommen heißt.
Infos: https://www.debattierclub-wuerzburg.de/ bzw. https://www.facebook.com/DebattierclubWue/
Kontakt: info@debattierclub-wuerzburg.de