The day after today
Der rötliche Stein unter ihren Füßen ist noch angenehm kühl. Die ersten Sonnenstrahlen fallen bereits klar und warm auf die weiten Ebenen, doch die Kühle der vergangenen Nacht behält vorerst die Oberhand. Sie geht mit raschen Schritten auf den ausgetretenen Pfaden, ihre nackten Sohlen hinterlassen kaum einen Abdruck auf dem harten Boden. Ein sanfter, stetiger Wind von Westen treibt ihr Sand und Staub ins Gesicht, doch er kann das feine Tuch nicht durchdringen, das reich bestickt ihr Antlitz verhüllt und auch das lange dunkle Haar bedeckt. Ihre Schritte sind zielstrebig, ihre langen Beine setzen einen Fuß vor den anderen. Sie weiß, wohin sie möchte, auch wenn die Orientierung in den weiten trockenen Ebenen nicht immer einfach ist und die Pfade sich in einem verwirrenden Durcheinander kreuzen und winden. Der Brunnen liegt gut zwei Stunden Fußmarsch von der Siedlung entfernt und heute ist sie spät dran. Hoffentlich nicht zu spät. Steigt die Sonne zu hoch, wird es sich in der Glut nicht mehr aushalten lassen, doch an der Küste verweilen und auf mildere Temperaturen warten kann sie auch nicht. Zu unberechenbar sind die Wasser, zu wild der Wind.
Also läuft sie schneller. Die Stoffhose flattert um ihre Beine, ebenso wie die helle Bluse. Sorge treibt sie voran, zerfurcht ihr die helle Stirn, während ihre Augen den Horizont fixieren. Der kleine Esel hinter ihr schnaubt unwillig, doch noch kann er Schritt halten. Das Tier ist alt und elend und sie hätte gewiss nicht ihn als Lasttier gewählt, wenn es nicht das Letzte wäre, das ihnen geblieben ist. Sie schiebt die düsteren Gedanken energisch beiseite, die drohen ihr Gemüt zu fluten. Zu viel hat sie und ihre Sippe verloren, als dass sie es jemals würde vergessen können. Und dennoch ist nun nicht der Zeitpunkt, um darüber nachzusinnen. Ihr Ziel ist klar und sie muss es erreichen, ehe es zu spät ist. Sind die Tage bereits jetzt um die Mittagszeit kaum auszuhalten, wird es noch immer jeden Monat heißer und jedes Jahr scheint die Chance des Überlebens geringer. Sie presst die Lippen aufeinander und zerrt das Vieh vorwärts, auch wenn dieses wütend nach ihrem Arm schnappt.
Nicht zurückzukommen ist keine Option. Die Siedlung braucht das Wasser. Und obwohl sie das wusste, verstrich am Morgen dennoch viel zu viel Zeit, bis sie endlich aufbrach. Die Schuld überkommt sie mit einer eisigen Faust, die ihr in den Magen schlägt. Ganz plötzlich ist sie da, zerstreut jeden klaren Gedanken und jeden Überlebenswillen. Keuchend stolpert sie weiter, plötzlich sind da Tränen, die ihr die Sicht nehmen. Weiter. Sie muss weiter. Ihr Fuß bleibt an einem Stein hängen und sie fällt. Hart treffen ihre Knie auf den Boden und der raue Sand reißt ihr die Handflächen auf. Heiße Tränen fallen nieder und werden von der ausgedörrten Erde gierig aufgesogen. Sie bleibt einen Moment in dieser Position. Kauert auf Knien und Händen, während ihr die Tränen an der Nase entlang rinnen und den Boden nähren. So ist diese Welt geworden. Gierig. Verzweifelt dürstend nach Wasser mancherorts und anderswo in Stürmen und Fluten klagend. Wütend schlägt sie mit der flachen Hand auf den Boden. Staub wirbelt auf. Die Erde ist dem Tode geweiht, doch noch ist der letzte Kampf nicht ausgefochten.
Sie steht energisch wieder auf, packt den Strick des Esels, der sie unbeeindruckt aus trüben Augen anstarrt und geht weiter. Beinahe trotzig wischt sie sich die Tränen aus dem Gesicht, bevor die Sonne sie ihr in die Haut brennt. Der Boden beginnt sich langsam aufzuheizen. Ihre Sohlen spüren die aufsteigende Wärme. Es wird nicht lange dauern, bis sie keinen Schritt mehr tun können wird, ohne sich Brandblasen zu laufen. Sie eilt weiter, doch die Sonne scheint so viel schneller zu steigen, als ihre Beine laufen können. Endlich erkennt sie vor sich den flachen Hügel, hinter dem das Land zur Küste hin steil abfällt. Sie läuft noch einmal schneller, biegt vom Pfad ab und kämpft sich nun durch heißen Sand, der das Gehen mühsam macht. Keuchend geht sie voran. Bei jedem Schritt scheint sie wieder einen halben zurück zu rutschen. Die Anstrengung lässt sie nach Luft schnappen und Staub legt sich ihr auf die Lunge. Hustend stapft sie weiter. Der Esel hinter ihr blökt beleidigt. Auch er hat seine Not mit dem schlüpfrigen Sand. Nur langsam kommt der Kamm näher. Die Sandkörner brennen sich allmählich in ihre Haut, doch sie schenkt dem keinerlei Beachtung. Als sie endlich oben ankommen, sind sie beide am Ende. Der Esel schnauft mit halb geöffnetem Maul, die Zunge hängt ihm heraus. Unwillig stößt er ihr den Kopf in die Seite und schüttelt die langen Ohren.
Sie aber steht aufrecht da, breitet die Arme aus und genießt den frischen Wind, der an ihrer Kleidung zerrt. Die Luft schmeckt salzig und ist so frisch, wie sie in der Wüste niemals sein kann. Weit unten liegt das Meer. Mit wütenden Wellen schlägt es gegen scharfe Felsen und steile Kanten, aufgepeitscht von Wind und Hitze. Und zu ihrer Linken liegt etwas über dem Meeresspiegel der Brunnen. Ihr Ziel. Er steht auf einem kleinen Plateau, das sich wie eine Faust ins Meer schiebt. Der Anblick des steinernen Wasserlochs wirft sie wieder in die Gegenwart. Die Sonne steht bereits bedenklich hoch und die Hitze unter ihren Füßen kehrt zurück. Rasch greift sie in die kleine Tasche, die dem Esel an der Seite hängt und schlüpft in leichte und doch robuste Schuhe. Dann packt sie den Strick des Tieres kürzer und beginnt mit dem Abstieg. Schlitternd und stolpert rutschen sie, sich nach links haltend, den steilen Abhang hinunter. Der Esel beschwert sich immer wieder, doch zögert nicht, ihr zu folgen. Einige Male werden ihre Knie gestaucht, wenn ihre Füße unerwartet auf festeren Grund stoßen, doch sie ignoriert den stechenden Schmerz. Die sandigen Wellen schlagen ihnen beiden um die Beine, feine Sandkörner reiben auf der Haut. Endlich erreichen sie den steinigen Vorsprung, auf dem der Brunnen ruht. Unerschütterlich ragen die alten Steine im Kreis angeordnet auf. Sie spürt nun die Erschöpfung, die der Gewaltmarsch in ihren Gliedern hinterlassen hat.
Doch ihre Aufgabe ist noch lange nicht erfüllt. Sie muss vor dem Mittag zurück sein. Eilig zerrt sie den Esel bis an den Rand des großen Brunnens. Dort wirft sie alles Gepäck von seinem klapprigen Rücken. Dann schnappt sie das kleine Fass, das gut befestigt an einer Seilwinde über dem Abgrund schwebt und lässt es in die Tiefe sausen. Weit hinab geht es, bis das Seil für einen kurzen Moment nicht mehr gespannt ist und sie ein leises Platschen vernehmen kann. Nun packt sie den Esel und knotet das Seil an dem Gurt fest, der Bauch und Brust des Tieres umspannt und zerrt ihn vorwärts. Die Zeit drängt und stetig steigend brennt die Sonne immer mehr. Sie würde das Fass noch zweimal hinunterlassen müssen, bis alle ledernen Schläuche, die der Esel und sie selbst würden tragen können, gefüllt waren. Nur langsam stieg das Fass höher, so viel langsamer als die Sonne, so schien ihr. Endlich erreichte es die Seilwinde und sie eilte hinzu, um den Bottich am Brunnenrand abzustellen. Wasser schwappte ihr über die Hände. Teures, edles Süßwasser. Der Esel kam von ganz allein zu ihr. Mit fahrigen Händen griff sie nach den Lederschläuchen, die sie achtlos zu Boden geworfen hatte und füllte sie, so schnell es ging, mit der Flüssigkeit. Als der Esel seinen Schädel in das Fass senken wollte, schob sie ihn unwirsch beiseite. Ihre eigene Kehle war ausgedorrt, doch zuerst wollte sie alles Wichtige erledigt haben.
Inzwischen fraß sich die Hitze der Sonne in ihren Nacken, obwohl auch dieser durch ein Tuch verhüllt war. Ihr Herz pochte wie verrückt unter dem steigenden Druck. Sie musste es schaffen. Die Siedlung brauchte dieses Wasser, koste es was es wolle. Nach weiteren zwei quälend langsamen Ladungen Wasser, hatte sie endlich jedes Gefäß gefüllt und auf dem Rücken des Esels befestigt. Ein kleines Bündel würde sie selbst tragen. Ehe sie wieder aufbrachen, nahm sie einige große Schlucke von dem Rest Wasser am Grund des Fasses und ließ nun auch den Esel trinken. Dann packte sie ihn am Halfter und gemeinsam kämpften sie sich, nun schwer beladen, den steilen Abhang hinauf. Durch die Last wurden sie bei jedem Schritt noch weiter zurückgeworfen, als beim Aufstieg auf der anderen Seite. Für einen kurzen Moment zweifelte sie, ob sie jemals die Hügelkuppe würden erreichen können. Doch dann schien der Esel plötzlich eine verborgene Willensstärke zu entwickeln und mit energischen Schritten kämpfte er sich den Abhang hinauf, sie hinter sich herziehend. Zu erleichtert war sie, endlich oben angekommen zu sein, als dass sie dem erfrischenden Wind und der salzigen Luft des Meeres, das in der Tiefe donnernd gegen die Felsen krachte, weiter Aufmerksamkeit schenken würde. Sie ließ dem Esel wieder mehr Seil, hastig schlitterten sie die andere Seite des Hanges hinab und kehrten auf den festeren Weg zurück. Sofort lief es sich leichter, doch die Sonne stand hoch. Viel zu hoch. Die Schatten begannen bereits zu schrumpfen, während die Luft in heißen Schwaden über der Erde flimmerte.
Ihre Schritte waren groß und schnell, sie lief so geschwind, wie es ihre verbliebene Kraft erlaubte. Der Esel schnaufte und keuchte, doch im Zweifelsfall würde er den längeren Atem haben. Der Boden glühte. Selbst durch die festen Sohlen spürte sie die Hitze. Durchhalten. Weiterlaufen. Der Schweiß rann ihr über Stirn und Rücken, lief ihr in die Augen und ließ ihre Augen tränen. Sie ignorierte es. Sie ignorierte auch die Müdigkeit in ihren Beinen, die sich wie eine schwere Last an ihre Oberschenkel klammerte. Sie ignorierte den dumpfen Schmerz in ihren Knien von dem holprigen Abstieg und sie ignorierte das Bedürfnis, sich in der Hitze alle Kleidung vom Leib zu reißen. Die Sonne würde ihre Haut innerhalb von Sekunden verbrennen, während sich die Strahlung gierig in tiefere Schichten durchfräße. Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand vom Brunnen heimkehrte und irgendwann, nach Stunden, nach Tagen, plötzlich tot umfiel, vernichtet von der Sonne. Sie eilte weiter, auch wenn ihr jeder Schritt zunehmend schwerfiel. Es war nicht mehr weit. Sie musste nur durchhalten. Sie stolperte weiter durch die Wüste, durch die ewig rote Ödnis.
Im Umkreis vieler hundert Kilometer fand sich nichts als Trockenheit. Hoch im Norden gab es einige Landstriche, in denen grüne Pflanzen wuchsen und die Hitze nicht jeden Flecken Erde verbrannte. Doch dort war das Wetter unberechenbar. Es konnte wochenlang regnen, Stürme und Überschwemmungen geben und daraufhin mehrere Monate keinen Tropfen mehr. An den Küsten war das Meer ein tobendes Tier, unberechenbar und gefährlich, durchsetzt mit tückischen Strudeln. Der Süden war nicht anders. Der Ozean hatte sich unzählige Inseln geholt, weite Landstriche waren in den steigenden Wassermassen verschwunden. Menschen lebten abgeschnitten, kämpften mit Dürre, Wassermangel und Krankheiten, die sich in der aufgeheizten Welt wie rasend vermehrten. Siedlungen lagen weit verstreut, sodass Epidemien nicht allzu verheerende Auswirkungen hatten, doch so war jedes Dorf auf sich gestellt. Jedes Jahr forderten die wüsten Bedingungen ihren Tribut. Tiere starben massenweise, Ackerbau existierte kaum noch, die Weltbevölkerung belief sich auf einige Millionen, ohne dass jemand genaue Zahlen wusste. Katastrophen jagten einander in einem fürchterlichen Spiel. In dieser tristen Einsamkeit lief sie weiter, um ihr Dorf zu retten. Sie lief und wusste nichts von dem Sandsturm, der jedes Haus, jedes Zelt in der kleinen Siedlung mit all seinen Bewohnern längst vernichtet hatte.
Charlotte Popp