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Die widerspenstige Zähmung: 1.Semester Europäische Ethnologie/Volkskunde

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„Mutti, man kann den Alltag der Menschen studieren?!“

„Das machst du doch eh schon die ganze Zeit.“

„Ja, aber ich dürfte das dann offiziell machen.“

„Du meinst, du brauchst das schriftlich, um deine Nase in fremde Angelegenheiten stecken zu dürfen?“

Es war Ende März. Im Sommer letzten Jahres hatte ich meinen Masterabschluss als Gestalterin gemacht und trotzdem war ich mega unzufrieden mit meinem Wissensstand. Ich merkte schnell, dass mir das Handwerkszeug fehlte, um meine Projekte zufriedenstellend umzusetzen. Ich wusste, wie man ästhetische Werte und Stimmungen schaffte, polarisierte und eine Menge unterhielt. Mich interessierte aber auch, wie Wirklichkeit und Wahrheit funktionierten und vor allem, wie ich sie erfahren, dokumentieren und verstehen konnte.  – Was sollte man da studieren? Oder konnte man das überhaupt studieren?   

Ich entschied mich Philosophie und Religion in Würzburg zu studieren. Aber was als Nebenfach? Schließlich stieß ich auf die Europäische Ethnologie/Volkskunde. Das Wort Volkskunde schreckte mich zunächst ab: Klang es doch nach Etwas, das es zu NS- oder DDR-Zeiten gab. Es klang verstaubt. Der Eindruck wurde aber schnell von meiner Euphorie überrannt. Ich studierte eingehend die Infos auf der Uni-Website und warf die Arme in Höhe. Es klang fantastisch. Aus dem Nebenfach wurde schnell ein zweites Hauptfach.

Auch die Einführungsveranstaltung enttäuschte mich nicht. Denn als sich der Lehrstuhl und die Fachschaftsinitiative vorstellten, schaute ich in fröhliche Gesichter mit klarem Blick und wachen Augen. Jeder/Jede Einzelne erzählte von seinem Fachgebiet und den Seminaren, die angeboten wurden.  Es war keine Attitüde. Kein Müssen. Es war echte Neugier und der Spaß am Staunen. Keine Ahnung, aber ich bekomme beim Anblick von motivierten Menschen Herzklopfen. Und die Themen… heiliger Gesangsverein… du kannst dich wirklich mit Allem in der EE/VK beschäftigen. Der Blickwinkel ist entscheidend. Es geht um die Beziehungen zwischen Menschen, Dingen und auch anderen Lebewesen in Bezug auf Zeit und Raum. In der Europäischen Ethnologie werden die Stempel abgeschafft, die wir uns selbst und anderen aufdrücken. Phänomene werden nicht von außen betrachtet, sondern durch die Feldforschung und den Kontakt zu den Akteur_innen selbst erlebt und in ihrem Mikrokosmos beleuchtet. Der Lehrstuhl hat das aber schon wunderbar erklärt. Nähere Infos:   

Aber: Cool bleiben – nicht gleich vor Freude explodieren. Abwarten, dachte ich. Vielleicht handelte es sich nur um glattpolierte Worte vom Universitätsmarketing. Aber auch in den Seminaren ging es mir nicht anders. Abwechslungsreiche Themen, kompetente Menschen. Und was mir immer wieder sehr positiv auffällt: Diese Pause zwischen einer Frage und der Antwort. Eine Pause, die mir als Studierende das Gefühl von Wertschätzung gibt. Die Dozierenden denken über meine Fragen nach und bemühen sich um eine Antwort, die mir weiterhilft. Ich kann nachfragen, ohne das Gefühl zu haben, jemandem durch meine Unwissenheit auf die Nerven zu gehen. Meine Kommilitonen sind genauso der Hammer. Viele sind entweder an der Uni, politisch oder sozial aktiv. Es sind Macher. Menschen, die sich für andere Menschen interessieren… Menschen, die was bewegen wollen.

Tatsächlich stellte sich allerdings die Fachkultur, für mich als Künstlerin, als keine so leichte Kost heraus:

Das Gendern: Ich habe mich wirklich gewehrt. Auch wenn ich die Notwendigkeit in diesen Formulierungen verstehe… Dieser Unterstrich mitten im Wort sieht aus, als hätte ich aus Versehen einen Dateinamen in meinen Text hineinkopiert… Und das Sprechen ist noch schlimmer. Bei Akteur_innen und Teilnehmer_innen habe ich eher das Gefühl ein dadaistisches Gedicht zu rezitieren, als ernsthaften Inhalt zu vermitteln. Daran arbeite ich noch.

Die Höflichkeit: Als Forscher_in in einem Feld ist man auf die Offenheit und das Wohlwollen der Akteur_innen angewiesen. Erst so öffnen sich die Türen zum Alltag fremder Menschen. Das erfordert Fingerspitzengefühl… Meine übliche Methode aus der Kunst, provokativ mit der Tür ins Haus zu fallen, ihnen verbal auf den Tisch zu scheißen, um dann gespannt zu warten, was passiert… das funktioniert hier gar nicht. Das gilt auch für das wissenschaftliche Schreiben in der EE/VK. Es steckt voller Feingefühl und Umsicht. Deshalb lesen sich die Veröffentlichungen auch sehr gut. Man bekommt gar nicht mit, wie man mit fachlichen Erkenntnissen vollgepumpt wird, weil man das Gefühl hat, direkt mit dabei zu sein.

Die Forschungsmethoden: Als Studentin der Europäischen Ethnologie werde ich sofort ins Feld geworfen. Teilnehmende Beobachtungen, Interviews und Internetethnografie. Alles sehr praxisbezogen und von eigenen Erlebnissen geprägt. Der Glaube an Objektivität und ein übergeordnetes Verständnis verflog bei mir sehr schnell. Selbst meine Fragestellungen unterstellen dem Forschungsfeld schon gewisse Tendenzen. Persönliche Vorkenntnisse lenken meinen Blick und lassen mich Situationen verurteilen… und das ist okay. Ich muss es nur selbst erkennen und in meine Beobachtung mit einbeziehen. Dabei hilft ein Forschungstagebuch. Es ist so erfrischend, in Vorträgen nicht den allwissenden Erzähler spielen zu müssen, sondern sich selbst auch als Teil des Systems darstellen zu können und dabei trotzdem Wissenschaft zu betreiben. Natürlich ist das immer noch eine Frage der Kontextualisierung, und ich muss aufpassen, dass ich in all der Selbstreflexion nicht meinen eigentlichen Forschungsgegenstand vergesse. Aber nach jedem Referat, das ich im letzten Semester gehalten habe, habe ich mich ein Stück reifer gefühlt. Ich habe nicht nur ein Phänomen durchleuchtet, sondern auch etwas über mich selbst gelernt. Vielleicht strahlen die Lehrenden und Studierenden der Europäischen Ethnologie deshalb eine solche Ruhe und Gelassenheit aus. Ganz provokativ würde ich den Kulturrelativismus mit der buddhistischen Philosophie vergleichen: Nichts ist echt. Der Mensch hat sich alles ausgedacht und wir erreichen nur die Erleuchtung, wenn wir uns von allem lösen. Die Vorstellung, dass Kultur, Wissen, Emotionen und Glauben konstruiert sind, hat mich in meinen Grundfesten erschüttert. Das Seminar zu Identitäten und Lebensstilen hat mir dann den Rest gegeben: Da ist mir erstmals klar geworden, wie tief ich selbst in meiner konstruierten Wahrnehmung drinstecke. Von meiner eigenen Erwartungshaltung an bestimmte Rollenbilder bis hin zu Verhaltensmustern, die ich als natürlich empfinde, weil… ja war halt schon immer so. Ich habe mich in diesem Semester regelmäßig echt dumm gefühlt. Aber der Vorteil, wenn man weiß, dass man in der Matrix lebt: Man kann die Dinge viel mehr genießen. Konstruierte Werte sind umso spannender, wenn ich mich ihnen nicht verpflichtet fühle. Statussymbole und Lebensentwürfe haben weniger Wirkung, bleiben aber ein interessanter Forschungsgegenstand. Wenn mir ein Typ auf den Keks geht, betrachte ich ihn einfach als Phänomen – als Beispiel hegemonialer Männlichkeit. Und plötzlich sind auch Idioten spannend. Durch die Mischung aus Erlebtem, der passenden Literatur und den richtigen Ansprechpartner_innen habe ich das Gefühl einen wirklichen Mehrwert zu schaffen. Ich entwickle Verständnis und einen tiefgreifenden Erfahrungsschatz. 

Die Eingrenzung des Forschungsfeldes: Ich hasse es. Ich will doch alles und das auf einmal. Ich will mich nicht eingrenzen! Warum sollte ich in ein Projekt investieren, wenn ich nicht der Überzeugung wäre, damit die Welt verändern zu können? Dementsprechend kräftezehrend und konfus gestaltete sich auch meine Arbeitsweise für die ersten Referate. Schließlich erklärte ein Dozent, dass es in einer wissenschaftlichen Arbeit nicht darum gehe, innerhalb eines Aufsatzes die Welt zu erklären…  sondern einen winzigen Umstand so akribisch zu durchdringen, um einen Teil zum großen Ganzen beizutragen. – Ich war entsetzt über diese einleuchtende Logik und wieder sauer auf mich selbst. Das klang so bescheiden und intensiv zugleich. Als wäre jeder der vielen Aufsätze ein kleines Lämpchen, die in der Menge nach und nach gemeinsam Licht ins Dunkel bringen.

Kurz und gut: Das erste Semester ist vorbei und ich habe gefühlt eine zweite Pubertät durchgemacht… Das Konzept von Wahrheit und Wirklichkeit hat sich irgendwie aufgelöst. – Stattdessen habe ich etwas viel Wertvolleres gefunden: Möglichkeiten. Möglichkeiten, fremde Konstrukte zu erfassen und zu erleben. In der EE/VK kann man herausfinden, wie Gesellschaft funktioniert… und so lange es Menschen gibt, werden Menschen komische Dinge tun… und einer wird daneben stehen und sich fragen: „Warum tut er das?“

Luise Stark